„Die Kirche ist keine Demokratie“ – über einen politisch-theologischen Fehlschluss

Das Statement „die Kirche ist eine Demokratie“ hört man immer wieder. Dazu lässt sich unter anderem sagen:

Als Tatsachenbehauptung ist das Statement korrekt. Ja, die (katholische) Kirche ist keine Demokratie. Sie gleicht eher einem konsultativen Absolutismus. Sie ist eine Herrschaftsform, die von der Satzung her streng hierarchisch geordnet ist, wobei die höheren Stellen (Bischöfe inkl. dem Papst) in ihrem Jurisdiktionsbereich umfassende, wenn nicht sogar unbeschränkte Macht besitzen. Die Ausübung dieser Macht wird durch verfasste Konsultationsorgane ohne Entscheidungsfunktion begleitet, aber nicht formal eingehegt bzw. kontrolliert. Diese Form der hierarchischen Herrschaftsausübung – auch dies gehört zur Tatsachenbehauptung zwingend dazu – ist geschichtlich gewachsen und hat im 19. Jahrhundert ihre bis heute gültige Form erhalten (vgl. Michael Seewald 2021: Dogmatische Versuche über die Demokratie als Organisationsprinzip der katholischen Kirche, in: Wort und Antwort. Dominikanische Zeitschrift für Glauben und Gesellschaft, Jg. 62, Nr. 1, S. 27). 

Im Sinne eines Fehlschlusses wird diese Tatsachenbehauptung oft vermischt mit einer impliziten normativen Aussage. Es gilt also, dass die Kirche keine Demokratie im empirischen Sinne ist; hinzu kommt,  dass die Kirche im normativen Sinne auch keine Demokratie sein darf. So wie die Formalstruktur der Organisation zur Zeit empirisch aussieht, so ist sie auch normativ richtig; wird auf jeden Fall behauptet. Die Argumente, welche diese normative Aussage stützen sollen, können unterschiedlicher Natur sein: biblisch, systematisch, geschichtlich. In jedem Fall sind diese Argumente Anzeichen einer impliziten politischen Theologie bei jenen, die diese Argumente vorbringen: In die geschichtlich gewachsene und damit kontingente politische Verfasstheit einer Organisation werden Argumente hinein getragen, welche die höhere, absolute Natur dieser spezifischen Form von Organisation schlagkräftig begründen sollen. Es geht also auch um einen rhetorischen Schachzug im Gewand einer theologischen Argumentation. Oder anders ausgedrückt: Es handelt sich um einen politisch-theologischen Fehlschluss.

Wer sagt, die Kirche sei keine und dürfe auch keine Demokratie sein, dem unterläuft aber nicht nur dieser Fehlschluss. Diese Aussage ist auch empirisch betrachtet mehr als unscharf. In weiten Zügen ist die Kirche – rein synchron betrachtet – in der Tat ein konsultativer Absolutismus; doch diesem Absolutismus wird auch in der verfassten Organisation an entscheidenden Stellen eben von dieser Organisation nicht getraut! Das heißt: Die Kirche zweifelt an entscheidenden Punkten selbst an ihrer absolutistischen Organisationsform, und rekurriert auf das klassische demokratische Mittel einer (Mehrheits-) Wahl zur Entscheidungsfindung; freilich ohne dadurch zu einer Demokratie zu werden. Einige Beispiele:

  • der unfehlbar titulierte Papst wird in einem hoch formalisierten Akt von einer Gruppe von – zugegebenermaßen stark selektierten Personen – mit Mehrheitsprinzip gewählt;
  • die Entscheidungen auf einem kirchlichen Konzil werden ebenfalls mit Mehrheitsprinzip getroffen. Freilich wird hier so lange diskutiert und nach Kompromissen gerungen bis die Mehrheiten überwältigend sind und einen weitgehenden Konsens abbilden. Nichtsdestotrotz: es wird abgestimmt;
  • viele kirchliche Orden wählen mit großer Routine ihre Amtspersonen auf Zeit und unterziehen diese Amtspersonen auch regelmäßig einer strengen Kontrolle (vgl. zu den Dominikanern: Viliam Stefan Doci 2021: Demokratie – ein Kennzeichen des Dominikanerordens, in: Wort und Antwort. Dominikanische Zeitschrift für Glauben und Gesellschaft, Jg. 62, Nr. 1, S. 6-11.)

