Über die religiöse Rede von ‚Welt‘. Zu einer Fußnote von Karl Rahner.

In der religiösen Sprache ist immer wieder von ‚Welt‘ die Rede, zumeist dann in dualistischen Zusammenhängen: Die einen leben „im Kloster“, die anderen leben „in der Welt“. Die einen praktizieren Kontemplation und Gebet und ziehen sich „aus der Welt“ zurück; die anderen gehen einem „weltlichen“ Beruf nach. Es gibt „Weltpriester“ und „Ordensgeistliche“. Und  natürlich auch: Es gibt auf der einen Seite die „Kirche“ und es gibt auf der anderen Seite die „Welt“.

Wie kommt dieses dualistische Begriffschema zustande? Und welchen Sinn macht in diesem Zusammenhang die Rede von „der Welt“? Meinen Text zum Kirche-Welt-Dualismus von vor einiger Zeit möchte ich hier ergänzen:

Zuerst:

Der Dualismus der Begriffe kann nur idealtypisch verstanden werden, kann hier und da eine Verstehenshilfe sein, gerade dann, wenn man sich mit der Geschichte und dem Zusammenspiel der unterschiedlichen kirchlichen und staatlichen Strukturen beschäftigt . Jenseits dieser konkreten institutionellen Ebene wird der Dualismus aber eine wackelige Angelegenheit. Er hält kaum einer empirischen Bestandsaufnahme stand. Auf der Ebene der handelnden Akteure nämlich gibt es alle möglichen Verquickungen von religiösen und weltlichen Sphären:

  • Ordensschwestern, die zwischen den Gebetszeiten Honig herstellen und diesen im Klosterladen mit Gewinn verkaufen;
  • Laienchristen, ohne welche das kirchliche Leben von Liturgie, Gemeinschaft und Diakonie vor Ort zusammenbrechen würde;
  • verheiratete Theologinnen mit Familie, die tagsüber in einer kirchlichen Verwaltung arbeiten, nach Feierabend ein privates Seelsorgegespräch führen, um anschließend die Steuererklärung zu machen;
  • ein Priester, der sich als Pfarrer die meiste Zeit mit der Renovierung von Kirche und Gemeindehaus beschäftigt;
  • eine Politikerin, die in den Sitzungspausen des Parlaments den hauseigenen Raum der Stille für ein Gebet aufsucht;
  • ein Karthäuser, der für seine Mitbrüder täglich das Essen kocht;
  • eine Unternehmerin, die aus religöser Motivation heraus in ihrem Geschäft sich um ethische Standards und ein gutes Miteinander bemüht;
  • … .

Nur einige wenige Beispiele, die phänomologisch aufzeigen sollen, dass das, was Welt ist bzw. meint auch in der religiösen Sprache so einfach nicht zu umschreiben, festzuschreiben und von der Kirche zu trennen ist. Man sollte sich also schon aus diesem Grund dafür hüten, Kirche als der religiösen Sphäre und Welt zu schnell ein bestimmtes Wesen zuzuschreiben, sie zu verdinglichen. Kirche und Welt an und für sich gibt es nicht, wie es meine Gartenbank oder den Supermarkt an der Ecke gibt. Wir haben es hier, weltlich gesprochen, mit Deutungskategorien und im Falle der Kirche auch mit einem mehr oder minder institutionalisierten Kommunikationsraum zu tun, wie gesagt: weltlich gesprochen.

Wie können wir aber in der religiösen Sprache adäquat von Welt sprechen? Welches Sprechen von Welt hilft uns begrifflich, versteherisch weiter? In einem seiner Aufsätze zur Theologie der Laien gibt der katholische Intellektuelle Karl Rahner (1904-1984) in einer längeren Fußnote eine interessante Antwort:

 

(Quelle: Karl Rahner 1956/2005: Laie und Ordensleben. Überlegungen zur Theologie der Säkularinstitute, in: Ders.: Schriften zur Theologie, Bd. 16, S. 89)

Folgt man Karl Rahner an dieser Stelle, dann kann Welt religiös gesprochen auf zwei Weisen gedeutet werden:

  1. Sie kann – durchaus biblisch fundiert – sündige und erlösungsbedürftige Welt sein. Dieser Blick auf die Welt betont dann die transzendent-eschatologischen Dimensionen des religiösen Glaubens. Dieser ist ausgerichtet hin  auf die Überwindung der Welt in ihrer immanenten, sündhaften Gestalt. Welt ist das, was man letztlich hinter sich lassen möchte.
  2. Sie kann aber auch gute, geschaffene und damit göttlich gewollte Welt sein. Hier richtet sich der Blick auf die immanente Geschöpflichkeit als ein Geschenk Gottes. Es vollzieht sich hier  – aller Gebrochenheit zum Trotz – eine Affirmation konkreter irdischer Bezüge, die mitunter inkarnatorische Züge annehmen kann. Welt ist das, was die Bedingung der Möglichkeit auch meines religiösen Lebens ist.

Beide Welt-Sichten übersetzen sich – auch hier spricht Rahner idealtypisch – in zwei religiöse Grundhaltungen (Rahner auch: „Akzente“). Im ersten Fall ensteht eine individuelle Grundhaltung  des Weltentzugs und der Weltentsagung, die sich wiederum in einer bestimmten Lebensweise konkretisieren kann, die vor allem mit Verzicht (Ehe, Besitz, Freiheit) verbunden ist. Dieser Verzicht wird als Zeichen interpretiert, das auf die Vorläufikeit alles Irdischen hinweist. Die andere Grundhaltung formt ein konkretes Lebensprojekt auf der Basis einer grundsätzlichen Weltbejahung aus. Geschlechtlichkeit bzw. menschliches Beziehungsgeschehen, Material und Lebensgestaltung werden als Gabe interpretiert, die – mit der religiös-ethischen Brille betrachtet – freilich jeweils einer Anformung bedürfen, um auch als Geschenk erfahren zu werden.

Folgt man diesen Ausführungen Rahners, dann muss man schließen, dass Welt nicht eine abgetrennte Sphäre ist, die irgendwo jenseits des Kirchenraums und im Gegensatz zu diesem Kirchenraum „ist“. Welt ist vielmehr die grundsätzliche Verwobenheit, in welche sich der Mensch von Beginn an geworfen (Martin Heidegger) sieht. Wie sich der (religiöse) Mensch zu dieser Verwobenheit verhält, liegt an ihm und ihr selbst. Grundsätzlich „weltlich“ sind wir als Geschöpfe alle; ob ich diese Weltlichkeit dann eher asketisch oder eher affirmativ oder in einer Vermischung von Askese und Affirmation annehme, liegt beim religiösen Bewusstsein selbst.

Die Idee einer innerweltlichen Askese, wie sie Max Weber in Bezug auf bestimmte Formen des Protestantismus ins Spiel bringt, spielt bei Karl Rahner, zumindest an dieser Stelle, keine Rolle. Schon so ist aber klar: „Weltlich“ und „kirchlich“ sind begriffliche Zuschreibungen, die immer nur vorläufigen Charakter annehmen können. Die Wirklichkeit ist viel komplexer, als dass es ein solcher Dualismus letztgültig zum Ausdruck bringen kann.

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