„Contemplation comes to fulfill the intellectual life“ – Über Kontemplation und Wissenschaft

In meiner Lektüre des geistlichen Autors Thomas Merton (1915-1968) stieß ich kürzlich auf ein Zitat, das ich hier wiedergeben möchte:

„It is true that contemplation transcends the level of reason and of logical discourse. But, just as Christ came to fulfill the moral law, and not to destroy it, contemplation comes to fulfill the intellectual life of the philosopher or theologian, not to destroy it. Nevertheless, if theology and philosophy are to achieve the fulfillment that only contemplative prayer can give them, they must be prepared to relinquish their own characteristic method of procedure at least at the moment of contemplation.“

Und mit starken Metaphern fährt Thomas Merton fort:

Human discourse, even at its most exalted level, crawls along the ground, when it is compared with the swift, dark, soaring flight of contemplation which pierces the heart of truth liken an arrow, transcending and surpassing all concepts and images that can be clearly grasped by the mind and losing itself in the blinding flash of an intuition that is dark through excess of light and obscures the mind at the moment of the most intense illumination.“ (Thomas Merton 2015: Early Essay, 1947-1952. Ed. by Patrick F. O’Connell, Athens/Ohio: Cistercian Press, 113)

Wissenschaftliches Arbeiten wird selten als etwas sehr intuitives beschrieben. Wer einen größeren universitären Forschungsantrag stellt, der muss in seiner Antragsprosa das Ergebnis seiner Forschung quasi schon als gesichert ausschauen lassen. Nichts untergräbt den Erfolg mehr als die Behauptung, man wisse bei dem eigenen Forschungsvorhaben noch nicht sicher, wo die Reise hingehe, man habe aber eine Art Bauchgefühl, eine Intuition.

Wissenschaftliches Arbeiten wird heutzutage noch seltener als ein kontemplatives, beschauliches Unterfangen beschrieben. Der Verdacht ist zu groß, dass sich hinter dem beschaulichen Vorgehen eine Ideologie verberge, eine „Methode“, die sich nicht wiederholen, nicht verifizeren lasse und auch nicht kommunizieren; die also im wissenschaftlichen Diskurs keinen respektablen Platz einnehmen könne, weil dieser Diskurs nicht zu unrecht auf argumentative Wiederholbarkeit angelegt ist. Mertons Vorstellung ist, dass es die Kontemplation ist, die zum „Herz der Wahrheit“ vordringt. Er hilft sich dabei mit paradoxen Bildern, um die etwas verquere kontemplative „Methode“ zu umschreiben: der Blitz der Intuition, der durch einen Überschuss an Licht Dunkelheit verbreitet.

Kontemplation hat wenig zu tun mit Analyse und Logik. Es ist vielmehr die nach außen hin passiv wirkende Kontemplation, die eine Erkenntnis bringende Energie aktiv freisetzt. Kontemplation öffnet einen inneren Raum für einen intuitiven Gedanken, für einen inspirierenden Einfall. Kontemplation ersetzt aber auch nicht die üblichen wissenschaftlichen Methoden, sie ergänzt sie vielmehr um das wenig kontrollierbare Element einer Zwiesprache mit dem ganz Anderen. Diese Zwiesprache orientiert sich nicht an wissenschaftlichen Dialogformen in Form von Tagungsbänden und Diskussionspanels. Sie baut sich vielmehr auf durch eine Konsultation der Offenbarungsquellen (im Christentum: hl. Schrift) und durch das einsame, schweigende Verharren in der (vermuteten) Gegenwart der Transzendenz. Kontemplation ist also so etwas wie ein Resonanzraum für das zuvor im Diskurs Vernommene. Sie ist gleichzeitig auch ein Schwungrad für das, was mir im wissenschaftlichen Arbeiten zukünftig noch begegnen wird.

Auf dem kontemplativen Weg manifestiert sich laut Merton die geistliche Wahrheit von Theologie und Philosophie. Aber auch andere Disziplinen mögen von diesem retardierenden Moment der Kontemplation profitieren.  So kann einem die kontemplative Intuition einen Sinn für die größeren Zusammenhänge der eigenen wissenschaftlichen Tätigkeit, der eigenen Disziplin liefern, bevor diese Zusammenhänge auf analytischem Wege sich auch wirklich bewahrheiten. Wissenschaft ent-wirft sich sozusagen mit Hilfe der Kontemplation nach vorne in ein noch unbekanntes Terrain, das es anschließend analytisch zu kartographieren gilt.

