Der verzweifelte Lobgesang des Schweigens – Notiz zu einem Gedicht von Friedrich Hölderlin

Schweigen kann Ausdruck des politischen Protests sein; darüber hatte ich an anderer Stelle schon einmal geschrieben. Das Schweigen eines Menschen kann aber auch Ausdruck eines noch ganz anderen, nämlich metaphysischen Protests sein. Ausdrückliches Schweigen kann eine verzweifelte Antwort sein auf die sprichwörtlich unsägliche Penetranz, mit der die Theodizee-Frage den Versuch eines Glaubens ständig hintergeht.

In seinem Gedicht „Die Bücher der Zeiten“ legt Friedrich Hölderlin (1770-1843) den Finger gewollt oder ungewollt in die Wunde. Das Gedicht setzt an als „bebender Lobgesang“ jenem zu Ehren, der „dort oben/ In all der Himmel höchstem Himmel“ wohnt: Gott. Hölderlin spricht weiter von zwei Büchern, in beiden sind verzeichnet „All die Millionenreihen/ Menschentage“. In dem ersten Buch steht geschrieben, so Hölderlin:

„Länderverwüstung und Völkerverheerung,/ Und feindliches Kriegergemetzel,/ Und würgende Könige -/ Mit Roß und Wagen,/ Und Reuter und Waffen,/ Und Szepter um sich her;/ Und giftge Tyrannen,/ Mit grimmigem Stachel,/ Tief in der Unschuld Herz. (…) Des heitern, rosigen Mädchens/ Grabenaher Fieberkampf;/ Der Mutter Händeringen,/ Des donnergerührten Jünglings/ Wilde stumme Betäubung.“

Diese finstere Beschreibung aller menschlichen und natürlichen Übel ist mehrere Seiten lang. Dann steht die Regieanweisung an den Leser „eine Pause im Gefühl“, wonach des Dichters Frage sich Bahn bricht, weshalb Gott diesem ganzen Treiben nicht ein Ende bereitet: „Warum vertilgt mit dem Flammenschwert/ All die Greuel von der Erde/ Der Todesengel nicht?“ Und die Antwort des Dichters lautet:

Aber sieh, ich schweige – / Das sei dir Lobgesang!/ Du, der du lenkst/ Mit weiser, weiser Allmachtshand/ Das bunte Zeitengewimmel.

Mit Verweis auf Jesu Kreuzestod folgt im Gedicht das zweite Buch und eine Rehabilitierung des Allmächtigen und auch des Menschen. Alles hat irgendwie seine Ordnung. Trotzdem bleibt für den aufmerksamen Leser die Frage hängen: Wie reagiert der Gläubige auf den großen Zweifel, der christliche Glaube habe es mit einem undurchsichtigen und den Menschen ganz und gar nicht wohlgesonnenen Gott zu tun?

Hölderlin gibt eine mögliche Antwort auf diese Frage: Schweige! Schweige ganz bewusst. Schweige und verstehe dein Schweigen als einen göttlichen Lobgesang!

Dieser Lobgesang soll nicht sarkastisch sein, mit Häme oder im Wahn Gott vor den Latz geknallt werden. Ich schweige aus Verzweiflung. Angesichts des Leids der Welt kann ich nur schweigen. Mit meinem Schweigen ziehe ich mich aber nicht zurück. Mein Schweigen wende ich hin zu dem einen nur möglichen Adressaten: Gott. Diesen Adressaten Gott lasse ich wissen:

Ich schweige Dir zum Lobe. Mehr geht gerade nicht. Vorerst. Und wenn sich die Verhältnisse bessern und ich ganz deutlich Deine gute und gerechte Hand am Werk in der Welt sehe, dann, ja dann werde ich vielleicht auch in der Lage sein, meinen Lobgesang des Schweigens zu transponieren in eine für alle hörbare Melodie.

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Ein Gedanke zu “Der verzweifelte Lobgesang des Schweigens – Notiz zu einem Gedicht von Friedrich Hölderlin

  1. Manchmal träume ich
    die Zeit wäre zu Ende
    und wir kehren zurück zu Gott.
    Bevor wir noch etwas sagen können,
    fragt Er uns, jeden einzelnen von uns: „Wie hat es dir gefallen?
    Auf der Erde? Mit den anderen Menschen? In der schönen Natur?
    Die auch so viele Gefahren für euch gebracht hat?
    War es dir nicht zu viel? Ich fürchte wir haben uns alle überschätzt,
    auch ich. Vor allem war zu viel Leid in dieser Schöpfung.
    Bereust Du dass du dort gelebt hast?
    Vielleicht hätte ich eine sanftere Welt erschaffen sollen,
    ohne Stürme und ohne Vulkane, ohne Gletscher und ohne wilde Tiere…
    Wir haben uns auf ein Abenteuer begeben, uns überschätz, ihr und ich selbst..
    mein Adventure Design war zu viel für uns…Es tut mir leid.“

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