Die Angst der Kirche vor der Eschatologie

Zuletzt ist es vor wenigen Tagen geschehen: Die Gemeinde singt im Gottesdienst ein Lied, in diesem Fall ist es „Morgenglanz der Ewigkeit“. Im katholischen „Gotteslob“ sind vier Verse des Liedes abgedruckt. Wir singen aber nur drei Verse. Der vierte Vers wird weggelassen. Dieser lautet:

„Licht, das keinen Abend kennt, / leucht uns bis der Tag sich neiget. / Christus, wenn der Himmel brennt / und dein Zeichen groß aufsteiget, / führ uns heim aus dem Gericht in dein Licht.“

Vor einigen Wochen traf es „Nun danket all und bringet Ehr“. Hier lauten die letzten beiden im „Gotteslob“ abgedruckten und nicht gesungenen Verse:

„Solange dieses Leben währt, / sei er stets unser Heil, / und wenn wir scheiden von der Erd, / verbleib er unser Teil.

Er drücke, wenn das Herze bricht, / uns unsre Augen zu / und zeig uns drauf sein Angesicht / dort in der ewgen Ruh.“

Es handelt sich hier nicht um das Problem eines einzigen Gottesdienstortes. Dass die letzten Verse vieler Lieder gerade im deutschsprachigen Raum – im englischsprachigen Raum habe ich dies anders erfahren – im Gottesdienst gerne gestrichen werden, habe ich schon an vielen verschiedenen Orten erfahren müssen.

Man könnte nun einfach sagen, dass die deutschen Kirchgänger singfaul sind. Das mag so sein. Als Folge dieser Faulheit tritt dann aber oft ein, dass zumeist jene Verse nicht gesungen werden, die zum Ende eines Liedes die letzten Dinge thematisieren. Die Thematisierung der letzten Dinge schlägt die Theologie der Disziplin der Eschatologie zu. Singfaule Kirchen begegnen ihr kaum.

Man könnte also auch schärfer formulieren: Die deutschen Kirchgänger sind nicht nur singfaul. Sie haben auch Angst vor den letzten Dinge. Tod, Gericht und Ewigkeit werden außerhalb von Beerdigungsfeiern, also im gewöhnlichen Verlauf des Kirchenjahrs, nur zurückhaltend thematisiert. Pflichtschuldig lässt man im November anklingen, dass die Themen weiterhin zum Gut des Glaubens gehören. Das war es dann aber schon.

Oder wann habe ich das letzte Mal eine Predigt oder eine Andacht zur Wiederkunft Christi gehört? Oder zur neuen Schöpfung? Oder zum Weltgericht? Natürlich sind diese Themen etwas sperrig und vermeintlich weit weg vom Alltag der Menschen. Von daher ist die Nicht-Thematisierung irgendwie auch verständlich. Aber bis zum nächsten Todesfall im Kreis der Verwandten bzw. Bekannten ist es manchmal nicht weit. Auch ist die politische Sehnsucht der Menschen nach einer letzten, sich endgültige durchsetzenden Gerechtigkeit oder anders formuliert: nach einer „Zeit mit Frist“ (J. B. Metz 2006 : Memoria Passionis, Freiburg, 135ff.) nicht auszurotten.

Doch nicht nur das: Die genannten Themen stellen auch ein großes Fragezeichen in den Raum: Wie ernst meinen wir es in der Kirche mit den letzten Dingen? Glauben wir, um ein Beispiel zu nennen, wirklich – d.h. alltäglich – an eine objektiv feststellbare Wiederkunft Christi? An ein Weltgericht, das persönliche und strukturelle Sünde aufdeckt? An die Wirklichkeit einer Ewigkeit im Angesicht des Ewigen? Oder haben wir es uns in der sog. Parusieverzögerung gemütlich eingerichtet und überlassen uns dem ziellosen Lauf der irdischen Dinge?

Wer ein Lehrbuch zur Eschatologie aufschlägt – auf meinem Schreibtisch liegen die beiden von Medard Kehl SJ (1986) und Jürgen Moltmann (1995) – der wird feststellen, dass es verschiedenste durchaus wohlmeinende Strategien gibt, den schwierigen Themenkomplex der letzten Dinge im alltäglichen Leben gläubiger Menschen zu verankern. Gleichzeitig ist den akademischen Sprach-  und Denkmöglichkeiten auch Grenzen gesetzt.

Eschatologischer Glaube findet sich dann gerade (auch) in den Tränen von Hinterbliebenen, in denen sich Trauer mit Hoffnung mischen. Oder er findet sich in den Schreien der Unterdrückten, die Zorn und Sehnsucht nach Gerechtigkeit zugleich ausdrücken. Oder er findet sich in den letzten Versen jener Kirchenlieder, die wir dann irgendwann auch singen sollten.  Mit ihnen nähert sich der Glaube den Grenzen an, welche wir so oder so

kurz davor sind

Tag für Tag

zu überschreiten.

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4 Gedanken zu “Die Angst der Kirche vor der Eschatologie

  1. „Frieden“ ist unter anderem ein eminent eschatologischer Begriff. Trotzdem sprechen die akademisch-theologischen Friedens- und Sozialethiker der Gegenwart nie vom Frieden im eschatologischen Sinn. Da mich das schon länger wundert, bin ich für den den Blog (und die wichtige Referenz auf Augustinus im ersten Kommentar) sehr dankbar.

    • Was für das kirchliche Leben zutreffend sein mag (meine Beschreibung), trifft analog vielleicht auch auf die theologisch Ethik zu. Danke für den Hinweis!

  2. Augustinus beschreibt im letzten Buch von Civitas Dei wie die Werke der Menschen (nicht die Menschen)durch das Feuer gehen (1. Kor. 3,10-15). Im Gericht werden die Werke aller geprüft werden, und die schlechten Werke vergehen, sie haben keinen Bestand. Ich schließe daraus: die Hölle ist Werk des Teufels, nicht Gottes Schöpfung, also ist die Hölle nicht ewig. (Augustinus ist da anderer Meinung). Die leibliche Auferstehung war für Römer wie Cicero zwar denkbar, aber er meinte irdische Leiber gehörten auf die Erde, sie werden nicht in den Himmel aufgenommen. Er denkt dabei an vergöttlichte Menschen wie Herkules und Romulus. Die ewige Seligkeit im Gottesstaat: Dieses letzte Kapitel vermittelt die Hoffnung auf die Ziele Seligkeit und Ewigkeit. Diese beiden Ziele gehören zusammen, denn eine Seligkeit die nicht ewig wäre, wäre nur eine begrenzte Seligkeit. Augustinus beschreibt das alles poetisch, denn anders als mit der Sicht des Herzens kann man diese Hoffnung nicht schildern. Am Ende der Weltzeit ist unser Sabbat, der siebente Tag, an dem Gott ruht und uns ruhen lässt in ihm. Wir werden still. Am Ende dieses siebenten Tages kommt keine Finsternis, es wird nie mehr Abend, sondern die Zeit geht über in die Ewigkeit, den achten Tag der kein Ende mehr hat. Es ist unser Sonntag, der Tag der durch Christi Auferstehung geheiligt wurde, eine Ewigkeit voller Leben, wir werden Gott schauen, schauen und lieben, lieben und loben im Gottesreich, ohne Ende…..

    • Vielen Dank für den Kommentar und die Ergänzungen!
      Genau solche und ähnliche Themen scheinen mir im Alltag des Kirchenlebens kaum vorzukommen. Oder täusche ich mich da etwa?
      B. Conrad

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