In der Kirche gibt es also an wichtigen Nahtstellen Mechanismen der Willensbildung, die demokratische Züge tragen. Wie auch sonst will man in wichtigen „Augenblicken der Entscheidung“ den Willen dessen herausfinden, der nach Lehre der Kirche, die Kirche gestiftet hat? Dieser göttliche Wille ist aus den irdischen Ordnungsmustern nicht eindeutig herauszulesen. Man kann daher bspw. losen – keine allzu schlechte Option. Oder man greift nach dem klassisch demokratischen Mittel von Diskurs als dem Austausch der Argumente und Mehrheitsentscheid als dem Ausdruck von expliziter Willensbildung.

Kirche ist also nicht zwangsläufig eine Nicht-Demokratie. Die Organisationsform von Kirche ist nicht zufällig oder willkürlich; sie ist aber historisch-kontingent. Das heißt, man kann sich – mit guten biblischen, systematischen und historischen Argumenten – auch eine andere Organisationsform von Kirche vorstellen; eine Organisationsform, in welcher demokratische Handlungsprinzipien (Gleichheit, Mehrheit, Kontrolle, Normbindung, vgl. Michael Seewald, ebd., S. 30f.) eine wesentlich größere Rolle spielen, als sie dies in der katholischen Kirche derzeit tun. 

Zuletzt: Menschen, die normativ davon ausgehen, dass die Kirche keine Demokratie sein dürfe, vertreten letztlich ein defätistisches Demokratieverständnis. In diesem Verständnis ficht das demokratische Mehrheitsprinzip als eine Säule der demokratischen Ordnung einen ständigen Konflikt mit dem Wahrheitsprimat, das der Glaube kennt, aus. Die Wahrheit wird hier der Demokratie diametral gegenüber gestellt, was – die erwähnten Beispiele aus der kirchlichen Praxis zeigen es – in keiner Weise plausibel ist. Es gibt Wege und Mittel der Wahrheitsfindung, die bewusst auf demokratische Partizipation setzen und darin auch die Wege des Heiligen Geists erkennen lassen mögen; wie es dann so schön heißt. 

2 Gedanken zu “„Die Kirche ist keine Demokratie“ – über einen politisch-theologischen Fehlschluss

  1. Was ist die Kirche? In ihrem Wesen? Gehe ich vom Theologischen Ideal aus, so ist Christus als Person der Gottheit absolute Instanz und sollte idealerweise mit unserem eigenen Gewissen erkannt werden können, auch von Menschen die aus anderen Kulturen und Religionen stammen. Dann wäre die von Gott gegründete Gemeinschaft Königreich und Demokratie gleichzeitig. Aber so einfach ist es nicht, da jeder Mensch seine eigenen Erfahrungen macht und zu eigenen Schlussfolgerungen kommt. Daher wird auch im kirchlichen Bereich Dialog und Demokratie notwendig sein. Petrus als erster Papst war nicht unfehlbar, kein weiterer Nachfolger Petri wird es sein. Jeder Papst wird zwar im Konklave gewählt aber nachher dem Volk von Rom präsentiert. Wenn alle am Petersplatz versammelten Bürger Roms NEIN rufen würden, ist der Papst nicht gewählt.

    • Danke für diesen Kommentar!
      Interessanter Gedanke zur Notwendigkeit der Akklamation nach einer Papstwahl!
      Herzliche Grüße, BC

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