Sachlichkeit und lange Frist. Über Max Weber und die politische Verantwortung post-Brexit

Unmittelbar nach dem Brexit-Referendum der Briten am 23. Juni zogen sich die maßgeblichen Brexit-Befürworter Boris Johnson und Nigel Farage aus dem politischen Leben der Insel zurück; im Falle Johnsons dauerte dieser Rückzug lediglich bis zur Übernahme des Amtes des britischen Außenministers in der Regierung der neuen Premierministerin; Farage gab seinen Parteivorsitz ab, bezieht aber weiterhin Diäten als Abgeordneter im europäischen Parlament. Diesen Teilrückzug  erläuterte Farage mit dem Hinweis, er wolle nun sein Leben zurück haben.

Diese Scharaden lösten in Teilen der Öffentlichkeit Häme aus. Zu offensichtlich war für viele der Mangel an politischem Verantwortungsgefühl, den Johnson und Farage durch ihren Rückzug offenbarten. Ihnen wurde vorgeworfen, ihr politisches Engagement allein einem destruktiven Vorhaben gewidmet zu haben, die anschließend notwendigen Aufräumarbeiten aber anderen zu überlassen. Damit handelten sie vollkommen unverantwortlich, so das allgemeine Urteil. Was aber ist unter politischer Verantwortung zu verstehen? Was haben sich Johnson und Farage – sozusagen auf einer Metaebene – zu schulden kommen lassen?

Um die Frage zu beantworten, nehme ich (einmal mehr) bei Max Weber Zuflucht. Drei Leidenschaften sind, so Max Weber, bei einem Politiker maßgeblich: Leidenschaft, Augenmaß, Verantwortungsgefühl (vgl. Max Weber 1992: Politik als Beruf, Stuttgart, 62). Leidenschaft heißt bei Weber auf Politiker (und Politikerinnen) bezogen deren „leidenschaftliche Hingabe an eine Sache, an den Gott oder Dämon, der ihr Gebieter ist“ (ebd.). Diese Leidenschaft kann man den Brexit-Befürwortern – auch wenn man deren Sache inhaltlich nicht teilt – sicherlich nicht absprechen. Weit mehr als die Brexit-Gegner, die vorwiegend mit Zahlen, Statistiken und Drohungen hantierten, waren die Brexit-Befürworter mit Herz bei der Sache. Dass darunter im großen Stil die Wahrheit und Wahrhaftigkeit zu leiden hatte, steht auf einem anderen Blatt.

Beim Augenmaß muss man angesichts der populistischen Agitation der Brexit-Befürworter schon mehr Abstriche machen. Augenmaß umschreibt Max Weber nämlich folgendermaßen: Es ist die „Fähigkeit, die Realitäten mit innerer Sammlung und Ruhe auf sich wirken zu lassen , also: der Distanz zu den Dingen und Menschen“ (ebd.). Was Populisten – und Farage und Johnson werden zu dieser Spezies Politiker gezählt – Tag für Tag tun, ist vom Grunde her das Gegenteil von Augenmaß und Distanz. Sie suchen nämlich die oberflächliche Nähe zu dem gemeinen Volk und suggerieren Vertraulichkeit. Dabei nehmen sie es mit der Wirklichkeit und den Fakten nicht so ernst und legen nahe, dass komplizierte politische Problemlagen mit einem einfachen Kniff aufzulösen sind. Populisten handeln weniger aus sachlichen Erwägungen heraus als aus politischem Instinkt. Damit sind sie weit weg von den eigentlichen Problemen und sehr nahe dran an einem von Weber kritisierten „unsachlichen Machtstreben“ und an einer „rein persönlichen Selbstberauschung“ (63).

Nun zum Verantwortungsgefühl bzw. zur Verantwortlichkeit. Die politische Verantwortung ist bei Weber dadurch geprägt, dass sie vorrangig sachlich definiert ist. Max Weber spricht in Politik als Beruf vom „sachlichen Verantwortungsgefühl“ (62) und von der „Verantwortlichkeit gegenüber ebendieser Sache“ (ebd.). Verantwortung gibt es also nicht abstrakt; sie bezieht sich stets auf einen Gegenstand, auf ein Ziel, das ich als Politiker vorantreiben möchte. Dieses Ziel hat widmet sich einer konkreten Fragestellung, es hat, so Weber, sachlicher Natur zu sein. Persönliches Machtstreben gehört also ebenso wenig zu den sachlichen Zielen wie der Machterhalt für eine bestimmte politische Gruppe. Solche Zielen sind unsachlich und damit unverantwortlich.

Verantwortung hat auch eine zeitliche Dimension. Ein paar Seiten weiter spricht Max Weber nämlich auch von der „Verantwortung vor der Zukunft“ (66), die ein Politiker haben sollte. Diese ergibt sich gerade aus den erwähnten Sachlichkeitserwägungen heraus. Denn, wer einer Sache dient, der ist in der Regel langfristig an dieser Sache interessiert. Wer ein langfristiges Ziel verfolgt, der gestaltet mit, kämpft weiter, möchte den sachlichen bestmöglichen Erfolg in Bezug auf sein Ziel erreichen, jetzt und auf Dauer. Ihn interessiert nicht nur, wie er sich im Augenblick der Entscheidung persönlich fühlt, in interessiert auch, was dieser Augenblick der Entscheidung mit ihm und der Welt macht. Er ist interessiert sich für die zeitlich nachgelagerten „Folgen“ (70) von politischen Entscheidungen. Für die Folgen seines eigenen Handelns hat man „aufzukommen“, so Weber in einem für ihn durchaus typischen fatalistischen Tonfall (ebd.). Man ist persönlich für sie verantwortlich. Politische Verantwortung nimmt also die lange Frist dieser Folgen in den Blick. Kurzfristige Geländegewinne und Profite mögen die eigene Klientel ruhig stellen, sie sind aber nicht im letzten Sinne verantwortlich.

