Was ist anekdotisches Wissen und wozu kann es dienen?

Das anekdotisches Wissen hat in der Wissenschaft einen schlechten Ruf. Und es findet dennoch dauernd Anwendung.

Als „anekdotische Evidenz“ wird das anekdotisches Wissen in dem entsprechenden Eintrag von Wikipedia bezeichnet. Der Eintrag gibt wertvolle Hinweise hinsichtlich der Struktur solchen Wissens:

Anekdotisches Wissen unterliegt einer gewissen Informalität und Alltagsnähe. Es ist nicht abgesichert, unterliegt keiner formalen, geregelten Argumentation oder basiert nicht auf einer statistischen bzw. empirischen Erhebung. Das anekdotische Wissen wird auch nicht systematisch dokumentiert und nachgehalten.  Anekdotisches Wissen zeichnet sich also durch das aus, was es nicht ist: systematisches Wissen. Das anekdotische Wissen kann zudem gegen dieses systematische Wissen in Stellung gebracht werden. Es gibt zwischen den beiden aber keine Gegnerschaft per se. Systematisches Wissen in seiner empirischen Gestalt enthält auch Anekdoten; enthält deren aber viele und bringt diese vielen Anekdoten miteinander in Beziehung. Systematisches Wissen in seiner theoretischen Gestalt ist da schon weiter weg von der anekdotischen Evidenz; in der wissenschaftlichen Praxis wird die Anekdote aber gerne als Ausweis der Relevanz von Theorien genutzt.

Anekdotisches Wissen und Wissenschaft schließen sich also nicht aus. Das anekdotische Wissen begegnet einem gerade bei mündlich vorgetragenen, mit Spontanität behafteten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Dann nämlich muss die vortragende Person hemdsärmelig und schnell antworten, kann nicht lange nach empirisch validen Daten suchen oder Statistiken aus dem Hut ziehen. Dann gilt die eigene Anschauung bzw. Erfahrung plötzlich als ein unterstützendes Moment im wissenschaftlichen Gespräch. Die Anekdote – meine konkrete, aber ungesicherte Erfahrung – soll dann beispielhaft gelten für die These oder Theorie, die ich damit untermauern möchte. Nicht im Sinne eines Fallbeispiels, was schon wieder einen hohen Grad der systematischen Forschung bedeuten würde. Aber durchaus im Sinne eines Beispiels mit – zugebenermaßen – begrenzter argumentativer Reichweite. Das geht, wie gesagt, in mündlichen Beiträgen; in Aufsätzen und Büchern ist diese Art des en passant geäußerten Arguments eher weniger gern gesehen.

Das anekdotische Wissen kann – sehr produktiv – auch auf ein Forschungsdesiderat hinweisen. Quasi zeichenhaft hat man eine erste Ahnung davon, was die eigene Hypothese praktisch bedeuten könnte bzw. wo sie sich in der Wirklichkeit zeigen bzw. als wahr offenbaren könnte: „Vor drei Wochen war ich einen ganzen Tag alleine im Wald spazieren. Da habe am eigenen Leib erfahren, dass mir Stille gut tut; eine systematisch abgesicherte Aussage aber, ob Stille dem Menschen an sich gut tut, steht noch aus.“ Es wird auf dem Weg des anekdotisch vorgetragenen Wissens also eine Hypothese in den Raum gestellt, deren Vorläufigkeit gleich mit unterstrichen wird, verbunden mit dem Appell an die community, hier doch weiter zu forschen. Denn das Zeichen der Anekdote könnte einen wichtigen Weg weisen.

 

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