Die Grenze des Naturrechts

Wer affirmativ vom Naturrecht spricht, der oder die geht davon aus, dass es jenseits das positiven, schriftlich fixierten oder auch richterlich formulierten Rechts eine absolute Norm gibt. Es gibt unterschiedliche Ansätze, diese absolute Norm zu definieren: kommunikativ im Sinne eines sich fortentwickelten Konsens unter Menschen; weisheitlich als die über die Zeiten angesammelten kollektiven Wissensbestände, metaphysisch unter Zuhilfenahme eines mehr oder minder expliziten Transzendenzbezuges. Mehr dazu findet sich in den früheren Artikeln zum Thema.

Von einem Naturrecht zu sprechen macht aber nur Sinn, wenn man grundsätzlich annimmt, dass dieses Recht …

  1. … in möglichst vielen Kulturen potentiell Akzeptanz finden könnte. So hat die Goldene Regel sicher einen größeren naturrechtlichen Resonanzraum als die durchaus bedenkenswerte, aber nicht überall geteilte Überlegung, dass auch Kindern ein Wahlrecht zuzustehen ist. Naturrecht rekurriert auf die Natur des Menschen und auf das „von Natur aus So Seiende“ und kann daher nicht kulturrelativistisch ausgehebelt werden. In diesem Sinne könnte man sagen: Naturrecht ist von Natur aus nicht strittig, auch nicht über Grenzen hinweg. Freilich besteht die Gefahr, dass damit eine kulturrelativistische Keule gegen jede naturrechtliche Formulierung Anwendung finden kann, vornehmlich dort, wo naturrechtliche Überlegungen den Mächtigen einer bestimmten Kultur in die Quere kommen. 
  2. … über eine lange Zeit hinweg Gültigkeit beanspruchen kann. So kommen manche normative Sätze – wie bspw. die Goldene Regel – schon sehr lange in den Genuss, als Teil des naturrechtlich Normenapparats angesehen zu werden. Jüngere Einsichten, die Anspruch einer impliziten oder expliziten naturrechtlichen Grundlegung erheben, müssen sich erst noch über mehrere Generationen hinweg bewähren. Naturrecht ist also von Natur aus langlebig.
  3. … bei aller longue durée das Naturrecht einen geschichtlich wachsenden (zu- und abnehmenden) Bestand an normativen Sätzen besitzt. Es gibt also keinen fixen Apparate von naturrechtlichen Sätzen und Erkenntnissen. Die Erkenntnis, dass Sklaverei ein grundsätzlich zu verurteilendes Übel ist, kam uns so richtig erst in den letzten 10 Generationen. Gleichzeitig hat der Gedanke vom Gottesgnadentum des Monarchen – einstmals eine naturrechtliche Säule europäischer Herrschaftsordnungen – neuerdings doch arg gelitten. Naturrecht steht also nicht grundsätzlich immer fest, sondern unterliegt auch zeitbedingten Moden, man könnte es auch Entbergungszusammenhänge nennen. Wenn Naturrecht also strittig wird, dann ist es nicht mehr länger Naturrecht.

Damit ist auch schon eine wesentliche Grenze des Naturrechts angesprochen. Wie eben erwähnt, unterliegen einige Sätze, denen der Status des Naturrechts zuerkannt wird bzw. wurde, durchaus zeitlichen Konjunkturen. Was frühere Generationen als Naturrecht ansahen, wird von uns nicht mehr so gesehen – und umgekehrt. Wer vom Naturrecht spricht – sonderlich viele sind dies derzeit nicht – , erhofft sich zwar eine gewisse Erlösung von der Kontingenz der Zeitläufe. Aber auch diese Erlösung gilt immer nur vorläufig.

Das hat auch der protestantische Theologie Reinhold Niebuhr erkannt. Zu einem Zeitpunkt, da das Naturrecht nach dem Schrecken des Faschismus wieder größeren Zuspruch erlebte schreibt Niebuhr in „The Children of Light and the Children of Darkness“ (London, 1945) über das Naturrecht, das seiner Ansicht nach sowohl von Katholiken als auch von Liberalen – für Niebuhr ein Gegensatz! – zur Hilfe gerufen wird:

„Both fail to appreciate the perennial corruptions of interest and passion which are introduced into any historical definition of even the most ideal and abstract moral principles.“ (52)

Und:

„But every historical statement of them is subject to amendment.“ (53).