Nur wird jeder enttäuscht werden, der Kontemplation instrumentell zum Erkenntnisgewinn einsetzen möchte, auch unter den Theologen und Philosophen. Man betreibt Kontemplation nicht, weil sie nützt, weil sie einen weiterbringt. Nur der, der in und mit der Kontemplation nichts Bestimmbares und Definierbares innerhalb der Welt sucht und keinen irdischen Plan mit ihr verbindet, wird sich am Ende als glücklicher Finder der Wahrheit freuen können.

 

Siehe auch „Über dialogische und kontemplative Wissenschaft„.

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2 Gedanken zu “„Contemplation comes to fulfill the intellectual life“ – Über Kontemplation und Wissenschaft

  1. Ein Mensch sollte u. a. seine Willenskraft und Liebe vergrößern. Es ist wichtig, gesundheitsbewusst zu leben und sich unegoistisch zu verhalten. Es ist sinnvoll, viel Sport zu machen, berufliche und andere Herausforderungen zu meistern, immer mehr für den Naturschutz zu tun usw. Und dann sollte man sich morgens unmittelbar nach dem Aufwachen auf einen Wunsch konzentrieren und sich (nochmal) in den Schlaf sinken lassen. Es ist möglich Träume nach Belieben zu steuern, ohne einen luziden Traum herbeizuführen. Zudem ist es möglich mystische Erfahrungen zu machen, ohne einen luziden Traum herbeizuführen. Traumsteuerung und Traumdeutung gehören zur ersten Stufe. Dann kommt die zweite Stufe, die dritte Stufe usw. Künstliche Bewusstseinsveränderung (z. B. Hypnose), Präkognition usw. sind gefährlich. Bestimmte Yoga-Techniken, luzides Träumen usw. können gefährlich sein.
    Die Wissenschaft darf nicht alles erforschen. Es ist z. B. unter Umständen gefährlich, wenn ein Mensch erforscht, ob er einen freien Willen hat. Es ist denkbar, dass ein Mensch gerade durch die Erforschung der Beschaffenheit des Willens seinen freien Willen verliert. Es bedeutet auch eine Entheiligung der Natur, wenn Traumforscher die Hirnströme von Schlafenden messen. Zudem müssen die Gefahren der Technologie immer weiter verringert werden. Es ist z. B. falsch, Hochgeschwindigkeitszüge zu bauen. Hilfreich sind Tata-Nano-Technologie, 0,3-Liter-Einsitzer-Autos, Linsermethode gegen Krampfadern usw. Die Verkehrsprobleme werden reduziert, wenn die meisten Menschen mit einem Motorrad o. ä. fahren, anstatt mit einem Viersitzer-Auto. Man sollte in einer Region leben mit möglichst wenig Kälte. Es ist wichtig, den Fleischkonsum stark zu reduzieren. Es ist sinnvoll, in einem (evtl. 3-D-gedruckten) Mobilheim zu wohnen. Die vorgenannten Maßnahmen gehören zur ersten Stufe. Dann kommt die zweite Stufe, die dritte Stufe usw.

    • Vielen Dank!
      Sie mögen sich es schon gedacht haben: Ich stimme Ihnen in vielen Punkten nicht zu. Die christliche Kontemplation ist nicht prinzipiell anti-modern oder anti-technisch eingestellt. Die christliche Kontemplation sucht die Begegnung des Betenden mit Gott. Manche nennen es auch die Schau. Die christliche Kontemplation ist auch kein planvolles Geschehen, das bestimmte Zustände hervorrufen möchte. Vielmehr möchte christliche Kontemplation – die nichts anderes ist als ein Gebet – den gläubigen Menschen mit dem Leben und der Liebe, die Gott in Jesus Christus schenkt, verbinden.
      Es tut mir leid, dass ich Ihnen widersprechen muss. Ich möchte aber deutlich machen, dass wir zwei unterschiedliche Vorstellungen von Kontemplation haben.
      B. Conrad

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