Wie Metaphern Wirklichkeiten schaffen.

Metaphern sind sprachliche Werkzeuge. Und als solche schaffen Metaphern Wirklichkeiten. Metaphern sind aber nicht nur leblose Instrumente in der Hand von Sprachnutzerinnen und -nutzern. Sie sind auch nicht bloße Ideen. Metaphern besitzen vielmehr eine kreative Kraft, deren Unkontrollierbarkeit regelmäßig mit Misstrauen begegnet wird. Hans Blumenberg schreibt über Metaphern zugespitzt:

„(…) daß die mit einer Idee (…) verbundenen Metapher, gerade weil sie sich von der Bestimmtheit einer theoretisch anmutenden Behauptung zurückhält, einen hohen Grad von Anmaßung, von vorgegebener Einsicht, von Hochstapelei enthält.“

(in: Theorie der Unbegrifflichkeit, Frankfurt/M.:Suhrkamp, 2007, 63).

Man könnte Metaphern also durchaus als post-faktisch bezeichnen. Sie dehnen das sprachliche Reservoir über das Tatsächliche ins Bildliche oder Gefühlige hinaus und provozieren damit auch eine bestimmte Sicht der Dinge. Metaphern bzw. die sie nutzenden Redner_innen geben sich auf jeden Fall große Mühe eine bestimmte Weltsicht in den Köpfen der Hörer_innen festzuschreiben. Neudeutsch nennt man diesen Prozess „framing“ – Rahmung. Das meint dann auch Donald A. Schön, wenn er schreibt:

„‚Metaphor‘ refers both to a certain kind of product – a perspective or frame, a way of looking at things – and to a certain kind of process – a process by which new perspectives on the world come into existence.“

(in: Generative metaphor: A perspective on problem-setting in social policy; in: Andrew Ortony (Hrsg.): Metaphor and Thought, 2. Auflage, Cambridge: CUP, 1993, 137.

Metaphern haben also sowohl eine befreiende als auch eine einschränkende Kraft. Sie können neue Einsichten ermöglichen und frei machen von überkommenen Vorstellungen. Metaphern können aber auch Einsichten und Weltsichten kanalisieren, durch Rahmung determinieren, einschränken.

In einer der Mai-Ausgaben der London Review of Books findet sich hierzu passendes Anschauungsmaterial (vgl. Jg. 40, Nr. 9 vom 10. Mai 2018). Ein Artikel von William Davies unter dem Titel „Weaponising Paperwork“ behandelt die Auswirkungen einer rhetorischen Aufrüstung der innenpolitischen Debatte zur Migration in Großbritannien. Diese ist durch die Strategie gekennzeichnet, für Migranten eine sog. „hostile environment“ zu schaffen. Migranten, vor allem jene ohne Papiere, sollen durch diese feindliche Atmosphäre von Amtswegen vermittelt bekommen, dass sie nicht erwünscht sind.

Schon der Ausdruck „hostile environment“ hat metaphorische Qualitäten. Die Wirklichkeit, welche Migranten in Großbritannien erleben sollen, soll möglichst unwirtlich sein. Sie sollen erfahren, dass sie in Feindesland sind. Davies greift in seinem Titel nun zu einer weiteren Metapher – „weaponising“ – welche die implizite und mitunter auch explizite Gewaltdimension einer solchen Haltung noch einmal unterstreichen soll. Er treibt die Metaphorik der Feindlichkeit auf die Spitze und drückt damit polemisch aus, was – aus seiner Sicht – als letzte Konsequenz dieser innenpolitischen Rhetorik zu verstehen ist: die Bewaffnung des Bürokratenstaates gegen unbotmäßige Ausländerinnen und Ausländer.

In der gleichen Ausgabe findet sich auch ein Artikel in der Rubrik „Diary“ von Stefan Collini. Collini knöpft sich eine weitere seltsam verlaufende innenpolitische Debatte in Großbritannien vor, jene zum Sinn und Zweck von Universitäten. Collini zeigt, was passieren kann, wenn man auf eine Bildungseinrichtung wie der Universität das metaphorische Arsenal des marktwirtschaftlichen Denkens loslässt. Tut man dies und nutzt Begriffe wie zum Beispiel Wettbewerb („competing for talent in a global market“) und Konsumenten („students are to be treated as consumers“) zur normativ gemeinten Wesensbeschreibung von Universitäten, dann wird sich dieses Wesen auch in Richtung dieser Beschreibung entwickeln. Aus (keineswegs perfekten) Bildungsinstitutionen mit gesellschaftlichem Auftrag werden – so die Kritik Collinis – Schritt für Schritt profitmaximierende Unternehmen, die ideell um sich selbst kreisen. Die Metaphern generieren ihre eigene Wirklichkeit.

Nicht zu unrecht spricht Hans Blumenberg auch davon, dass „die Metapher zugleich unentbehrlich und suspekt“ ist (Theorie der Unbegrifflichkeit 90). Unentbehrlich, da sie das Verstehen erweitert und neue Welten sprachlich erschließen helfen kann. Suspekt, da diese kreative Kraft der Metapher sehr häufig dazu genutzt wird, um das Gegenteil von Schöpfung zu erreichen: Die neuen Welten können dann plötzlich sehr klein und beengt daher kommen.

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Ein Gedanke zu “Wie Metaphern Wirklichkeiten schaffen.

  1. Metapher können eine schwierige Behauptung anschaulich machen. Aber ein einzelnes Beispiel erzeugt auch Vorurteile. Gut ist es mehrere Metapher für eine einzige Idee zu finden und aus verschiedenen Seiten zu sehen. Dann befreit die Metapher und ermächtigt den Zuhörer eigene Metapher zu finden.
    Dann hat er verstanden.

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