Was die deutsche Gesellschaft zusammenhält!

Was uns als Gesellschaft zusammenhält ist nicht das, was uns dem Wesen nach eint; davon gibt es jenseits der Sprache eh viel zu wenig. Was uns zusammenhält ist vielmehr das, was uns miteinander im Gespräch hält.

Der Zusammenhalt der Gesellschaft – um ihn sorgen sich derzeit viele. Dabei sind es oft „Werte“, die beschworen werden. Werte, die unsere Gesellschaft zusammenhalten sollen. Werte, die den Kitt ausmachen, der kleistern und kleben soll, was anderweitig offenbar nicht beieinander bleiben möchte. Dabei wissen wir gar nicht, ob diese beschworenen Werte überhaupt eine objektive Wirklichkeit besitzen. Werte werden beschworen. Aber wie bei allen Dingen, die erst nach einer Beschwörung auftauchen, ist man sich auch bei den Werten nicht recht sicher, welche Substanz man dem so Beschworenen zuschreiben möchte. Der Philosoph Andreas Urs Sommer hat in seinem Buch „Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt.“ Zweifel daran geäußert, dass Werte eine Wirklichkeit außerhalb der Kommunikation besitzen. Unter anderem nennt er sie „Projektionsflächen“ (Sommer: Werte, Stuttgart 2016, 173.) unserer Bedürfnisse.

Ich möchte daher im Folgenden auch nicht von Werten oder anderen Wesen reden. Vielmehr schlage ich vor, alltagsnähere Gesprächsgegenstände als den Kitt der Gesellschaft zu umschreiben. „Dinge“ bzw. Phänomene sind dies, die durch Wiederholung, Regelsetzung, Ritualisierung größere Teile einer Gesellschaft erfassen und auf die gleiche Bahn lenken – ob diese es wollen oder nicht. Denn, was unsere Gesellschaft zusammenhält, ist nicht unbedingt das, was alle Menschen für gut und befinden. Es ist nicht der explizite Konsens über Wesentliches. Was unsere Gesellschaft zusammenhält, ist vor allem das, was in das Alltagsleben vieler Menschen hinein ragt an äußeren Ordnungen und Gesprächsgegenständen, die ich nur bedingt beeinflussen kann. Das heißt: Wer an einem Zusammenhalt der Gesellschaft interessiert ist, der darf diese äußeren Einflüsse und Ordnungen nicht mit dem Wunsch nach größerer individueller Freiheit zur Seite schaffen. Diese anti-liberale Pille muss man schlucken.

Einige ausgewählte Phänomene seien genannt. Diese Liste könnte um viele weitere Punkte erweitert werden, aber eben nicht um Wesenhaftes.

Sonntag

Die deutsche Gesellschaft wird vom Sonntag zusammengehalten. Ich nehme damit keinen religiösen Standpunkt ein, sondern vertrete eine zeitpolitische These. Die gesetzlich geschützte Sonntagsruhe ist der zeitliche Marker im Alltag aller Menschen in diesem Land. Mit dem Sonntag haben alle Menschen etwas zu tun: weil sie nicht arbeiten und sich eine sinnvolle Beschäftigung suchen müssen; weil sie arbeiten müssen, während viele andere dies nicht tun; weil sie auf dem Fußballplatz herumstehen und sich beim 2:6 ihrer Kreisligaheimmannschaft die Füße in den Bauch stehen; weil sie zu Hause den Kuchen vom Konditor verspeisen; weil sie mit Kind und Kegel eine Fahrradtour machen; weil sie vor den geschlossenen Türen eines Supermarkts stehen und sich fragen, in was für einem komischen Land sie leben.

Ich bin gegen jede weitere Liberalisierung des Sonntagsschutzes, weil dieser zeitlicher Marker für unsere Gesellschaft wichtig ist. Das Leben aller wird rhythmisiert, geprägt von dieser erzwungenen Ruhe eines Großteils des Geschäftslebens. Der Sonntag sorgt für Gesprächsstoff, sortiert den Terminkalender breiter Gesellschaftsschichten. Er hat Befürworter und Gegner und (fast) nur Profiteure. Wer sich hier mehr Freiheiten wünscht, der wünscht sich gleichzeitig auch den sozialen, zeitlichen Zusammenhalt weg. Dessen muss man sich im Klaren sein.

Fußball

Ich bin kein Freund der lauten Kommerzmaschine Fußball. Sie generiert Unsummen an Geld, Unsummen an Korruption, Unsummen an Kosten. Sie füllt unsere Züge und Bahnhöfe regelmäßig mit einer Horde alkoholisierter Männer (und gelegentlich Frauen) und hält die Polizeibeamten davon ab, wichtigeren Aufgaben nachzugehen bzw. ihr Wochenende zu genießen.

Dennoch möchte ich auch nicht den Fußball abschaffen. Der Fußball taucht in seiner nationalen Form jedes Wochenende neu auf; in seiner internationalen Form alle zwei oder vier Jahre. Samstags 15:30 Uhr hängen viele an den Radios, schauen Fern oder gehen ins Stadion. Leider hat die Streckung der Spieltage von Freitag bis Montag dazu geführt, dass auch hier der zeitliche Zusammenhalt, das wiederkehrende Ritual geschwächt wurde. Fußball generiert Freunde und Fanatiker; er schafft aber auch Feinde. Er ist trotz allem, der am meisten verbreitete Sport. Auch jenseits der Sportplätze und Stadien wird auf den Straßen und auf den Bolzplätzen gekickt. Kaum ist ein Ball vorhanden, flippen Väter und Söhne aus; und immer mehr auch die Töchter. Das Phänomen Fußball zeigt ganz deutlich, dass der Zusammenhalt einer Gesellschaft nicht von Dingen bestimmt wird, die alle vereinen, sondern von Dingen, die alle – ob sie es wollen oder nicht – berühren. Auch wer den Fußball nicht ausstehen kann, wird zugeben müssen, dass er für unser Selbstverständnis wichtig ist.