Man liest diesen Sätzen eine, ich nenne es mal, protestantische Skepsis ab: In der irdischen Welt – für Niebuhr gleichbedeutend mit einer von Sünde & Scheitern belasteten Welt – können wir keine Dinge sagen oder tun, die den Anspruch auf ewige Gültigkeit haben. All unser menschliches Tun und Lassen ist historisch, geschieht in Raum und Zeit und ist damit der Wandlung, Veränderung unterworfen. Es herrscht Kontingenz. Es herrscht eben nicht göttliche Ewigkeit, sondern irdische Endlichkeit,. Das gilt auch für gutgemeinte und sich auf religiöse Wurzeln berufenden Aussagen mit naturrechtlichem Anspruch.

Niebuhr scheint in seinem Text das Naturrecht aber nicht gänzlich verwerfen zu wollen, er will es nur in die Schranken verweisen. Denn jede naturrechtliche Argumentation greift auf Begründungsmuster und Ableitungsstrategien zurück, die in sich selbst wieder zeitbedingt und historisch sind. Das gilt auch für jene Muster und Strategien, die auf die Vernunft rekurrieren. Niebuhr schreibt:

„‚Natural law‘ theories which derive absolutely valid principles of morals and politics from reason, invariably introduce contingent practical applications into the definition of the principle.“ (54)

Niebuhr deutet an, dass es so etwas wie eine Hierarchie der naturrechtlichen Wahrheiten geben könnte (vgl. 55). Manche naturrechtlichen Aussagen unterliegen damit einer größeren Wandelbarkeit als andere naturrechtliche Aussagen. Ich habe ein Beispiel angeführt – die Goldene Regel – , die mit großer Beharrlichkeit an vielen Orten der Welt und zu allen Zeiten auftaucht. Aussagen, die von der Goldenen Regel ausgehend – einen konkreten historischen Zusammenhang bewerten wollen, verfügen aber schon wieder über eine wesentlich begrenztere Reichweite. 

All das heißt nun nicht, dass wir die naturrechtliche Argumentation fahren lassen müssen. Im Gegenteil: Es gibt bspw. gute Gründe, das Naturrecht immer mal wieder gegen das positive Recht der Staaten in Stellung zu bringen. Aber wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass auch solche Argumentationen – sub specie aeternitatis – begrenzt sind, ja, begrenzt sein müssen. 

7 Gedanken zu “Die Grenze des Naturrechts

  1. Pingback: Was das Naturrecht mit einer Bundestagswahl zu tun haben könnte – eine kurze Notiz | Rotsinn

  2. Lieber Burkhard,
    es ist auf jeden Fall sinnvoll, das wollte ich auch gar nicht bezweifeln. Mir geht es um den Begriff Naturrecht, da dieser keinen Sinn ergibt (und vielleicht auch nie einen hatte). Das deswegen – was auch im von Dir verlinkten Text klar wird – die Kriterien von Recht nicht erfüllt. Höchstens als eine Art hermeneutischer Präambel oder Leitsatz.
    Gravierender ist aber, dass er – potenziert in seiner neuthomistischen Verwendung – eine Natur ohne Natur propagiert. Der Begriff des „Natur“rechts wird ja bis heute in Stellung gebracht, wenn es darum geht, Erkenntnisse über die Natur bzw. naturwissenschaftliche Erkenntnisse ohne adäquate Argumentation zu widerlegen bzw. von vornherein als nicht diskutierbar zu diskreditieren.
    Deswegen ist die Verwendung des Begriffs Naturrecht nicht sinnvoll, was aber inhaltlich nicht auf die von Dir beschriebenen „Goldenen Regeln“ betrifft, die sich über einen langen historischen Prozess, häufig kultur übergreifend, herauskristallisiert haben. Hier würde ich aber eher von gesellschaftlich-kulturellen Konstanten als von einem Naturrecht sprechen.
    Und nun lasse ich locker! Herzliche Grüße Bernhard

    • Lieber Bernhard,
      vielen Dank für Dein „Nicht-locker-lassen“! Denn die Fragen und Kritikpunkte sind sehr triftig, hat das Naturrecht – gerade im katholischen Raum – doch eine zwielichtige Geschichte. Ich kann auch Deine Zurückhaltung gegenüber dem Begriff des Naturrechts als solchem gut verstehen. Allzuoft wurde dies – auch wieder im katholischen Raum – so verstanden, als könnte „man“ – vorrangig das Lehramt – einen ganzen naturrechtlichen Normenapparate aufstellen, der sich 1 zu 1 aus höheren Prinzipien ableiten ließe. Das halte ich für verwegen. Ich halte den Begriff trotz diesem Ballast für sinnvoll, da er dem positiven & gesatzten Recht klar macht, dass dem menschlichen Recht normative Grenzen gesetzt sind. Das dem Recht ein Recht – freilich ganz anderer Art – voran geht. Ich bin da aber auch letztlich entspannt. Sollte der Begriff des Naturrechts der Idee des Naturrechts im Wege stehn, dann kann man den Begriff auch um der Idee willen austauschen. Noch einmal: Herzlichen Dank für Deine Kommentare! Herzliche Grüße
      Burkhard

