Navid Kermani und der „Einbruch der Wirklichkeit“ in Europa – ein Lektürehinweis

Im September und Oktober 2015 reiste Navid Kermani im Auftrag eines deutschen Nachrichtenmagazins auf der Route der Flüchtlinge vom Balkan, über die griechische Insel Lesbos an die Westküste der Türkei. Seine Erfahrungen gibt er in einem schmalen Reportagenband wieder, der vor einigen Tagen bei C.H. Beck erschienen ist (Einbruch der Wirklichkeit. Auf dem Flüchtlingstreck durch Europa, München C.H. Beck 2016).

Wer Kermanis Buch „Ausnahmezustand. Reisen aus einer beunruhigten Welt“ aus dem Jahr 2013 kennt, weiß um die Wirklichkeit, die Kermani über Europa hereinbrechen sieht. Es ist die von sozialen, religiösen und militärischen Konflikten zerrüttete Wirklichkeit vieler jener Völker, die südlich und östlich der Türkei leben.  Diese Wirklichkeit rückt den Europäern näher und näher auf den Leib. Die Metapher des plötzlichen „Einbruchs“ ist für die Geschehnisse und die Gefühlslage der Deutschen im Herbst 2015 durchaus richtig gewählt.

Kermani schildert in seiner Reportage eine Reihe von Einzelschicksalen, Geschichten von Menschen, die er auf dem Weg trifft. Dabei interessieren ihn vor allem jene Frauen, Männer und Kinder, die es vielleicht gar nicht bis an die deutsche Grenze schaffen: die Beraubten, die Gedemütigten, die Müden. Er trifft sie in Belgrad, auf Lesbos, auf dem Hof einer Moschee im türkischen Izmir. Er beobachtet Helfer, durchaus auch mit kritischer Distanz. Er lässt aufblitzen, wie nahe sich Trauer und Glück, Hoffnung und Elend in den Leben der Flüchtenden sind.

Jedes Einzelschicksal hat für Kermani aber auch eine politische Dimension. Denn die Geschichte eines jeden individuellen Flüchtlings ist imprägniert von dem Scheitern der großen Politik in den Herkunftsländern der Geflüchteten und in Europa. Kermani ist sich dessen sicher, weshalb er dann auch immer wieder (europa-) politische Kommentare in seine Reportage einflechtet. Denn der „Flüchtlingstreck durch Europa“ ist gleichzeitig eine vehemente Rückfrage an den politischen und moralischen Zustand Europas. „Wollen wir Europa, oder wollen wir es nicht?“ (27) fragt Kermani emphatisch an die Adresse seiner Leserinnen und Leser gewandt. Und mit Blick auf die Weltgegenden, die er vor einigen Jahren für „Ausnahmezustand“ durchreiste notiert er: „Nur ein starkes, einiges und freiheitliches Europa könnte die Welt zu befrieden helfen, aus der so viele Menschen zu uns fliehen.“ (47).

Navid Kermani ist selbst nur einige wenige Tage eingetaucht in die bittere Wirklichkeit der Flüchtlinge auf dem Weg von Kleinasien nach Mitteleuropa. Mit ihm tauchen seine Leserinnen und Leser ebenfalls nur punktuell ein in eine Welt zwischen Mitgefühl und Profitgier, zwischen Ignoranz und tatkräftiger Hilfe, zwischen Resignation und Aufbruch. Man kann sich dieser Wirklichkeit verschließen, sich einbunkern hinter einem Wall von Ressentiments. Doch besser ist es, so lässt sich Kermani verstehen, wenn diese unruhige Wirklichkeit der globalisierten Welt für Europa zu einem Projekt wird für eine nach vorne schauende, realitätsnahe demokratische Politik der Mitmenschlichkeit.

 

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