„Alles ist, weil Du es siehst.“ Notiz zu einem Zitat von Augustinus.

„Die Dinge, die Du gemacht hast, sehen wir, weil sie sind; sie sind aber, weil Du sie siehst.“

So formuliert Augustinus am Ende seiner „Bekenntnisse“ (13. Buch, 38).

Die Dinge – einschließlich der Menschen – verdanken ihre Existenz nicht einer autonomen inneren Werdenskraft, sondern sie werden von Gott – dem augustinischen „Du“ – sozusagen ins Leben gesehen. Gott blickt aus sich heraus und schafft durch diesen Blick der Aufmerksamkeit ein Gegenüber. Ein Gegenüber, dass wiederum die Fähigkeit hat, mit ähnlicher Aufmerksamkeit andere Dinge zu sehen und auch von diesen anderen Dingen aufmerksam gesehen zu werden. Die Dinge wachsen also nicht aus sich heraus, sondern sie wachsen aufgrund des aufmerksamen Blicks, der ihnen von einem Du – dem schöpferischen und dem geschaffenen – entgegen schaut.

Augustinus spricht hier also von der aufmerksamen Schau-Beziehung der Dinge zu Gott. Aber auch die Dinge untereinander blicken sich wie gesagt an, blicken sich ins Werden und Sein. Die Dinge stehen miteiander in einer Beziehung des Sehens und Gesehen Werdens. So formuliert es z.B. die britische Dichterin Isabel Galleymore in ihrem Gedicht „Say Heart“:

„I am most like myself when likened.// He, for example, has made me realise/I can climb, jump between trees.“ (in: Significant Other, 2019, 15).

Die Aufmerksamkeit anderer Menschen/Dinge legt eine Kraft in uns hinein, die wir nicht aus uns selbst aufbringen können. Wir lernen Aufmerksamkeit, weil andere und anderes uns Aufmerksamkeit schenkt. Die anderen Menschen/Dinge sehen uns an, an-erkennen uns und verhelfen uns so zu Sein und Werden.

Und auch Rowan Williams spricht davon, dass es der Blick von außen ist, der uns konstituiert. Williams spricht in „Lost Icons“ (London 2003) von einer „self-relatedness“ und erläutert diese wie folgt: „That self-relatedness is not a self-enclosure, but the capacity to be seen or recognised, expressed and experienced as a ‚look‘ directed at us, as something that enables our own self-perception“ (ebd. 157).

Die Dinge blicken sich also gegenseitig an. Sie an-er-kennen sich dadurch. Sie schenken sich gegenseitig Aufmerksamkeit und Augenblicke. So schaffen sie sich gegenseitig die Kraft zum eigenen Wachstum, ruhend auf dem ewigen Blick einer ersten Aufmerksamkeit, von dem Augustinus spricht.

5 Gedanken zu “„Alles ist, weil Du es siehst.“ Notiz zu einem Zitat von Augustinus.

  1. Pingback: „Alles ist, weil Du es siehst.“ Notiz zu einem Zitat von Augustinus. – god.fish

  2. Das erinnert mich an Martin Bubers „Ich und Du“:

    „Beziehung ist Gegenseitigkeit. Mein Du wirkt an mir, wie ich an ihm wirke. Unsre Schüler bilden uns, unsre Werke bauen uns auf. […] Wie werden wir von Kindern, wie von Tieren erzogen. Unerforschlich einbegriffen leben wir in der strömenden All-Gegenseitigkeit.“

    „Die Liebe haftet dem Ich nicht an, so dass sie das Du nur zum «Inhalt», zum Gegenstand hätte; sie ist zwischen Ich und Du.“

  3. Das Gegenteil von sehen ist Unverständnis. Viele Konflikte entstehen weil jemand einen anderen falsch versteht. Bzw das Gegenteil versteht was ein anderer mitteilen möchte. Ein Dialog muß immer zweiseitig sein, nie ein Monolog der jemand über einen anderen redet.

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