Der Elfenbeinturm und das Glasperlenspiel. Über metaphorische Wissenschaftsschelte.

Vor kurzem war es einmal wieder soweit: Einem universitären Fach wurde vorgeworfen, es betreibe nur Glasperlenspiel. Oder besser: Es wurde behauptet, wenn dieses Fach sich nicht in dieser oder jener Weise reformiere, dann betreibe es bloßes Glasperlenspiel. In diesem konkreten Fall traf es die katholische Theologie, der vorgeworfen wurde, sie stehe in Gefahr, nur mit nutzlosem, weltfremden und darüber hinaus noch unwissenschaftlichen Geplänkel beschäftigt zu sein. So geschehen in den Ausgaben 1/2017 und 3/2017 der Herderkorrespondenz und dort nachzulesen.

Die Metapher vom Glasperlenspiel, wie sie heuer allgemein verwendet wird, ist in Anlehnung an die Beschreibung des Glasperlenspiels zu verstehen, wie sie zum Beispiel Hermann Hesse in den 1940ern in seinem gleichnamigen Buch vorgenommen hat. Dort beschreibt Hesse das Glasperlenspiel wie folgt:

Was die Menschheit an Erkenntnissen, hohen Gedanken und Kunstwerken in ihren schöpferischen Zeitaltern hervorgebracht, was die nachfolgenden Perioden gelehrter Betrachtung auf Begriffe gebracht und zum intellektuellen Besitz gemacht haben, dieses ganze ungeheure Material von geistigen Werten wird vom Glasperlenspieler so gespielt wie eine Orgel vom Organisten, und diese Orgel ist von einer kaum auszudenkenden Vollkommenheit (…). (Hermann Hesse: Glasperlenspiel, gesammelte Werke, neunter Band, 1987, 12).

Beim Glasperlenspiel handelt es sich also um eine Art Universalgelehrsamkeit, die sich einer rituellen und spielerischen Ausdrucksform bedient und damit alle Formen des Wissen und Denkens miteinander vereint. Diese Gelehrsamkeit wird, in Hesses Fall, von einem abgeschiedenen, exklusiven Orden praktiziert und vervollkommnet, freilich in bewusster Abkehr vom mundanen Leben der restlichen Welt. Elitäres Wissen steht dem alltäglichen Treiben diametral gegenüber.

In diesem Sinne wird die Metapher vom Glasperlenspiel heute ebenfalls verwendet, wenn der Wissenschaft als solcher, aber oft genug der Geisteswissenschaft im Besonderen und der Theologie im konkreten, unterstellt wird, sie sei weltfremd und nicht alltagstauglich. Den an Grundlagen interessierten Geisteswissenschaftler wird abgesprochen, dass ihre forschende Neugier noch etwas mit dem echten Leben zu tun habe. Die Metapher des Glasperlenspiels eignet sich also besonders gut als spezifische Form der Elitenschelte; freilich ist die Metapher schon wieder so voraussetzungsvoll, dass sie eigentlich nur von vermeintlichen Eliten gegen andere vermeintliche Eliten eingesetzt wird. Oder welcher Normalsterbliche weiß auf Anhieb, was das Glasperlenspiel ist?

Ähnlich funktioniert die Metapher vom „Elfenbeinturm“. Die Metapher, offenbar in Gebrauch seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, evoziert das Bild eines edlen, einsamen Turms, in welchen sich die intellektuellen Eliten zurückziehen, um ganz unter sich zu sein. Auch hier spielt das Motiv einer elitären Abgeschiedenheit  von der Alltagswelt der Menschen eine Rolle. Ihre Forschungsergebnisse kleiden diese Forscher im Elfenbeinturm dann auch noch in eine hermetische Fachsprache, die nur noch von ihresgleichen werden kann. Immer wieder wird von diesen Forschern verlangt, sie mögen aus ihrem Elfenbeinturm herauskommen und Volksnähe zeigen.

Verkannt wird freilich zweierlei: Erstens gibt es diesen Turm gar nicht, da bis auf wenige Forscher, die gleichzeitig auch kontemplative Mönche sind und in einem Kloster leben, kaum ein Forscher ein abgeschiedenes, kontaktarmes Leben führt. Auch Forscher und Intellektuelle haben einen Alltag. Zweitens wird verkannt, dass es Fachdiskurse mit der entsprechenden Fachsprache geben muss! Gäbe es diese nicht – bei den Medizinern, bei den Psychologen, bei den Chemikern, bei den Romanisten, bei den Theologen – wäre ein wissenschaftlicher Fortschritt nicht denkbar. Von diesem Fortschritt hängt gerade aber auch im Alltagsleben aller Menschen vieles ab.

Beide Ausdrücke – das Glasperlenspiel und der Elfenbeinturm – funktionieren so gut als Metaphern, da sie die gesellschaftspolitische Konfliktlinie zwischen vermeintlicher intellektueller Elite und dem vermeintlich gemeinen Volk perfekt bespielt. Ich zweifle aber daran, dass diese Linie mehr ist als ein gewollter, gesellschaftlich-konstruierter Grenzwall zwischen them and us. Ja, es gibt Akkumulation von Wissen in einzelnen Personen und manchen Gruppen. Doch diese Wissensanhäufung ist weit weniger wesentlich bzw. essentiell, wie  gemeinhin vermutet wird. Sie existiert nirgendwo per se und exklusiv.

Zur Illustration: Ich schreibe einen ideengeschichtlichen Blog mit allerlei Jargon – da bin ich für eine halbe Stunde ein dünkelhafter (Pseudo-)Intellektueller. Ich beende diese Aufgabe und widme mich dem Komposthaufen im Garten – da bin ich ein Normalbürger und tue das, was (männliche) Normalbürger an einem sonnigen Samstagnachmittag gerne einmal tun.

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