Über Rituale und Routinen

Als Reaktion auf meinen Beitrag zum Ritualdesign werde ich gefragt, was der Unterschied zwischen Ritualen und Routinen sei. Ein spontaner Versuch der Unterscheidung:

Rituale und Routinen haben gemeinsam:

  • ihren Wiederholungscharakter: Beide leben von einem Wiedererkennungsmerkmal, wobei ich den Verdacht hege, dass Routinen sich in höherem Tempo wiederholen als Rituale. Rituale können auch nur einmal jährlich – zum Beipiel zu Weihnachten – abgerufen werden; von Routinen würde man erwarten, dass sie häufiger – täglich, wöchentlich – vorkommen.
  • ihre Regelhaftigkeit: Rituale und Routinen unterliegen beide einem gewissen Schema der Abfolge und des Ablaufs. Ich stehe morgens auf, schaue in den Spiegel, wasche mir das Gesicht: eine klassische Routine. Hier macht sich aber auch ein Unterschied bemerkbar: Die Regeln der Routinen sind weniger ausdrücklich als die Regeln von Ritualen. Auch können die Regeln von Routinen schneller und spontaner verändert werden. Überhaupt würde man auch nicht von Regeln im normativen Sinne sprechen, sondern nur von Regeln im Sinne einer Regelhaftigkeit. Eine bestimmte Handlungsfolge kehrt immer wieder, sie muss aber nicht so wiederkehren.

Und so sind wir bei einigen Unterschieden:

  • Die Regeln der Rituale sind starrer als die Regelhaftigkeit von Routinen. Wie im vorangegangenen Text zum Ritualdesign angemerkt, sind aber auch die Ritualregeln keineswegs starr. Nichts auf der Welt ist unveränderlich, auch Rituale nicht. Routinen schon gar nicht.
  • Die Ritualregeln sind starrer, da sie oft auf einer – manchmal auch nur impliziten – Absprache im Kollektiv beruhen. Wenn Rituale spontan verändert werden, erzeugt dies im Kollektiv eine Irritiation und generiert Reaktionen, da die Erwartbarkeit des Regelablaufs unterlaufen wird. Routinen beziehen sich weniger auf Kollektive. Von Routinen spricht man eher mit Bezug auf das Handeln und Verhalten von einzelnen Menschen bzw. kleinen Gruppen.
  • Rituale – religiös wie mundan – fügen den regelmäßigen Handlungen eine übergeordnete Sinnebene hinzu bzw. sie streben diese Ebene an. Man praktiziert Rituale nicht nur, weil sie so schön sind und Spaß machen. Rituale beanspruchen, Bedeutung mit sich zu tragen. Routinen strukturieren zwar den Alltag in hohem Maße, tragen in sich aber keinen höheren Sinn.

Bei allen Unterschieden: Rituale und Routinen sind durch ein Kontinuum miteinander verbunden: Routinen können zu Ritualen sich auswachsen. Aber auch Rituale können so routinenhaft daherkommen, dass man ihre höhere Bedeutungsebene umsonst sucht.

Macht das Sinn? Nutzen Sie gerne die Kommentarfunktion!

2 Gedanken zu “Über Rituale und Routinen

  1. Erstaunlich, welche Erkenntnisse auf denjenigen warten, der sich dem Thema mit so hoher Auflösung nähert! Eine interessante Gegenüberstellung. Weitere Punkte von Interesse sind für mich:

    – Licht und Schatten von Routinen und Ritualen?
    – Okkulter Aspekt von R&R?
    – Welche Wechselwirkung entsteht zwischen Menschen und seinem Dasein unter Einwirkung von R&R?
    – Wird „freies Denken“ durch R&R beeinflußt?
    – Gibt es Möglichkeiten seinen Willen zu stärken, durch bewußte Veränderung von Routinen?
    – Auch dem Aspekt von ritueller Gewalt könnte man sich in diesem Zusammenhang nähern.

    Ich sehe das Potential für ein Langzeitprojekt.
    Herzliche Grüße

    • Vielen Dank für diese Ergänzungen. Okkulte Aspekte sehe ich bei Ritualen per se nicht. Aber sicherlich können Rituale auch missbraucht werden für alles mögliche. BC

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.