Thomas von Aquin und die Metapher vom „Licht“ – in memoriam P. Lambert Schmitz OP

Ich habe begonnen Thomas (von Aquin) zu lesen: die Summe gegen die Heiden, auf lateinisch summa contra gentiles. Vor mir liegen also ca. 2000 Seiten, lateinisch-deutsch, im Dünndruck, eine Ausgabe besorgt unter anderem von Paulus Engelhardt OP für die Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Ich erwarte nicht, dass ich in diesem Jahr meine Lektuere beenden werde … .

Eine Metapher, die mir bei Thomas von Aquin schon auf den ersten Seiten oft begegnet, ist das „Licht“. Es ist die Metapher, mit der Thomas den Prozess der Erkenntnis beschreibt. Diese Metapher ist in der Ideengeschichte bei weitem nicht nur bei Thomas zu finden, bei ihm aber durchaus in sehr prominenter Weise. Das Bildwort steht sowohl fuer einen intellektuellen als auch fuer einen spirituellen Weg des fortschreitenden Erkennens hinein in eine immer tiefere Wahrheit und Weisheit.

Thomas nimmt Bezug auf Aristoteles, wenn er zu Beginn der summa schreibt, dass der Mensch „geleitet vom Licht der natürlichen Vernunft“ („ducti naturalis lumine rationis“; I,3) sich eine immer groessere Erkenntnis aneignen kann. Dabei beschraenkt sich diese Erkenntnis im Licht der natuerlichen Vernunft nicht nur auf sinnlich erfassbare, irdische Dinge. Sie umfasst auch spirituelle Dimensionen, also Erfahrungen, die sich nicht sinnlich erfassen lassen. Vernunft und Glauben stehen sich bei Thomas also nicht gegenueber. Im Prozess der zunehmenden Erkenntnis gehen sie ein Buendnis ein, da die Vernunft auch erhellend auf den Umgang mit den Fragen des Glaubens wirken kann.

Die Erkenntnis der irdischen und der geistlichen Dinge gehoert fuer Thomas zum Wesen des Lebens dazu. Dies nicht nur im Sinne einer intellektuellen Aufgabe, sondern auch im Sinne einer – wie wir heute vielleicht sagen wuerden – existentiellen Aufgabe. Thomas formuliert es in der summa contra gentiles wie folgt: „Das Ziel des Menschen ist es also, zur Schau der Wahrheit zu gelangen“ („Finis igitur hominis est pervenire ad contemplationem veritatis.“ II, 83). Alle erschaffenen Dinge haben ein Ziel, einen Sinn, eine Aufgabe, einen Zweck. Das Ziel des Menschen ist es, nach der Wahrheit zu suchen und sie letztlich auch zu finden, ja, zu sehen; nicht so sehr als sinnliche Schau mit den Augen des Koerpers, sondern eher als geistliche Schau mit den inneren Augen von Vernunft und Glauben.

Das Licht der Vernunft ermoeglicht uns Einblicke in die Wahrheit der uns umgebenden natuerlichen und sozialen Umwelt. Sie kann auch Einsichten in Dinge des geistlichen Lebens vorbereiten. Das Licht des Glaubens wiederum gewaehrt dem, der sich diesem Licht in der Kontemplation (Thomas spricht viel von ihr) anvertraut, Einblicke in die geistlichen Wahrheiten von Gott und dessen Wirken in der Welt. Das Licht des Glaubens fuehrt uns auch zu einer immer „wahrere(n) Gotteserkenntnis“ („Dei cognitionem veriorem“ I, 5). Ich erwarte von meiner Thomas-Lektuere noch Antwort auf die Frage, wann genau das Licht des Glaubens das Licht der Vernunft auf diesem fortschreitenden Weg der Erkenntnis hinter sich laesst bzw. ob es ueberhaupt je zu einer Entkopplung von Glaube und Vernunft kommen kann/soll/muss.

Es gibt noch ein drittes Licht. Dieses Licht ist fuer Thomas eine Metapher fuer die Wirklichkeit, die nach dem Tod auf den Menschen wartet. Es ist das Licht der Glorie; das Licht der Gegenwart Gottes. Die im irdischen Leben nur mittelbar erfahrbaren geistlichen Wahrheit, erschliessen sich in der Finalitaet des ewigen Lebens in ihrer ganzen, unmittelbaren Fuelle. Der Mensch ist in diesem eschatologischen Zustand „zur Glorie der göttlichen Schau erhoben“ („in gloriam divinae visionis elevari“ IV, 86). Die Erkenntnis ist voll und ganz vorhanden; intellektuelle und geistliche Einsicht verschmelzen in einer vollkommenen Schau der Wahrheit. Vermittelbar ist diese Schau aber nicht mehr, auch nicht in irdischen Metaphern.