Ein Rückzug nach dem vollbrachten Zerstörungswerk ist daher unverantwortlich. Boris Johnson und Nigel Farage mögen daher vielleicht einer Sache gedient haben (EU-Austritt), an den langfristigen Folgen ihres politischen Handeln, an dem zukünftigen Ergehen ihres Landes außerhalb der EU haben sie aber anscheinend kein Interesse. Es fallen einem noch weitere Kandidaten (und Kandidatinnen) ein, die es an politischer Verantwortung (nach Max Weber) mangeln lassen. Überall dort, wo nicht mehr die Sache, sondern der reine Machterhalt oder – gewinn und nicht mehr die langfristigen Folgen, sondern der kurzfristige Gewinn im Vordergrund stehen, überall dort sucht man vergeblich nach gelebter politischer Verantwortung.

Schwierig wird es natürlich dann, wenn Politiker ganz bewusst auf die destruktiven Folgen ihres Handelns hoffen, wenn sie sich sozusagen ganz und gar einem langfristigen Zerstörungswerk gewidmet haben. Zur Verteidigung der politischen Verantwortung muss dann mit wesentlich normativerem Pulver geschossen werden, als das es das Werk Max Webers hergibt.

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4 Gedanken zu “Sachlichkeit und lange Frist. Über Max Weber und die politische Verantwortung post-Brexit

  1. Ein wirklich merkwürdiger Artikel.

    (i) Es is selten, daß ein Politiker von sich aus ein Amt aufgibt – damit zeigt er doch wohl, daß er sich nicht, wie üblich, mit seiner Karriere identifiziert. Würde ich eher positiv sehen.

    (ii) Dann ist es merkwürdig, wie logisch doch gerne argumentiert wird: die EU bricht zusammen, obwohl sie so großartig ist? Ist es aus Ihrer Sicht also sehr verantwortungvoll, sich den realen Aufgaben ab und Scheinlösungen zu zuwenden?

    (iii) Die Intentionen der britischen Abstimmungsmehrheit dürften darin gelegen haben, daß sie die neo-liberale Politik, die heute praktisch alle politischen Lager umfaßt, ablehnen wollten, obwohl ihnen die Fähigkeit zur präzisen Artikulation und Begründung fehlte. Darin sind sie unseren Politikern halt sehr ähnlich, oder?

    (iv) Der beste Weg wäre m. E., die EU auf den Müll zu werfen und eine neue Union zu gründen. Wesentliche politische Änderungen innerhalb der EU sind kaum mehr vorstellbar, auch würden sie wohl keine Unterstützung von denjenigen erhalten, die offiziell die Souveräne sind, nicht wahr? Chancenlos?

    • Vielen Dank für Ihren Kommentar!
      Ich empfinde es als ein Armutszeugnis, wenn PolitikerInnen nur zerstören möchten, am Gestalten von Politik, Staat und Gesellschaft aber kein Interesse haben. Das ist der Vorwurf, der Farage und Johnson gemacht wurde und wird.
      In meinem Beitrag habe ich auch zur Lage der Europäischen Union keine Stellung genommen. Sie ist ein – zugegebenermaßen fehlerhafter und unübersichtlich gewordener – Versuch, die europäische Idee nach vorne zu treiben. EU und europäische Idee sind nicht identisch. Ich fürchte aber, dass die Abschaffung der realen Union die verbindende Idee gleich mit versenken würde.
      B. Conrad

  2. mit Leidenschaft für das Land bzw für die Idee Europas waren viele Politiker vergangener Perioden,
    das Augenmaß hatten viele Staatsmänner, besonders die der C Parteien, Verantwortungsgefühl hatten die Gründer der EU.
    Vielleicht sind die heutigen Politiker nicht unbedingt schlechter, aber ihr Handlungsspielraum ist geringer geworden, auch für die Wirtschaft. Viele heutige Probleme sind ehrlich gesagt unlösbar, besonders wenn man sich den Handlungsspielraum einer einzigen Nation anschaut.
    Globale Anliegen und globalere Blockbildungen werden wahrscheinlich den Vorrang haben in Zukunft…..
    Vermutlich werden uns alte Philosophien nicht mehr weiterhelfen. Ob der Brexit überhaupt machbar ist, wird erst das nächste Jahr zeigen, vielleicht findet das Brexit-Ministerium in London heraus, dass der Austritt für England mehr Nachteile bringt, dann wird die praktisch veranlagte Theresa May den Brexit abblasen und kann es auch begründen.

    • Vielen Dank für Ihren Kommentar!

      Bei den „alten Philosophien“ möchte ich doch widersprechen. Diese Alten haben das „Globale“ oft erstaunlich weit vorgedacht bzw. auf ihre Weise schon analoge Probleme zum Anlass des Nachdenkens gemacht. Die Komplexität für globale Problemlösungen ist immens groß, doch qualitativ nicht (viel) anders geartet als auf der herkömmlichen regionalen bzw. nationale Ebene.

      B. Conrad

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