Metaphern der Informalität

Die meisten Organisationen und Institutionen in den Ländern des Westens (und nicht ausschließlich dort) haben den Anspruch von Formalität.

Das heißt: Die Kommunikations- und vor allem Entscheidungswege in diesen Organisationen und Institutionen sind festgelegt, aufgeschrieben („gesatzt“), von außen nachvollziehbar und gehorchen einer rationalen, dem Zweck der Einrichtung folgenden Logik. Es gibt Sitzungen; zu diesen muss geladen werden; fristgerecht natürlich; man arbeitet sich durch eine Tagesordnung durch; schreibt Protokoll; lässt dieses Protokoll genehmigen, … .

Das ist die Theorie. In der Praxis weichen Organisationen und Institutionen oft von dieser Anspruch der Formalität ab. Man könnte sogar sagen: In der Regel weichen sie von dem Anspruch der Formalität ab . Das heißt: ein Großteil der Kommunikation läuft nicht formal ab. Diese Organisationen können aber – z.B. im Konfliktfall – jederzeit zu einer strengen Auslegung von Formalität zurückkehren. Das impliziert der Anspruch von Formalität. Ansonsten gibt es in Organisationen und Institutionen aber immer auch viel informales Handeln.

Diese Informalität wird im Alltag oft mit Metaphern bezeichnet. Diese Metaphern beschreiben ein Spektrum zwischen den beiden Polen einer Informalität als dem Regelfall des organisationalen Handelns im Alltag und der Informalität als als einem Handeln mit krimineller Energie. Hier sollen einige dieser Metaphern in aller Kürze und Vorläufigkeit entschlüsselt werden. Selbstverständlich gibt es auch Metaphern für das formale Handeln; Max Webers Beschreibung des modernen wirtschaftlichen Handelns als ein „stahlhartes Gehäuse“ ist sicherlich eine der bekanntesten.

Beispielhafte Metaphern von Informalität sind:

Flurfunk bezeichnet die spontane, informelle, anti-hierarchische Kommunikation zwischen Organisationseinheiten und Personen unterschiedlicher Einheiten in den atmosphärischen „Zwischenräumen“ der Organisation. Der beispielhafte Ort für den Flurfunk ist natürlich die Kaffeeküche.

Der Buschfunk ist eine ähnliche Metapher, freilich mit kolonialen Stereotypen behaftet.

Kurzer Dienstweg bezeichnet die geplante, antihierarchische Kommunikation von Fachdienststellen miteinander unter Umgehung der jeweils höheren Stellen. Der formale Dienstweg impliziert eine längere Aufwärts- und Abwärtsbewegung von Kommunikation. Der kurze Dienstweg sorgt für eine zügigere Kommunikation zu den Seiten hin.

Die graue Literatur kennt jeder, der mit Publikationen umgeht, von der man nicht recht weiß, ob es sich wirklich um Publikationen handelt, da sie weder über eine ISBN noch über einen Erscheinungsort verfügt: Selbstdrucke, Arbeitspapiere usw.

Bei der Vetternwirtschaft geht es nicht im strengen Sinne um die Zusammenarbeit von Vettern bzw. Cousinen. Es geht aber um verdächtige Vorteilsnahme von Personen in Amt und Würden auf der Basis von Bekanntschaft- und Verwandtschaftsverhältnissen. Formale, meritokratisch ausgerichtete Beziehungen, zu denen prinzipiell alle Zutritt haben, werden durch informale, klientelistische Beziehungen in geschlossenen Systemen ersetzt. Nicht das Können steht im Vordergrund, sondern die gegenseitige Loyalität der Systemmitglieder.

Die Hinterzimmer sind nie sprichwörtlich Hinterzimmer, sondern (virtuelle) Räume, in denen unter Umständen in Umgehung formaler Entscheidungsbefugnisse und unter Ausschluss von Öffentlichkeit Entscheidungen vorbereitet bzw. getroffen werden. Früher waren diese Hinterzimmer vorzugsweise von rauchenden Männern okkupiert.

Schattenwirtschaft bezeichnet man jene Bereich des wirtschaftlichen Lebens, in denen ein formales Berichtswesen, Steuererhebung, Rechnungswesen usw., aber auch soziale Absicherungs- und Rentensysteme nicht bzw. nur teilweise vorhanden sind. Das kann der Fall sein, wenn im Kontext einer sonst formal geordneten Wirtschaft verbotenerweise Schwarzarbeit vonstatten geht. Das kann aber auch der Fall sein, wenn eine formale Ordnung des Wirtschaftens in einem bestimmten Kontext nur in Ansätzen existiert. In diesem Fall stellt die Schattenwirtschaft den Regelfall des Wirtschaftens dar.

Mehr zum Thema unter https://www.wiso.uni-hamburg.de/fachbereich-sowi/professuren/jakobeit/forschung/akuf/archiv/arbeitspapiere/formalepolitik-conrad-2003.pdf

2 Gedanken zu “Metaphern der Informalität

  1. Meine Erfahrungen in internationalen Konzernen haben mir gezeigt, ohne informelle „Dienstwege“ läuft gar nichts. In einem Flussdiagramm kann nie alles eingeplant werden. Darum werden Menschen angestellt, nicht Roboter. Selbst wenn in Corona Zeiten vieles virtuell abläuft, so sind es doch Menschen die in zoom Meetings nebeneinander zu sitzen scheinen und miteinander sprechen, obwohl sie sich auf unterschiedlichen Kontinenten ein ge zoomt sind. In der Gruppe spricht es sich besser besonders wenn man den anderen sieht. In der Pandemie gibt es sogar mehr direkte Kommunikation als früher. Das soll so bleiben. Ich habe letzte Woche Astra Zeneka bekommen, Tag danach 38 Grad Fieber, übernächster Tag gesund.

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