Einige Zeit vor seinem Tod hat mir der Dominikaner P. Lambert Schmitz OP (1929-2009) von dieser dreifach gestuften Erkenntnis und den dazu korrespondierenden Licht-Metaphern erzaehlt. Das Gedicht, das aus diesen Gespraechen heraus entstanden ist, hefte ich hier an. Das soll deutlich machen: Meine Lektuere von Thomas bewegt sich auf einem Pfad, den schon viele Dominikaner (und andere) vor mir gegangen sind. Diese Lektuere hat fuer mich eben erst begonnen. Ich hoffe daher noch auf etwas groessere Klarheit im Umgang mit den thomasischen Begriffen und Metaphern; und der Wirklichkeit, die sie zu vermitteln suchen.

 

lambert op

mit poröser stimme sprach er

von thomas

und dem licht

der erkenntnis der dinge

die unsere vernunft durchwirkt dem licht

des glaubens der sich zu gott hinwirft

und dem licht der glorie

das er nun schaut.

 

© Burkhard Conrad

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3 Gedanken zu “Thomas von Aquin und die Metapher vom „Licht“ – in memoriam P. Lambert Schmitz OP

  1. Pingback: Thomas von Aquin und das Verhältnis von Vernunft und Offenbarung | Rotsinn

  2. Thomas von Aquin beschreibt in seiner Summe der Theologie den Werdegang der menschlichen Seele. Den Anfang macht Gott indem er jedem Menschen eine Vernunftseele schenkt, das weitere findet dann nicht ohne Zustimmung des Menschen statt und es endet in den „Reinen Herzen die Gott schauen“ aus der Bergpredigt. Aber alles Licht kommt von Gott, ich verstehe es als nur ein Licht, nicht verschiedene Lichter.
    1.) Der Beginn liegt nicht im Leben des Körpers (wie bei Tieren) sondern in der zur Vernunft fähigen Seele, das intellectivum principium (was man auch das natürliche Licht der Vernunft nennt).
    Durch diese Seele erhält der menschliche Körper sein Leben (anima forma corporis).
    2.) Da die Vernunft, das abstrakte Denken, nicht an vergänglichen Dingen hängt, ist die menschliche Seele selbst-stehend (subsistens), daher unzerfällig, also unsterblich S.Th. I, q75 a6.
    3.) Daher hat jeder Mensch eine natürliche Vernunft, sonst würde er gar nicht leben können. Dies gilt vorerst für alle Menschen.
    4.) Für Christen kommt nun zu dieser natürlichen Vernunft noch der Glaube hinzu. Der Glaube
    bringt dann die Gnade als Gaben des Heiligen Geistes mit sich, wie Klugheit, Einsicht, Rat……
    ein Gnadenlicht.
    5.) In diesen (scheinbar zwei) Lichtern leben wir, mit Erkenntnis und auch Zweifel. Wir verstehen durch „Verstehbilder“ (abstrakte Modelle), die wir aus unseren Erfahrungen nehmen die wir mit unseren Sinnen gesehen haben. Auch Gott sendet uns Verstehbilder (Visionen), damit wir in unserer Erkenntnis fortschreiten können. Das sind die bunten Schleier, durch die wir Gott sehen.
    6.) Erst nach dem Tod, wenn die Seele sich vom Körper getrennt hat, brauchen wir die Verstehbilder nicht mehr, die Seelen wenden sich Gott zu, manche kommen näher, andere bleiben weiter fern.
    Die abgeschiedene Seele kann das lumen divinae gloriae geschenkt bekommen. Dieses Glorienlicht schenkt uns ein zusätzliches Sehvermögen, mit dem es möglich wird Gott von Angesicht zu sehen.
    Maler haben dieses Sehvermögen an Heiligen als „Heiligenschein“ dargestellt, aber es ist keine Auszeichnung für ein perfektes Leben, es deutet nur an dass die Heiligen selbst besser sehen können.
    7.) Die visio beata. Sie schenkt uns die Möglichkeit Gott von seinem Wesen her zu erkennen, was auf Erden nicht möglich ist. Aus Glaube und Vernunft werden Schauen und vollkommenes Wissen. (vgl.Psalm36, ..in deinem Licht werden wir das Licht schauen.)
    Es sind also meinem Verständnis nach nicht zwei oder drei Lichter, sondern nur ein Licht Gottes, nur die Seele macht einen Entwicklungsgang durch.
    Thomas hat diese Entwicklung in seinem Gedicht „Gottheit tief verborgen- Adoro te devote“ beschrieben. Die vielen Schleier und Verborgenheiten kommen vor. Erst in der letzten Strophe beschreibt er seine Sehnsucht nach dem Glorienlicht ….visu sim beatus tuae gloriae.
    Elisabeth Vondrous

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