Was ist gute Geschichtsschreibung? Zu einem Zitat von Rowan Williams.

„Good historical writing, I suggest, is writing that constructs that sense of who we are by a real engagement with the strangeness of the past, that establishes my or our identity now as bound up with a whole range of things that are not easy for me or us, not obvious or native to the world we think we inhabit, yet which have to be recognised in their solid reality as both different from us and part of us.“

(Rowan Williams 2005: Why Study the Past. The Quest for the Historical Church, London, 23f.)

Was meint Rowan Williams mit diesem Zitat?

Williams ist auf jeden Fall davon überzeugt, dass es so etwas wie gute Geschichtsschreibung gibt. Es gibt Qualitätsmaßstäbe anhand derer wir gute von schlechter Geschichtsschreibung voneinander unterscheiden können. In diesem Zitat führt Williams als Qualitätsmaßstäbe nicht vorrangig wissenschaftliche Kriterien wie z.B. gründliches Quellenstudium an. Das ist für ihn, so vermute ich, eine Selbstverständlichkeit. Vielmehr sagt Williams:

Gute Geschichtsschreibung zeichnet sich dadurch aus, dass sie uns mit der Diskontinuität und Brüchigkeit unserer eigenen Geschichte und Identität bekannt macht. Gute Geschichtsschreibung zerlegt dadurch aber nicht unsere Geschichte, Geschichten bzw. Identität, Identitäten in unkenntliche Einzelteile. Gute Geschichtsschreibung offenbart unser eigenes Wesen als das, was jedes Wesen auch ist: als brüchig. Sie vermittelt Ehrlichkeit, Demut und schafft dadurch einen Raum größerer Offenheit und Freiheit.

Gute Geschichtsschreibung erschafft keine Mythen, erzählt keine Heldengeschichten und baut keine große Monumente. Gute Geschichtsschreibung entlarvt die Kontinuität von Geschichte und Identität als Fiktion. Und sie entlarvt das politische Streben nach dieser Kontinuität als ein Abweichen von der Wahrheit, als Lüge.

Denn die Wahrheit dieser Welt ist oftmals für den, der sie sucht, höchst unbequem. Wenn ich lange genug in meine Geschichte hinein schaue – meine eigene Geschichte, die Familiengeschichte, die Geschichte meiner Kommune, meines Landes, meiner Religionsgemeinschaft, meines Sportvereins, … – je länger und gründlicher ich schaue, desto bunter und vielfältiger und damit fremder wird das Bild. Selbstverständlichkeiten lösen sich auf.

Die Geschichte wird dadurch aber nicht weniger meine Geschichte. Nein: Die Geschichte mag mir durch mein genaues Hinschauen fremd geworden sein, aber sie ist auch reicher an Detail; sie ist lebendiger; sie ist menschlicher. Gute Geschichtsschreibung hat also durchaus einen Blick für das Detail, da in diesem Detail das Wissen meiner um mich selbst facettenreicher wird, Monotonität verliert.

Schlechte Geschichtsschreibung ist grotesk langweilig. Gute Geschichtsschreibung überrascht jedoch eins ums andere Mal mit den wilden Schattierungen des echten Lebens.

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