Der analytische Blick und die kontemplative Schau – zu einem Zitat von Meister Eckart

Zwischen dem analytischen Blicken und dem kontemplativen Schauen ist ein Unterschied. Der dominikanische Mystiker Meister Eckart (1260-1327) beschreibt diesen Unterschied so:

Wenn man die Kreatur in ihrem eigenen Wesen erkennt, so heißt das eine ‚Abenderkenntnis‘, und da sieht man die Kreaturen in Bildern mannigfaltiger Unterschiedenheit; wenn man die Kreaturen in Gott erkennt, so heißt und ist das eine ‚Morgenerkenntnis‘, und auf dies Weise schaut man die Kreaturen ohne alle Unterschiede und aller Bilder entbildet und aller Gleichheit entkleidet in dem Einen, das Gott selbst ist. (Meister Eckhart: Vom edlen Menschen; abgedruckt in ders.: Das Buch göttlicher Tröstung, Frankfurt/Leipzig 1987, S. 76)

Ohne die beiden interessanten Metaphern „Abend- und Morgenerkenntnis“ näher geprüft zu haben, scheint mir Eckart hier folgendes ausdrücken zu wollen:

Der analytische Blick schaut auf die Dinge und Erscheinungen dieser Welt in ihrem je eigenen Wesen. Dieser Blick zerteilt die Dinge, um sie voneinander unterscheiden zu können. Hier wird definiert und begrifflich scharf formuliert. Es werden Grenzen zwischen A und B und C gezogen. Ganz bewusst schaut man eher auf das Einzelne und weniger auf die Zusammenhänge. Für das wissenschaftliche Arbeiten, sowohl in den Natur- als auch in den Geisteswissenschaften, ist dieser analytische Blick unabdingbar.

Die kontemplative Schau blickt durch die Dinge und Erscheinungen der Welt hindurch auf das dahinter liegende Sinngewebe. Die Schau sucht die Einheit in all der Vielheit und versucht, die Mannigfaltigkeit der Dinge auf die eine Quelle – Gott – zurückzuführen. Die Dinge verlieren in der Schau ihre Eigenständigkeit und ordnen sich hin zu dem Einen. Es sind nicht die vielen Wesen, sondern das eine Wesentliche, das durch die Morgenerkenntnis an den Tag tritt. In ihm vereint sich alles, die Bilder und Vorstellungen verabschieden sich, öffnen sich zur Wirklichkeit, zur Wahrheit hin.

Ich möchte Blick und Schau nicht gegeneinander ausspielen.  Der analytische Blick hilft beim Prozess der Welterkenntnis. Diese Erkenntnis bleibt aber unvollständig – nicht der Quantität, sondern der Qualität nach – wenn sie nicht durch die Schau ergänzt wird. Die Schau wiederum kommt am besten dann zur Entfaltung, wenn in ihr die bewusst gewusste Vielheit auch wirklich erst erkannt wird, bevor in der Schau alles eins wird. In ihr ist alles hingeordnet auf den Einen, der Herr ist über Morgen und Abend.

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2 Gedanken zu “Der analytische Blick und die kontemplative Schau – zu einem Zitat von Meister Eckart

  1. Das Buch der göttlichen Tröstung ist sehr tief und sehr weit, es lohnt sich zu lesen, auch der zusätzliche Originaltext (klingt mir ähnlich wie Tirolerisch – sehr herzig). Es ist etwas besonderes. Meister Eckhart
    bietet hier einen Zugang zum christlichen Glauben, der alternativ zum gewöhnlichen, kirchlichen Weg
    (Sakramente, Hierarchie…) eine Einung mit Gott ermöglicht. Gerade heute, wo viele Menschen mit der
    institutionellen Kirche wenig anfangen können. Das Interesse steigt an diesem Mystiker, in Wien sind Eckhart Vorträge gut besucht.
    Die Abenderkenntnis und Morgenerkenntnis verstehe ich im Sinne der Schöpfungsgeschichte, wo ebenfalls der Abend vor dem Morgen genannt wird. Die Schau der Geschöpfe in ihrem Wesen ist meiner Meinung nach mehr als naturwissenschaftliche Analyse, denn die Tiere werden nicht im Licht des Wissenschaftlers gesehen, sondern „in ihrem eigenen Wesen“ also wie Adam im Paradies sie gesehen hat. Und wie vielleicht ein erfahrener und engagierter Tierpfleger sie sieht, oder wie ein Mensch seinen geliebten Dackel Waldi sieht, der damit vom liebenden Herrl her ewig leben wird.
    Das ist nur eine eigene Kontemplation, Ich will meine Meinung nicht anderen aufzwingen.
    Elisabeth Vondrous

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