Der „Rand der Gesellschaft“: über eine problematische Metapher kirchlicher Sprache.

Die Rede vom Rand der Gesellschaft ist in der Kirche derzeit sehr beliebt. Papst Franziskus hat mit seiner Aufforderung, die Kirche möge an die Ränder gehen bzw. die Randgebiete der Gesellschaft erreichen (u.a. Evangelii Gaudium, § 46) für eine Flut von Referaten, Bekundigungen, Selbstverpflichtungen gesorgt: Wir als Kirche wollen/sollen an die Ränder gehen. Nur: Wer vom Rand der Gesellschaft spricht, der wähnt sich selbst im Zentrum. Wenn ich von mir sage, dass ich (nun endlich mal) an die  Ränder gehen möchte, dann sage ich gleichzeitig aus, dass ich (irgendwie ganz selbstverständlich) im Zentrum angesiedelt bin.

Aus der entwicklungspolitischen Diskussion kennt man die Begriffe Zentrum und Peripherie und reflektiert sie kritisch als das, was sie eben sind: Metaphern für unterschiedliche, räumlich wahrgenommene Machtverteilung. Was in der metaphorischen Sprache Zentrum heißt, meint ganz konkret: Hier ist das Geld, hier ist das Wissen, hier sind die Ressourcen, hier werden kollektiv bindende Entscheidungen getroffen. Und Rand heißt folglich: kaum Geld, kaum geballtes Wissen, wenig Ressourcen und nur schwach vorgebrachte Interessen.

Wer an die Ränder gehen will, der sagt wenig über das aus, was er an den Rändern machen möchte. Er sagt aber viel darüber aus, wie es sich anfühlt im mutmaßlichen Zentrum beheimatet zu sein, wie Behaglichkeit sich dort mit Schuldgefühlen paart. Es sagt viel darüber aus, wie man Gesellschaft denkt und räumlich entwirft. Und da unterscheidet sich die Kirche offenbar wenig vom Rest der Gesellschaft.

Dabei ist die Intention, den Schwachen zu ihrem Recht zu verhelfen, urchristlich. Christlich müsste im Bezug auf die Schwachen aber eher vom Zentrum und Herz gesprochen werden und nicht vom Rand und der Peripherie. Denn ich kann mich nicht des Eindrucks erwehren, dass Jesus Christus zu seiner Zeit etwas gegen Menschen hatte, die sich im Zentrum von Gesellschaft und Religionsgemeinschaft wähnten: Reiche, Mächtige, Wissende. Ihm lagen andere näher am Herzen. Auch deshalb hat er sich am Karfreitag an den Rand einer Stadt aufgemacht; einem Rand, dem die Gesellschaft den gar nicht metaphorischen Namen „Schädelstätte“ gegeben hatte.

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4 Gedanken zu “Der „Rand der Gesellschaft“: über eine problematische Metapher kirchlicher Sprache.

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  2. Ich zähle mich zum Rand der Gesellschaft, bin Witwe, lebe von kleiner Rente, zwei Kinder, eines behindert…. Aber kirchlich stehe ich in der Mitte, bin aktiv und gestalte das kirchliche Leben mit. Während meiner Berufstätigkeit hatte ich einen gut bezahlten Job in einem Konzern.Das ganze Leben ist prekär, heute gut gestellt, morgens arbeitslos, gute Unternehmen gehen in Konkurs etc. Wer sind die Ränder der Gesellschaft? In Lateinamerika kann man es in der Stadtplanung (Nicht Planung) deutlich erkennen, die Elendsviertel sind am Rand der Städte. In Europa war es seit dem 19. Jhd umgekehrt. Die reichen Großbauern lebten am Land, die armen Häusler mussten in die Stadt ziehen und in den Fabriken arbeiten. Das Elend herrschte in den Arbeiterbezirken, wo auch später Migranten zuzogen aus dem Osten Europas. Jetzt ist alles in Fluß geraten. Die Ränder sind in der Mitte.

  3. Obwohl ich mir nicht anmassen kann, aus christlicher Perspektive die Rede vom Rand der Gesellschaft zu kritisieren, gefällt mir dieser Beitrag sehr gut. Auch die innerweltliche Argumentationslogik eines Immanuel Kant würde zu einem ähnlichen Resultat gelangen, dass es einer Anmassung gleichkomme, sich selbst ins Zentrum zu setzen, von welchem man sich der Ränder annehmen möchte.

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