„I once thought that our people must be brought to the Church; now I think the Church must come to them.“

Müssen die Menschen zur Kirche kommen oder muss die Kirche zu den Menschen gehen?

Schon vor über 150 Jahren war dies eine wichtige Frage. Das zeigt das oben angeführte Zitat, das hier noch einmal wiederholt werden soll:

„I once thought that our people must be brought to the Church; now I think the Church must come to them.“

Zugeschrieben wird dieses Zitat dem hochkirchlichen Geistlichen Robert Suckling (1818-1851), der Mitte des 19. Jahrhundert seinen Dienst in dem Weiler Bussage innerhalb der anglikanischen Diözese von Gloucester leistete. Überliefert wird das Zitat von Isaac Williams in dessen „A short Memoir of the Rev. R.A. Suckling“ aus dem Jahr 1852. Abgedruckt fand ich es in O.W. Jones (1971): Isaac Williams and his circle“ (London: SPCK: 117).

Interessant an diesem Zitat sind auch für heutige Zusammenhänge aus meiner Sicht (mindestens) drei Punkte:

  • Die Ausformulierung einer kirchlichen Haltungsänderung mit expliziter Öffnungsformel ist viel älter als heutige pastoral-kirchliche Überlegungen vermuten lassen.  Schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts nutzte man Formulierungen, wie sie 1:1 auch heute Verwendung finden. Schon damals beschäftigte man sich mit dem Problem, dass die Menschen nicht von alleine ihren Weg in die Kirche finden. Das verhilft zur Gelassenheit.
  • Die Formulierung von Suckling ist – so legt es der Kontext nahe – einer sozialen Agenda geschuldet. Die Motivation dieser Öffnungsformel erwuchs aus einem karitativ-diakonischen Bewusstsein heraus. So berichtete Isaac Williams in seiner Schrift, dass Suckling regelmäßig kranke Gemeindemitglieder besuchte und auch für Frauen, die sich aus Armut zur Prostitution gezwungen sahen, Hilfe organisierte (ebd.). Auf die Menschen zu zugehen ist hier also keine beliebig füllbare Maxime, sondern bezieht sich konkret auf die kirchliche Option für die Armen.
  • Die Formulierung spielt mit der doppelten Bedeutung des Wortes „Kirche“. Das eine Mal ist „Kirche“ ein konkretes Gebäude. Es handelt sich um das Gotteshaus der Ortsgemeinde, in das sich zu Gottesdienstzeiten offenbar nicht mehr so viele Leute verlaufen. Das andere Mal ist „Kirche“ eine vor Ort durch konkrete Menschen repräsentierte Institution. Im Gegensatz zur Kirche als Gebäude können sich Menschen fortbewegen. Gebäude und menschlich vermittelte Institution werden hier – etwas unlauter – gegeneinander ausgespielt. Kontemplative Immobilität steht aktiver Mobilität gegenüber.

Vielleicht wäre es richtiger zu sagen:

Tue das eine – die Menschen „aktiv“ in ihren Lebenszusammenhängen in der Welt aufzusuchen – ohne das andere – das Haus Gottes „kontemplativ“ zu bebeten – zu lassen. Beides sei in der richtigen Haltung einer durchlässigen diakonisch-liturgischen, kontemplativ-aktiven Seelsorge zu verwirklichen.

 

4 Gedanken zu “„I once thought that our people must be brought to the Church; now I think the Church must come to them.“

  1. Zur sozialen Dimension der „Entkirchlichung der Arbeiter“: Wahrscheinlich waren sich Reformer wie das Oxford movement und Henry Newman der Situation bewusst, dass viele Arbeiter am Sonntag arbeiten mussten und oft so weit von einer Kirche entfernt wohnten, dass Gottesdienst besuch für sie nicht möglich war. Nur die reichen Bürgerschaft konnte sich leisten am Sonntag in die Kirche zu gehen und dort auch „gesehen“ zu werden. Auch in Wien war es ähnlich. Hausbedienstete durften oft zumindest am Sonntag nachmittag in die Stadtkirche gehen, falls sich der Haushalt in der Innenstadt befand.
    Am Wienerberg gab es keine katholische Pfarre. (erst in den 1960er Jahren wurde ein umgebauter Pferdestall als Kirche geweiht). Am Wienerberg befanden sich die Wienerberger Ziegelwerke, auf deren Firmengrundstück die Arbeiter wie Sklaven wohnen mussten. Meist Migranten aus Böhmen.
    Kinderarbeit war selbstverständlich, 5 jährige Buben waren LastwagenFahrer. Auf dem Werksgelände
    gab es keine Führerschein oder Strassenverkehrsregeln.

    • Danke! Ein weiteres Problem war auch, dass in den urban, industriellen Zentren die ‚Versorgung‘ mit Kirchen in der ersten Hälfte des 19. Jh. lückenhaft war. Die (anglikanische) Kirche kam mit ihren mittelalterlich geprägten Gemeindestrukturen nur langsam hinter der veränderten sozialen und räumlichen Mobilität hinterher. Einige hochkirchliche Geistliche sahen es dann als ihre Aufgabe, gerade in diesen industriellen Zentren seelsorgerlich zu wirken (’slum priests‘).

  2. Könnte es sein, dass im 19. Jahrhundert dort die Methodisten zu den Armen gingen?
    Und der anglikanischen „Hochkirche“ verloren gingen?

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