Das Schweigen als Ausdruck des politischen Protest

Auf den ersten Blick ist Schweigen sehr passiv. Ich äußere mich nicht, halte den Mund, überlasse anderen das Wort. Ich gehe nicht in die Initiative und scheine die Verantwortung zu scheuen. Wer schweigt, hat schon verloren, so könnt man denken.

LeserInnen dieses Blogs wissen, dass ich von dieser Art passivem Schweigen hier eigentlich nie schreibe, wenn ich vom Schweigen spreche. Ich schreibe viel mehr von einem produktiven, transformativen, wirkmächtigen Schweigen. Ich schreibe von einem Schweigen, das kontemplativ ist und in diesem Sinne die blanke Dualität von Aktivität und Passivität hinter sich lässt. Das Schweigen, das ich meine, kann trotz aller äußerer Passivität eine unglaubliche Vitalität ausstrahlen. Vielleicht ist dieses Schweigen nicht einfach zu lesen und zu deuten. Es kommt einem durch sich hindurch ausgestülpten Austinschen Sprechakt gleich, einem Schweigeakt.

Der Schweigeakt hat durchaus auch politische Dimensionen. Ein Text der in Großbritannien ansässigen Autorin Sophie Hatzisavviduou unter dem Titel „Disturbing Binaries in Political Thought: Silence as Political Activism“ (Social Movement Studies, 14:5, 509-522) hat diese Dimensionen zum Thema. Anhand eines realen Falles – eine Gruppe von protestierenden Studierenden begegnet der kritisierten Autoritätsperson nicht mit lauten Sprechchören, sondern mit eisernem Schweigen – versucht Hatzisavviduou aufzuzeigen, dass Schweigen durchaus eine Botschaft in sich trägt, auch wenn dies nicht einfach zu decodieren ist.

Hatzisavviduou betont, dass es sehr darauf ankommt, in welches Umfeld das Schweigen fällt. Hans Blumenberg würde dazu sagen, es kommt sehr auf die „rhetorische Situation“ an. Zu manchen Zeiten kann Schweigen politisch äußerst wirkungsvoll sein, manchmal funktioniert es aber auch nicht. Schweigen als politischer Protest ist also situativ flexibel zu handhaben. Es ist taktisch einzusetzen, wie die Autorin feststellt: „It is an embedded event that responds to a challenge.“ (514). Das bewusst gewählte Schweigen wartet auf den „kairos“ (520), der ihm erst zur Wirkmächtigkeit verhilft.

Da Hatzisavviduou das Schweigen als taktische Waffe von Protestierenden ansieht, wundert es auch nicht, dass sie diesem situativen Schweigen eine kritische Natur zuschreibt. Diese „power of silence“ beschreibt die Autorin folgendermaßen:

„Silence provides ordinary citizens with a means of resistance, at least to the degree that it renders them unknowable to their leaders. ‚Keeping silent‘ is a way to resist mechanisms of power (…) .“ (513)

Das Schweigen sei eine taktische und kritische Praxis, die Ungerechtigkeiten aufdecke, so Hatzisavviduou an gleicher Stelle. Schweigen von unten kritisiert die, die oben sind. So wie auch das Schweigen von oben, diejenigen verunsichert, die sich unten wähnen. Da das Schweigen in seiner Kritik nicht eindeutig ist – der Beschwiegene kann sich nie sicher sein, welche Botschaft das Schweigen ihm oder ihr exakt vermitteln soll – kann das Schweigen auch eine transformative Kraft entwickeln. Diese Kraft hat eben nicht nur das gesprochene Wort inne, sondern auch das bewusste Schweigen. Noch einmal Hatzisavviduou im Wortlaut:

„Tactical silence in political life is a critical practice, in the sense that it is a pattern of political engagement that manifests an alternative possibility of being and acting.“ (516)

Schweigen ist also nicht einfach nur Stille. Schweigen folgt auf eine bewusste Entscheidung, auf eine verbale Äußerung zu verzichten. Manche Personen – kontemplative Menschen zum Beispiel – denen die rhetorische Situation des Schweigens auf ihr ganzes Leben aus. Ihr Leben wird zu einem bereden Schweigen, das immer auch als eine Kritik an der wortgewaltigen „Welt“ gedeutet werden kann.

In der Tagespolitik würde sich ein solches dauerhaftes Schweigen totlaufen; da hat Hatzisavvidou recht (516). Dennoch gehören beide Arten des Schweigens zusammen: das taktische Schweigen und das kontemplative Schweigen. Beiden Arten des Schweigens sind stille Zeugen derjenigen Macht, die im Stillen wirkt. Beide Arten des Schweigens unterlaufen unser Selbstverständnis, dass nur gefeilte Rhetorik und Verbales eigentlich Bestand hat. Auch bewusstes Schweigen kann zu Veränderungen führen, politischen und mentalen. Wer Politik treibt sollte also wissen, wann er zu reden und wann er bewusst zu schweigen hat. Denn, so Hatzisavvidou: „Silence and eloquence are interwoven“ (518).

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2 Gedanken zu “Das Schweigen als Ausdruck des politischen Protest

  1. Erstens: Hier ist darauf zu achten, ob mir jemand überhaupt zuhören möchte und zu hören bereit ist, bzw. auf meine Antwort wartet.
    Zweitens: wie mein Gegenüber mein Schweigen wertet?
    Drittens: In welchem Kontext die Kommunikation erfolgt.
    Beispielsweise gilt im Handelsrecht für Vollkaufleute dass Schweigen Zustimmung bedeutet und einen gültigen Kaufvertrag abschließt!!!
    Oft wird auch in der Politik Schweigen als Zustimmung verstanden.
    Viertens: Anders, in einer Situation in der viele Stimmen lautstark streiten (aktuell über die Deutschen Landtagswahlen). Wenn viele Meinungen mich zu einer Stellungnahme auffordern und mir zuhören,
    bedeutet mein Schweigen: Ihr habt alle unrecht. Sucht nach einer dritten Lösung.
    Gebraucht eure natürliche Vernunft (Hausverstand).
    Daher schweige ich auch zur aktuellen politischen Debatten in Europa.
    Elisabeth Vondrous

    • Vielen Dank für Ihren Kommentar!
      Genau in Ihrem Sinne schreibt es auch die Autorin des erwähnten Artikels: Schweigen kann nicht generell als Ausdruck des politischen Protests verstanden werden. Es kommt sehr auf die bestimmte Situation an. Gerade weil Schweigen deutungsoffener ist als das Reden, muss der Schweigende darauf achten, dass ihm das Schweigen sozusagen nicht im Munde herumgedreht werden kann und als was auch immer ausgelegt werden kann.
      B. Conrad

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