Ludwig Wittgenstein und die „bestimmten Umstände“ des Sinns

Ich lese gerade Ludwig Wittgenstein „Über Gewißheit“ (Frankfurt 1970, hier zitiert nach der 15. Auflage 2020). Wittgenstein geht es in diesem Buch um die Frage, inwiefern man berechtigterweise davon ausgehen kann, dass man etwas mit Gewissheit wisse und behaupte.

Ich bin kein Wittgenstein-Experte und werde daher nur auf ein Detail eingehen, das mir bei der Lektüre aufgefallen ist. Nämlich:

Wittgenstein sagt, dass Sätze bzw. Äußerungen – in seiner Terminologie „Sprachspiele“ – nur „unter bestimmten Umständen“ Sinn machen. Sätze und Äußerungen sind also nicht grundsätzlich wahr und richtig. Sie sind wahr und richtig – d.h. „gewiss“ – nur in bestimmten Kontexten und Situationen. Ich zitiere Wittgenstein:

Die Laut-oder Schriftzeichen ‚2 x 2 = 4‘ könnten im Chinesischen eine andere Bedeutung haben oder aufgelegter Unsinn sein, woraus man sieht: nur im Gebrauch hat der Satz Sinn. Und ‚Ich weiß, daß hier ein Kranker liegt‘, in der unpassenden Situation gebraucht, erscheint nur darum nicht als Unsinn, vielmehr als Selbstverständlichkeit, weil man sich verhältnismäßig leicht eine für ihn passende Situation vorstellen kann und weil man man meint, die Worte ‚Ich weiß, daß …‘ seien überall am Platz, wo es keinen Zweifel gibt (also auch dort, wo der Ausdruck des Zweifels unverständlich wäre). (§10)

Es überrascht vielleicht, dass Wittgenstein sogar die mathematische Gleichung einklammert und das „Gewiss-über-deren-Richtigkeit-Sein“ nur in bestimmten Situationen gelten lassen möchte. Das macht aber gerade die Tiefe seines Zweifels aus; dieser Zweifel ist nicht mit einem beständigen Anzweifeln jeder Gewissheit, die Kommunikation ermöglicht, zu verwechseln. Vielmehr scheint es ein Zweifel zu sein, welcher vor einer vorschnellen Gewissheit und (Selbst-)Sicherheit in der Kommunikation schützen möchte; eben auch der Kommunikation einer mathematischen Gleichung.

Es gilt: Unsere Sätze machen nur „unter bestimmten Umständen“ (§622) oder gar „unter sehr besondern Umständen Sinn“ (§413). Auch scheinbar unauffällige Tatschenbehauptungen können keine universale und ewige Gültigkeit beanspruchen. Ein Satz wie „Das ist ein hölzerner Tisch“ macht in einem Möbelhaus und auf der Tischsuche ungleich mehr Sinn als im Verlauf eines Gesprächs im Rahmen eines  geselligen Abendessen, wo er sehr deplaziert wirken kann. Wir können uns bei unseren Sätzen bzw. Sprachspielen also nicht darauf zurückziehen, dass wir evtl. eine faktische Wahrheit ausgesprochen haben („Das ist ein hölzerner Tisch.“); unsere Sätze und Sprachspiele müssen sich auch unter den Umständen und in den Situationen, in denen sie verwendet werden, bewähren.

Im O-Ton Wittgensteins:

Wie ich aber den Satz außerhalb seines Zusammenhangs sage, so erscheint er in einem falschen Licht. (§554)

Satz und Kontext, Sprachspiel und Situation gehören immer zusammen. Nur wenn dieses Zusammenspiel bedacht ist, können Sätze und Sprachspiele so etwas wie Gewissheit beanspruchen; nur dann sind sie sinnvoll.

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