  3. Lieber Burkhard,
    vielen Dank für den interessanten Text!
    Es ist vollkommen richtig, dass naturrechtliche Aussagen der Kontingenz unterliegen und damit fast fraglich ist, ob es sich dann überhaupt noch um solche und nicht um einen Selbstwiderspruch handelt. Stärker herausstellen müsste man meiner Ansicht nach außerdem – obwohl dies in der Kontingenz impliziert ist – die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort entschieden wird, was Naturrecht, ja vielleicht sogar zunächst getrennt, was Natur und Recht ausmacht. Hierbei spielen Machtverhältnisse eine wesentliche Rolle, wie allein schon die Kirchengeschichte zeigt.
    Wenn es darüber hinaus eine Hierarchie der naturrechtlichen Wahrheiten geben sollte, die sich in einem historischen Prozess herauskristallisiert, dann stellt sich allerdings die Frage, wie naturrechtliche Kriterien dem Anspruch des Rechts genügen, das ja genau diese Kriterien im Hier und Jetzt benötigt und nicht einen grundsätzlich infiniten Prozess abwarten kann.
    Herzliche Grüße!
    Bernhard

    • Lieber Bernhard,
      vielen Dank für Deine Rückmeldung!
      Ja, in der Tat, das Bewusstsein von Kontingenz und Begrenzung jeder menschlicher Aussage – auch jeder Aussage mit Transzendenzbezug – könnte dazu führen, dass jeder naturrechtliche Anspruch fahren gelassen wird. Gerade angesichts der von Dir angesprochenen „Vermachtung“ auch des naturrechtlichen Diskurses scheint dies der einzig richtige Weg zu sein. Dieser Meinung bin ich aber dezidiert nicht! Mir kommt es so vor, dass in einigen naturrechtlichen Aussagen, wie z.B. der Goldenen Regel, ein solch starke Selbstevidenz – man könnte es auch Selbstoffenbarung nennen – liegt, dass man an solchen Aussagen kaum vorbeigehen kann. Ich gehe hier also von einer „Wahrheit“ aus, ohne dass ich mit mathematischer Sicherheit diese Wahrheit beweisen kann. Ich kann es mir nur nicht anders vorstellen, als dass die Goldene Regel zu allen Zeiten und an allen Orten zu gelten hat. Und dass dies auch der Wille des Schöpfers ist. Es gibt aber nur wenig naturrechtliche Aussagen, denen ich diesen Status zuschreiben würde.
      Herzliche Grüße. Burkhard

    • Lieber Burkhard,
      ich kann verstehen bzw. nachfühlen, was Du bezüglich der Goldenen Regel schreibst. Aber gerade sie ist ja eher ein hermeneutisches Prinzip, vielleicht Regel, aber kein Recht. Sie kann Rechtsfindungen lenken, allerdings in solch zartem Maße, dass sie ständig Gefahr läuft überformt zu werden.
      Als Maßstab für konkrete Rechtssetzungen ist sie auch deswegen nicht geeignet, da Recht auf der positiven Ebene ständig Kompromisse zulassen muss, die diese Regel verletzen. Ganz zu schweigen von der auch hier greifenden Vermachtung.
      Also: offenbartes, zu glaubendes oder hermeneutisches Prinzip ja, aber kein Natur“recht“.
      Erneute Grüße!

    • Lieber Bernhard! Danke für Dein „Nicht-locker-lassen“! In einem anderen Text zum Naturrecht habe ich gerade diese Natur des Naturrechts – weniger konkrete Rechtsetzung als viel eher hermeneutisches Prinzip – zum Thema gemacht. Ich spreche in diesem Zusammenhang dann von einem „schwachen Naturrecht“ und nenne neben der Goldenen Regel noch weitere Bsp. Macht es in Deinen Augen Sinn, was ich dort schreibe? Siehe https://rotsinn.wordpress.com/2015/05/27/naturrecht-als-methode/
      Grüße, Burkhard

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