„Ein Gedanke ist etwas so Wirkliches wie eine Kanonenkugel.“

„Ein Gedanke ist etwas so Wirkliches wie eine Kanonenkugel.“ Diesen Satz von dem französischen Denker Joseph Joubert (1754 –1824) las ich vor einigen Tagen in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Sinn und Form (04/16). Spontane Gedanken dazu:

„Ein Gedanke ist wirklich.“ In der Tat: Wirklich ist nicht nur das äußerliche Leben, sondern auch das innerliche, mentale, kognitive Leben. Ein Gedanke besitzt ja für’s Erste nur eine innere Realität. Er wohnt in meinem Kopf. Er wohnt dort aber nur solange in seiner Eremitage, wie ich diesen Gedanken nicht weitergebe. Solange ich mit diesem Gedanken nichts anfange – durch Wort oder Tat – hat er nur eine kognitive Wirklichkeit. Natürlich kann der Gedanke auch in mir für Veränderungen sorgen. Er kann weitere Gedanken anrühren, die dann eine Depression auslösen oder Glücksgefühle bewirken können. Ein Gedanke bleibt also selten allein. Er bringt weitere Gedanken zur Welt.

„Wie eine Kanonenkugel.“ Der Gedanke besitzt eine kognitive Wirklichkeit, kann sich aber auf die äußere Wirklichkeit auswirken, und zwar äußerst vehement. Joubert’s Metapher verweist auf die zerstörerische Kraft des Gedankens. Tritt ein böser Gedanke nach außen, kann dies böse Folgen haben. Das bringt das weisheitliche Wort aus Psalm 50 zum Ausdruck: „Dein Mund redet böse Worte und deine Zunge stiftet Betrug an.“ Zerstörerisch sind eben nicht nur äußere Taten. Auch Gedanken, die in Sprechakten nach außen treten, können eine üble Kraft entwickeln.

„Wie eine Kanonenkugel.“ Joubert’s Metapher kann aber auch weniger martialisch gelesen werden. Dann bringt der Satz zum Ausdruck: Achte den Gedanken nicht gering. Eine Gedanke kann eine Welle von Veränderungen und Verwandlungen auslösen, zum Bösen und zum Guten. Zum Bösen: Der Gedanke des reinen Volkes sorgt für Spaltung und Hass. Zum Guten: Der Gedanke der Freiheit hat schon manche Revolution ausgelöst. Der Gedanke der Humanität spornt Menschen an, Unterdrückung zu bekämpfen. Böse oder gut: Auf jeden Fall ist der Gedanke so wirklich, wie wirklich eben die Wirklichkeit ist.

So hat nicht nur jeder Gedanke eine Adresse, sondern der Gedanke hat immer auch eine Wirkung. Wir sollten ihn nicht gering schätzen.

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