Über Mauern.

Ich finde Mauern schön. Besser gesagt: Ich finde bestimmte Mauern schön. Das sind vor allem Mauern, die Kontur und haptische Aura und Reife besitzen. Ältere Ziegelsteinmauern zum Beispiel oder Mauern aus Sandsteinen wie z.B. die Mauer, die als Umgrenzung des benediktinischen Klosters St. Anne de Kergonan in der Bretagne dient (s.o.).

Mauern gibt es schon sehr lange. Wohl seit es Menschen gibt und einen Begriff von Eigentum und eine Unterscheidung von Ich und Du. Denn Mauern markieren immer etwas. Mauer schließen aus, so wie sie auch einschließen. Die Mönche von Kergonan grenzen sich so von der Umgebung ab, schützen ihre kontemplative Klausur. Sie verwehren Außenstehenden unerlaubte Einblicke, verwehren sich selbst aber auch ein gewisses Maß der Kommunikation, vielleicht gerade auch mit den benachbarten Nonnen von St. Michel de Kergonan … .

Mauern schaffen es immer wieder in die Politik. Dort stehen Mauern für den Wunsch, unter sich bleiben zu wollen. Sie stehen für das, was die Soziologen Inklusion und Exklusion nennen. Die Berliner Mauer, die es so fast nur noch in der Erinnerung und in der Symbolisierung einer Gedenkstätte gibt, ist hierfür symptomatisch. Aber auch die chinesische Mauer wurde von Paul Simon folgendermaßen besungen: „They’ve got a wall in China/ It’a a thousand miles long/ To keep out the foreigners/ They made it strong“ (Something So Right). Andere Klassiker sind die römischen Grenzziehungen des Limes in Südwestdeutschland und des Hadrian’s Wall in Nordengland. Und in den Vereinigten Staaten möchten derzeit ebenfalls einige Menschen eine Mauer an der Grenze zu Mexiko errichten.

Mauern sind der sichtbare und spürbare Ausdruck einer Grenze, die von Menschenköpfen erdacht und von Menschenhänden erbaut wird. In diesem Sinne unterscheiden sie sich von natürlichen Grenzen wie z.B. Flüssen bzw. Gebirgszügen. Mauern sind damit Kunst-Werke, im übertragenen Sinne und manchmal auch ganz wörtlich.

Mauern schaffen also ein Innen und Außen. Sie schaffen Räume, in denen sich Menschen versammeln können. Diese Versammlung von Menschen kann sich wiederum abgrenzen von jenen Menschen, die nicht an ihr teilnehmen können oder wollen. So lernt jede Kirchenversammlung von einer „Welt da draußen“ zu sprechen. Die realen Mauern werden zu metaphorischen Mauern in den Köpfen der Menschen.

Wir stoßen uns an den Mauern wie wir sie auch gleichzeitig benötigen. Keiner möchte in einem Gefängnis leben. Kaum einer möchte aber auch in einem komplett entgrenzten Raum leben. Mauern sind unser Schutz wie sie gleichzeitig auch unsere Waffe sind. Gleichzeitig lädt jede Mauer dazu ein, überwunden zu werden. So sieht es letztlich auch der Beter in Psalm 18, der in freilich reichlich kriegerischer Absicht singt:

„Denn mit dir kann ich Kriegsvolk zerschlagen / und mit meinem Gott über Mauern springen.“ (Ps. 18, 30).

 

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