„Hospitality keeps on deconstructing.“ Über Naturrecht und Gastfreundschaft

In einem früheren Beitrag untersuchte ich den (vermuteten) Zusammenhang zwischen dem Naturrecht und der Institution des Kirchenasyls. Meine grundlegende Feststellung war damals, dass es durchaus eine rechtliche Verbindlichkeit geben kann, über die positiven Rechtssätze eines Staates hinaus zu gehen. Diese Verbindlichkeit kann freilich nur für sehr, sehr ausgewählte Fälle gelten.

Von einem bislang wenig politisierten Begriff wie der „Gastfreundschaft“ erwartet man nicht unbedingt, dass auch dieser – naturrechtlich begründet – zu einer Herausforderung für das staatlich verfasst Gemeinwesen werden kann.  Diesen Zusammenhang hatte Gideon Baker von der australischen Griffith University wohl nicht im Sinn, als er 2011 in dem Fachmagazin Review of International Studies einen Aufsatz unter dem Titel „Right of entry or right of refusal? Hospitality in the law of nature and nations“ veröffentlichte (Jg. 37, S. 1423-1445). Dennoch kommt er in dem Papier zum Tragen.

Bakers Ausgangspunkt ist der von ihm festgestellte Konflikt zwischen einem Recht auf Gastfreundschaft und dem Recht auf Eigentum in der Tradition der Naturrechtslehre. Diesen Konflikt stellt Baker anhand verschiedener Naturrechtsdenker dar: u.a. der Dominikaner Francisco de Vitoria, Emmerich de Vattel, Samuel von Pufendorf, Immanuel Kant. Während einige Denker wie de Vitoria dem Recht auf Gastfreundschaft den Vorzug einräumen, setzen andere Denker wie von Pufendorf mehr auf das Recht auf unversehrtes Eigentum.

Baker zitiert Vitoria mit dem markanten (und hochaktuellen) Satz: „to refuse to welcome strangers and foreigners is inherently evil“ (1428). Für de Vitoria bestand eine moralische Verpflichtung des Gastgebers den Gast willkommen zu heißen; diese Verpflichtung überschrieb im Konfliktfall das Recht des Gastgebers auf Unversehrtheit seines Eigentums.

Baker führt auch die gegenläufige Argumentation von von Pufendorf an. Für diesen sei Gastfreundschaft ein Akt der Nächstenliebe gewesen, mit der Konsequenz, dass diese Liebe auch verweigert werden kann. „Hospitality, für Pufendorf, is charity, and charity can of course be refused“ (1433). Aus einer naturrechtlichen Verpflichtung für den Gastgeber und einem entsprechendem Recht für den Gast wird ein unverbindlicher Liebesakt, der gewährt oder auch verweigert werden kann. Pufendorfs Haltung zeichnet sich durch eine tendenzielle Höherbewertung des Rechtes auf unversehrtes Eigentum aus; Teilen ist keine Pflicht, sondern geschieht freiwillig.

Bakers Text legt es nicht darauf an, sich für die eine oder andere Argumentation zu entscheiden. Es handelt sich bei seinem Text um einen ideengeschichtlichen, nicht um einen migrationspolitischen Beitrag. Gleichzeitig ist Bakers Beitrag hilfreich bei der Einordnung gegenwärtiger Debatten, da er einen zentralen migrationspoltitischen Zielkonflikt beschreibt. Denn einer mag das Recht auf Gastfreundschaft betonen oder auch das Recht auf unversehrtes Eigentum, und prinzipiell kann man versuchen, diesen beiden Rechten auch gleichzeitig gerecht zu werden. Das funktioniert aber nur bis zu einem bestimmten Punkt. „Irgendwann“ stellt sich die Frage, welchem Recht man (politisch) den Vorzug gibt. Diese Frage kann die Ideengeschichte nicht beantworten.

Bakers Text besteht aber nicht nur in einer Darstellung der beiden genannten Positionen. Vielmehr weist Baker in seinem Schlussteil darauf hin, dass die beiden Rechte – auf Gastfreundschaft und auf Eigentum – sich nicht einfach gegenüberstehen, sondern sich in dieser Dualität auch wechselseitig bedingen. Dort, wo ich alle Grenzen und exklusiven Zugangsrechte aus der Welt schaffe und damit auch mich von der Idee des Eigentums verabschiede, dort bedarf es nicht mehr der Gastfreundschaft. Gleichzeitig macht Exklusivität auch nur dort Sinn, wo es ein Außen gibt, das sich ausschließen lässt, dem ich aber ggf. auch ein Gastrecht gewähren kann.

Von Derrida inspiriert schreibt Gideon Baker:

„Hospitality keeps on deconstructing. The tension between right of property and right of communication which produces the possiblity of hospitality also threathens its very existence“ (1444).

Die Gewährung von Gastfreundschaft und das Recht auf unversehrtes Eigentum setzen sich also gegenseitig voraus. Das eine lässt sich nicht aus der Welt schaffen, ohne dem anderen dabei zu schaden.

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2 Gedanken zu “„Hospitality keeps on deconstructing.“ Über Naturrecht und Gastfreundschaft

  1. Gerechtigkeit im Sinn von Naturrecht bedeutet Verteilungsgerechtigkeit (bei Aristoteles). Allerdings ging er damals von Bürgern der Polis (Athen) aus, nicht von ganz Griechenland, bzw. allen Ländern der Antike im Mittelmeerraum. Paulus verstand es im Sinn von Aristoteles. Siehe Apostelgeschichte, Kapitel 17. „Es geht nicht darum dass ihr in Not geratet, indem ihr anderen helft, es geht um einen Ausgleich. Im Augenblick soll euer Überfluss ihrem Mangel abhelfen, damit ihr Überfluss einmal eurem Mangel abhilft“.
    Die heutigen Krisen der Welt können nicht von einem Land allein für die ganze Welt gelöst werden,
    wir brauchen eine funktionierende Weltgemeinschaft mit geordneten Staaten.
    Elisabeth Vondrous
    Alles gute für das Neue Jahr 2016.

    • Sorry, die Schriftstelle ist im 2. Korintherbrief, Kapiel 8. Was ich angeführt hatte, ist die Areopagrede des Paulus.
      Elisabeth Vondrous

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