Erinnerung an Auschwitz

Einen gesellschaftlichen Zusammenhalt schafft auf ganze andere Weise auch die ständige Erinnerung an das größte deutsche Versagen, für das der Name Auschwitz steht. In Teilen der Gesellschaft sorgt diese immer wieder stattfindende Vergegenwärtigung des Scheiterns zwischen 1933 und 1945 für Unmut. Man möchte das Positive, das Würdige, das Glorreiche der Geschichte betont wissen in der Erinnerung. Da kann man dann aber lange suchen; oder welches Ereignis der deutschen Geistes- und Realgeschichte ist frei von Zwiespältigkeiten, Anrüchigkeiten, Schmerz?!

Dabei schweißt nichts mehr zusammen, als das kollektive Leid: das Leid, das man selbst erlebt, aber auch das Leid, das man anderen zufügt. Aus beiden versucht man Lehren für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen. Die Zeit des Nationalsozialismus ist eine solche Zeit des geteilten und des zugefügten Leids. Ich möchte sogar die Aussage wagen, dass ohne das Wissen um diese doppelt- und gegenläufige deutsche Leidensgeschichte ein Verstehen und eine Teilhabe an der deutschen Gesellschaft kaum möglich ist. Dabei geht es in Bezug auf das, für was Auschwitz steht, um mehr als um ein beliebiges Sich-Verhalten zu einem geschichtlichen Datum. Es geht um einen erinnerungspolitischen Dauerdiskurs, ohne den man Deutschland nicht verstehen kann. Gerade die Erinnerung an Auschwitz hält die Gesellschaft zusammen. Wer dies nicht wahrhaben möchte, dessen identitätspolitisches Haus ist auf Sand gebaut.

Schule

Wiederum auf einer ganz anderen Ebene steht die Schule als institutioneller Motor des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Wenn es gut geht – oft genug ist das nicht Fall – dann treffen in Schulen Kinder und Erwachsene (als Lehrer_innen und Eltern) ganz unterschiedlicher gesellschaftlicher Milieus zusammen. Sie kommen nicht nur zusammen, sondern sie arbeiten auch gemeinsam an dem komplizierten und hoch politisierten Projekt der Bildung von Kindern. Bildungspolitik trifft hier auf Schulhof, hehre Ideen vermengen sich mit der unübersichtlichen Wirklichkeit von Familien- und Unterrichtsalltag.

In Deutschland besteht Schulpflicht. Zurecht. Denn die Schule bringt zusammen, was sonst kaum miteinander zusammengebracht wird. Schule bewirkt Inklusion und Integration schon bevor man sie mit jedweden Programmen und Projekten überzieht. Schule bildet, ja, zum Beispiel über den Nationalsozialismus. Aber Schule schweißt auch zusammen, schafft Beziehungen, sorgt für geteilten Frust und Gesprächsstoff unter Nachbarn, Bekannten und Unbekannten. Schule ist in diesem Sinne eine „Lebensform“ (Christian Polke), da öffentliche Institution, private Lebenswelt, Rituale und Rhythmen sich miteinander zu einem Gespräch verdichten, der Gesellschaft und Individuum prägt. Und solche prägenden Gesprächsstoffe halten unsere Gesellschaft zusammen.

Advertisements

2 Gedanken zu “Was die deutsche Gesellschaft zusammenhält!

  1. Ich stimme dem zu, was an Identität hier genannt wird, möchte aber noch etwas hinzufügen, das dieser Werte- und Erfahrungsgemeinschaft Dynamik gibt: Die Ziele, das Planen für eine bessere Zukunft, die Vision. Ich arbeite nicht für die Vergangenheit, sondern für die Gegenwart im Blick auf die Zukunft.
    Ich hatte in den Sommermonaten viel Kontakt zu Veranstaltungen in der Wiener UNO Niederlassung.
    Die UNIDO (UN Industrial Development Organization) arbeitet hier an den 17 Sustainable Development Goals, die von der UNO beschlossen wurden und (über die Webseite der UNIDO downloaden) und alle Ziele gleichzeitig umfassen die zusammen (als Gesamt-Ziel in der soziales, Genderequality, Gesundheit, Stadtplanung, Innovation, economic growth und auch Umweltziele etc enthalten sind). Große Deutsche Firmen arbeiten gemeinsam mit anderen Ländern (vor allem China) und sind weltweit geschätzt und willkommen.
    Für diese Zukunft arbeiten wir, so werden wir von der Welt gesehen, das ist unsere Aufgabe heute.

    • Vielen Dank für den Kommentar!

      Eine gemeinsame Zukunftsvision: ja, das schweißt auch zusammen. Die kritische Spitze an meinem Beitrag ist aber gerade, dass wir uns nur sehr vage auf eine Wertegemeinschaft berufen können. Wir haben diese Werte nicht, wir reden darüber. Auf diese kommunikative Weise halten sie uns zusammen.
      B. Conrad

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.