Die Lampe meiner Tante, oder: Die Verschmelzung von Anwesenheit und Abwesenheit

Bei uns zuhause steht auf einem kleinen Beistelltischchen eine Lampe. Schwarzer, schmaler Fuß. Einen ovalen Schirm in beiger Farbe. Sie sieht sehr minimalistisch aus. Ist leicht, kann überall, hingetragen werden. Auf jeden Fall leuchtet sie eine beliebige Ecke immer schön gemütlich aus.

Die Lampe stammt von meiner Tante. Fast.

Die Geschichte geht nämlich so: Meine Tante schenkte mir vor einigen Jahren eine Lampe. Diese Lampe hatte einen tönernen Fuß, der von einem Töpfer aus Frankreich stammte. Der Fuß war dunkelbraun, innen hohl, aber trotzdem von einem gewissen Gewicht. Abgesehen von der Elektrik bestand die Lampe noch aus einem hellen, bräunlichen Schirm mit einem zarten, gemalten Muster. War es eine Landschaft? Oder eine abstrakte Anmutung von irgendwas? Keine Ahnung. Die Lampe war auf jeden Fall schön, von haptischer Qualität, machte ein warmes Licht.

Dann riss bei einem Umzug der Schirm. Er war nicht zu reparieren. Nach einer längeren Zeit, während der die Lampe im Abstellraum stand, war sie arbeitslos. Irgendwann trug ich die Lampe dann zu einem Schirmmacher – das gibt es noch! – und kam mit einem neuen, eben diesem ovalen Schirm in beiger Farbe zurück.

Irgendwann fiel die Lampe dann von dem Beistelltischchen runter; der tönerne Fuß aus Frankreich brach entzwei. Der neue Schirm blieb aber heil. Ich habe nicht schlecht geflucht, schließlich aber die Sache versucht konstruktiv zu wenden. In einem großen Möbelhaus schwedischer Herkunft besorgte ich kostengünstig einen neuen Fuß, eben diesen schwarzen, schmalen Fuß.

So steht zuhause nun diese Lampe, die fast von meiner Tante ist. Ohne das Geschenk meiner Tante stünde auf dem Beistelltisch keine Lampe, diese Lampe. Diese Lampe ist physisch aber nicht mit der Lampe identisch, die frühe bei meiner Tante in der Wohnung stand. Der Idee, der Erinnerung, dem Gedanken nach handelt es sich aber um ein und dieselbe Lampe.

Die Lampe meiner Tante ist also abwesend anwesend. In der Geschichtswissenschaft spricht man in so einem Fall von Diskontinuität. Zwischen dem, was früher war und dem, was heute ist besteht ein enger Zusammenhang. In diesem Zusammenhang gibt es aber einen kleinen oder größeren Riss, der dafür sorgt, dass wir vom Früher ins Heute nicht einfach durchrutschen können. Gleichwohl verschmelzen die Horizonte von Vergangenheit und Gegenwart, wie sich Hans-Georg Gadamer wohl ausdrücken würde.

In der Bibel gibt es ein ähnliches Motiv. Mose möchte Gott sehen. „Lass mich doch deine Herrlichkeit sehen.“ (Ex. 33, 18). Doch Gott lässt sich nicht ins Gesicht sehen. Gott sagt zu Mose: „Siehe, da ist ein Ort bei mir, stell dich da auf den Felsen! Wenn meine Herrlichkeit vorüberzieht, stelle ich dich in den Felsspalt und halte meine Hand über dich, bis ich vorüber bin. Dann ziehe ich meine Hand zurück und du wirst meinen Rücken sehen. Mein Angesicht kann niemand schauen“ (Ex. 33, 21ff.).

Auch hier: Gott ist anwesend, aber nur abwesend ist er anwesend. Gott ist da, aber nicht zum Festhalten da. Abstrakt formuliert: Gott ist nicht als der Gott da, den wir uns ausformulieren. Gott ist nicht identisch mit dem Gott, von dem wir mehr schlecht als recht reden. Gott ist da, aber anders. Zwischen Gott und „Gott“ besteht so etwas wie ein Riss.

Wie bei der Lampe. Immer, wenn ich die Lampe anschaue, denke ich an meine Tante. Auch wenn meine Tante mir nicht diese Lampe zum Geschenk machte. Diese Lampe steht aber für das Geschenk, das mir vor vielen Jahren gemacht wurde. Sie steht physisch an diesem Platz, als ständiger Platzhalter. Sie steht auch gedanklich an diesem Platz.

Ich erzählte meiner Tante vor nicht allzu langer Zeit von dem doppelten Verlust und der doppelten Auferstehung ihres Geschenks. Meine Tante und ich haben hier also eine geteilte Erinnerung an etwas, was nicht mehr so ist, wie es einmal war, aber weiterhin warmes Licht verbreitet. Abwesend anwesend leuchtet die Lampe auch jetzt in der dunklen Jahreszeit.

Ein Gedanke zu “Die Lampe meiner Tante, oder: Die Verschmelzung von Anwesenheit und Abwesenheit

  1. Wahrscheinlich ist auch die Glühbirne schon öfters ausgetauscht worden und stammt nicht mehr von einem Konzern in den Niederlanden, sondern ist eine LED Lampe mit Ursprungsland made in EU.
    So geht es Europa ständig. Vielleicht wird auch Nordmazedonien bald dazugehören. So ist das Leben. Stillstand ist Tod.

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