Die Welt zwischen den Sprachen. Über das Schreiben zweisprachiger Gedichte.

Ich schreibe jedes Jahr ein Gedicht zu Weihnachten und versende es, statt Karten sozusagen. Dieses Gedicht verfasse ich in deutscher und englischer Sprache. Der Grund für diese Zweisprachigkeit ist pragmatischer Natur: Einige meiner Freunde leben im Ausland und sind der deutschen Sprache nicht mächtig. Als die Zahl dieser Art Freunde irgendwann zunahm, begann ich mit der Übersetzung des jeweiligen Gedichts in die englische Sprache.

Dabei bekommen alle meine Bekannten – deutschsprachig oder nicht – beide Texte zugesandt, den deutschen und den englischen. Die einen lesen den deutschen Text, die anderen den englischen und wieder andere – jene, die sowohl deutsch als auch englisch sprechen – lesen beide Texte. So stelle ich es mir auf jeden Fall vor. Die Sache wird nicht systematisch abgefragt; das wäre für Weihnachtspost auch untypisch.

Als ich mit den zweisprachigen Gedichten begann, gestaltete es sich als der bloße Versuch einer Übersetzung bzw. Übertragung des deutschen Textes ins Englische. Es war sozusagen eine deutsch-englische Einbahnstraße. Das gelang manchmal besser, manchmal schlechter. Heutzutage lasse ich einen Muttersprachler über den englischen Text schauen, um die gröbsten Fehler daraus zu entfernen.

Zunehmend merke ich aber auch eines: Die Übertragung vom Deutschen ins Englische ist ein kreativer Prozess, vor allem bei einem Gedicht. Ich bemühe mich beim englischen Text nicht nur um technische Korrektheit, sondern auch um poetische Schönheit. Ich erfahre die Übertragung in eine andere Sprache als einen eigenen poetischen Prozess. Jeder professionelle Übersetzer wird diese doppelte Herausforderung kennen: Der übersetzte Text muss den richtigen Inhalt übermitteln und dafür die adäquate Sprache finden. Vor allem der zweite Punkt ist im Falle von Gedichten wesentlich.

Weil ich im Falle meiner Gedicht der Autor sowohl des deutschen als auch des englischen Textes bin, erlaube ich mir noch eine kleine Spielerei. Hier und da wage ich es, in der englischen Übertragung vom deutschen Ursprungstext weiter abzuweichen als es sprachlich notwendig wäre. Das heißt, ich verlasse die deutsch-englische Einbahnstraße. Ich mache dadurch auf den Weg, eine weitere Sinnebene zu entdecken. Diese Sinnebene liegt nicht in der einen, nicht in der anderen Sprache. Sie liegt sozusagen in dem fortwährenden Dazwischen: Zwischen dem deutschen und englischen Text öffnet sich unbestimmtes, aber durchaus erfahrbares semantisches Feld.

Der deutsche und der englische Text beginnen also miteinander zu kommunizieren. Der eine ist nicht einfach die fremdsprachige Übertragung des anderen. Der eine ist aber auch nicht einfach ein ganz und gar anderer Text. Es kann sogar passieren, dass ich aufgrund der Arbeit am englischen Text eine Stelle im deutschen Gedicht noch einmal überarbeite, verändere. Dieses Hin und Her zwischen den Sprachen hat seine ganz eigene Qualität.

Es entstehen – um ein Bild aus der Musik zu nutzen – poetische Obertöne zwischen den Sprachen. Dabei kann ich mich in meiner sprachlichen Übertragung nicht willkürlich vom Ausgangstext distanzieren, denn dann würde die Kommunikation zwischen dem deutschen und dem englischen Text abreißen. Ich baue vielmehr eine Distanz zwischen den beiden Texten auf, in welcher fortwährend der eine Text für den anderen Text erreichbar ist und umgekehrt. Dies tue ich nicht bewusst, sondern es geschieht vielmehr im poetischen Prozess selbst. Die Übersetzung ist nicht mehr „nur“ Übersetzung, und der Ursprungstext ist auch nicht mehr „nur“ der Ursprung.

Diese poetischen Obertöne beschreibt Rowan Williams so:

„This is indeed language under pressure deployed as a means of exploration, invoking associations which may be random in one way, yet generate a steady level of unsettling alternative or supplementary meanings in the margin of the simple lexical sense.“ (The Edge of Words, 2014, 133)

Sinn scheint es also nicht nur dort zu geben, wo es Sprache gibt. Sprachen können zwischen und außer sich auch Sinnwelten entstehen lassen bzw. zum Vorschein bringen. Wenn verschiedene Sprachen miteinander zu kommunizieren beginnen, gewinnt die sprachlich vermittelte Wirklichkeit an einer Tiefe, die vorher unbekannt war. Diese neue Tiefe lässt sich nicht sprachlich einfangen, sondern offenbart sich nur dort, wo die Differenz bleibend ist, aber nicht unüberbrückbar wird.

Die Welt zwischen den Sprachen ist nicht eindeutig. Ich kann als Dichter nicht über sie verfügen. Sie entsteht – möglicherweise – bei dem Leser meiner Gedichte, wobei ich mit einer bestimmten sprachlichen Konstruktion nur einen Anstoß geben kann. Für mich ist dabei die Einsicht wichtig, dass diese Welt nur dort entstehen kann, wo ich Differenz erfahre. Der Sinn des Textes liegt nicht nur im Deutschen, er liegt nicht nur im Englischen. Der Sinn liegt auch in den Zwischenräumen, in den semantischen Ritzen und Spalten, welche sich zwischen den Sprachen auftun.

 

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3 Gedanken zu “Die Welt zwischen den Sprachen. Über das Schreiben zweisprachiger Gedichte.

  1. Pingback: Fleisch werden – Becoming flesh: Die Praxis zweisprachiger Gedichte | Rotsinn

  2. Kann man schöne Gedichte übersetzen?
    Auch ich schreibe manchmal Texte und auch Gedichte. Wenn ich in Englisch dichte kann ich es nur schwer in Deutsch übersetzen, es wird ein Murks. Schöne deutsche Gedichte kann man andererseits nicht in Englisch übersetzen, es wird hölzern. Texte aus der King James Bible sind nicht übertragbar, ebenso Goethes Texte sind nicht in Englisch übertragbar.
    Ich habe letzte Woche einen Beitrag in Englisch geschrieben für die Homepage der European Lay Dominican Fraternities. Zu finden auf der Webseite http://www.ecldf.net unter Chain of Preachers of Hope.
    Ein Link führt auf meinen PDF Text. Die Punkte meiner „Vision“ waren im ursprünglich für einen Kanadier
    formuliert und in English gedichtet, danach übersetzte ich es in Deutsch für meine Pfarre.
    ECDLF Team kürzte meinen Text dann für die Chain, eine guter Text der den Sinn meines Vortrags wiedergibt. Gedenkjahr 70 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs.
    Ein gesegnetes Weihnachtsfest wünscht
    Elisabeth Vondrous

    • Vielen Dank für Ihre Zeilen und den Hinweis auf die Seite der dominikanischen Laien!
      Ich bin nicht ganz so pessimistisch, was die Übersetzung „schöner“ Texte anbelangt. Natürlich ist ein spanischer Goethe kein deutscher Goethe. Es muss aber kein schlechter Goethe deshalb sein. Das gleiche gilt für einen deutschen Shakespeare. Die von mir beschriebene Situation ist letztlich die, das ein und die selbe Person den einen Text in zwei Sprachen schreibt. Das ist ein besonders reizvolles Experiment.
      Burkhard Conrad

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