Die Bedingung der Möglichkeit

Als ich den Ausdruck „Bedingung der Möglichkeit“  vor einigen Jahren in einem theologischen Gesprächskreis zum ersten Mal zu Gehör bekam, sträubte ich mich dagegen. Dieses scheinbare Doppelgemobbel, das Hintereinanderschalten zweier vermeintlicher Konjunktive erschien mir sinnlos. Auf meine Nachfrage hin, welchen Sinn das Gerede von der „Bedingung der Möglichkeit“ denn habe, erntete ich nur Kopfschütteln. Ich hatte die Tiefen des Denkens Immanuel Kants einfach nicht durchschaut.

Den Durchblick bei Kant habe ich immer noch nicht. Mittlerweile schätze ich jedoch den Ausdruck: die Bedingung der Möglichkeit, wie er von  Kant geprägt wurde.  So halte ich es mit dem entsprechenden Eintrag des Historischen Wörterbuchs der Philosophie: „Dass daher die Formeln von den „Bedingungen der Möglichkeit von x“ universell relevant ist, hat ihr inzwischen auch unabhängig vom engeren Verwendungskontext der Kantischen Transzendentalphilosophie eine Konjunktur gesichert“ (HWPhil, Bd. 1 A-C (1971), Sp. 765).

Denn der Ausdruck macht unter anderem deutlich, dass nicht jedes Handeln zu entsprechenden intendierten Folgen führt. Die Sache ist komplizierter: Jedes Handeln hat immer nur mögliche Folgen. Die Kausalität zwischen dem Handeln und seinen Folgen ist nicht abgesichert, sondern sozusagen im Wartestand der Kontingenz. Die Folgen können eintreten, müssen aber nicht. Und es können auch ganz andere Folgen eintreten; das nannte Max Weber dann die nicht intendierten Folgen eines intendierten Handelns.

Also lässt sich sagen, dass ein Handeln (oder auch das Erkennen, das Verstehen, das Erklären usw.) immer nur die Bedingung der Möglichkeit bestimmter Folgen ist. Es gibt eine mittelbare Kausalität, aber keine unmittelbare. Ich möchte einige – freilich nicht unstrittigen – Beispiele geben:

  • Wahlen sind die Bedingung der Möglichkeit von Demokratie. Wahlen haben nicht sogleich Demokratie zur Folge, sind für deren Verwirklichung aber unabdingbar.
  • Ein Erfahrung von Gegenwart ist die Bedingung der Möglichkeit eines Bewusstseins von Vergangenheit und Zukunft. Sie ist auch die Bedingung von Möglichkeit dessen, was wir Geschichte nennen.
  • Bindung an einen Menschen, einen Glauben, eine Idee ist die Bedingung der Möglichkeit der Erfahrung von Freiheit. Bindung kann aber auch in Abhängigkeit führen.
  • Übung ist die Bedingung der Möglichkeit von Können. Doch nicht jeder der übt, kann das Geübte auch gleich meistern.
  • usw.

Die Bedingung der Möglichkeit: Der Ausdruck verweist auf die allseits vorhandene Öffnung, Durchlässigkeit unseres Lebens, unseres Handelns und Verstehens hin zu einer ungeahnten Weite. Uns eröffnet sich ein Raum, den wir aber in einem weiteren Schritt erst noch durchschreiten müssen.

Die Bedingungen der Möglichkeit liegen frei verfügbar um uns herum verstreut. Wir müssen sie nur ergreifen; die Bedingungen freilich sind zu ergreifen, nicht die erst die in einem weiteren Schritt realisierbaren Möglichkeiten an sich.

Und bei all dem müssen wir uns stets gewiss sein, dass wir die Dinge nicht unter unserer Kontrolle haben. Dass aus den Bedingungen, die wir ergreifen, noch lange keine Möglichkeiten werden. Und aus den von mir ergriffenen Möglichkeiten noch lange nicht die Wirklichkeit heranwächst, die ich mir auch wünsche. Die Kontingenz, in die jede Bedingung der Möglichkeit eingebettet ist, bleibt stets gegenwärtig.

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2 Gedanken zu “Die Bedingung der Möglichkeit

  1. Eine Bedingung der Möglichkeit ist die Voraussetzung die gegeben sein muss, damit etwas Bestimmtes eintreten kann bzw. eine Handlungsmöglichkeit für mich ersichtlich ist.
    z.B. ist es eine Bedingung für das Vorhandensein von Eis, dass es Temperaturen im Bereich +und -10 Grad Celsius gibt, auf einem bestimmten Himmelkörper, z.B. den Mars. Ob nun tatsächlich Eis vorhanden ist, hängt davon ab ob es Wasser gibt.
    Bei Immanuel Kant, geht es um die Bedingung der Möglichkeit der (menschlichen) Erkenntnis allgemein. Also nicht um ein bestimmtes a-priorisches Urteil sondern um unsere Erkenntnisart von Gegenständen. Er nennt das Transzendental-Philosophie. Im menschlichen Geist (Gehirn, Denken) ist die Möglichkeit angelegt, abstrakte Begriffe zu bilden (z.B.mathematisch: Körper), und mit diesen Begriffen (Körper als Ausdehnung im Raum) dann synthetische Urteile zu bilden indem wir sie zusammensetzen mit der Erfahrung „schwer“. Ich erwarte dann „a priori“ dass ein Körper ein Gewicht haben wird, noch bevor ich das Experiment gemacht habe.
    Ein Beispiel wäre in der Astronomie wenn ich bemerke dass ein bestimmter Stern sich periodisch bewegt (schwankt) dass ein schwerer Planet in seiner Nähe sein muss. Ich habe nur mein a-priori Urteil zur Hand, ich habe noch keine Raumsonde hingeschickt.
    Für Kant sind diese a-priorischen Schlussfolgerungen eine Eigenschaft des menschlichen Denkens.
    Doch diese „transzendentale“ Eigenschaft ist für Kant irgendwie ursprungslos, weil er ja die Metaphysik abschaffen will, und nicht mit dem Schöpfergott argumentieren. Später wird dann (50 Jahre später) Charles Darwin dem Ursprung unserer „transzendentalen“ Fähigkeit näherkommen, durch Evolution entstanden (also transzendental geworden). Im 20. Jhd kommt dann noch das biologische Gedächtnis als weitere a-priorische Gegebenheit dazu. Die Frage wie die Evolution entstanden sei etc ist dann ein unendlicher Regress, oder ich nehme doch wieder die Metaphysik zu Hilfe.

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