Stadien der religiösen Radikalisierung – über gute und schlechte Radikale

Im Jahresgutachten 2016 des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration fand ich folgende interessante Passage zum Thema religiöser Radikalisierung:

„Prominent geworden sind – besonders in der Politik und der Öffentlichkeit – vor allem theoretische Modelle, die anhand bisheriger empirischer Erkenntnisse versuchen, den Weg des Individuums zur vollzogenen Radikalisierung in einzelne klar abgrenzbare Stadien zu unterteilen (Veldhuis/Staun: Islamist Radicalisation, Den Haag 2009: 11). Sie dienten staatlichen Stellen in der Vergangenheit auch als Grundlage für die Entwicklung von Vorbeugungsmaßnahmen. Eines dieser Phasenmodelle stammt vom Danish Security and Intelligence Service (PET); es unterteilt Radikalisierung in vier Stufen, die nacheinander durchschritten werden. Der Prozess setzt bei einem Individuum an, das für radikale Wertvorstellungen empfänglich ist und mit der betreffenden Weltanschauung zunächst durch einen sog. gatekeeper in Berührung kommt (Phase I). Bereits an diesem Punkt spielt Religion eine entscheidende Rolle: Die religiöse Gemeinschaft und die Umwelt werden in Interpretationsangeboten dichotom als ‚wir‘ und ‚die‘ unterschieden. Dies eröffnet dem Individuum ein neues Koordinatensystem, das ihm psychische Stabilität verleiht. Die Übernahme dieses neuen Systems führt zu einer dauerhaften Verhaltensänderung, konkret: einer Fokussierung auf religiöse Rituale und Werthaltungen (Phase II). Dadurch verengt sich in der Folge der Bekannten- und Familienkreis zunehmend auf Personen mit ähnlichen Einstellungen (Phase III). Das Durchlaufen dieser drei Phasen mündet in eine rigide dichotome Weltsicht mit strengen religiösen Ansichten und einer Befürwortung politisch-religiöser Gewalt (Phase IV).“ (Jahresgutachten 2016, 77-78).

Ich fürchte, ein solches Phasenmodell trifft auch auf folgenden Fall eines kontemplativen Radikalen zu:

Phase 1: Ein Mensch ist empfänglich für radikale Vorstellungen von Entsagung, Opferbereitschaft und Gottes-Dienst und kommt in Berührung mit der entsprechenden Weltanschauung durch einen sog. Gastpater bzw. Novizenmeister. Nach Eintritt ins Kloster wird die Welt – rein räumlich – eingeteilt in drinnen und draußen, innerhalb der Klausur und außerhalb der Klausur. Hier und da gibt es Durchlässigkeit, aber generell sind die Mauern der Klausur – innerlich und äußerlich – hoch.

Phase 2: Im Kloster sorgen die Regeln und das tägliche Zusammenleben für eine durchaus auch bewusst angestrebte Verhaltensänderung des Individuums. Die Fokussierung auf religiöse Rituale und Werthaltungen ist dabei sehr hoch. Es geht kaum mehr an Ritual. Mehrmals am Tag trifft man sich zum Gebet. Es herrscht äußerliche Stille. Von den kirchlichen Feste wird keines ausgelassen. Zeiteinteilung und Alltagserfahrung sind rein religiös bestimmt.

Phase 3: Die Möglichkeiten einen großen Bekanntenkreis zu pflegen, schrumpfen durch den Eintritt ins Kloster ebenfalls stark. Der Kontakt zur Familie bricht nicht vollständig ab, ist aber ebenfalls eingeschränkt. Im Kloster ist man umgeben von Menschen des gleichen Geschlechts und meist auch der gleichen religiösen Gesinnung. Für gewöhnlich bricht man die Bande nach außen auch dadurch ab, dass man sein Vermögen aufgibt, kein familiäres Erbe antritt und keinen privaten Besitz aufhäuft.

Phase 4: Hier liegt das eigentliche tertium comperationis zwischen einem „guten“ und einem „schlechten“ Radikalen. Der „schlechte“ Radikale hat sich im Verlauf der ersten drei Phasen immer mehr innerlich verschlossen, wird mehr und mehr selbstbezüglich, sieht im Andern den zu bekämpfenden Feind. Daraufhin greift er zur Waffe. Der „gute“ Radikale hat sich von der Welt zurückgezogen, um innerlicher immer offener zu werden, sich zu dezentrieren und im Andern ein Angesicht des Göttlichen zu erkennen. Er macht nicht die andern zum Opfer, er bringt sich selber als ein solches dar.

All das ist selbstverständlich eine gänzlich idealtypische Darstellung von Radikalisierung, gut wie schlecht. Diese Darstellung sollte aber angedeutet haben, dass man konzeptionell so einfach nicht mit der Radikalität fertig wird.

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