Der Alltag als Ort der Differenzerfahrung

Wir lieben den Alltag nicht. Wir brauchen ihn aber. Wir brauchen den Alltag mit seinen Routinen, Ritualen und Wiederholungen. Wo kämen wir hin, wenn wir alle drei Tage umziehen, unsere Freundschaften wechseln und Hobbies austauschen würden. Das alltägliche Einerlei schenkt unserem Leben Kontinuität, einen Sinnbogen. Alles aber, auch die Kontinuität, hat ihr Maß. Und jede Unterbrechung hat ihre Zeit. Ab und an benötigen wir einen Anstoß. Oder schärfer formuliert: Unser Alltag bedarf der Irritation.

Ich verstehe die sogenannte Flüchtlingskrise als solch eine Irritation unseres bundesrepublikanischen Alltags. Plötzlich gelten andere Parameter. Plötzlich muss sich das politische Alltagsgeschäft umstellen. Auch wir müssen plötzlich aus uns heraustreten. Irritiert stellen wir fest, dass sich die Dinge, die Welt und die Menschen um uns herum mit Vehemenz verändern. Wir können uns der Veränderung verweigern und uns trotzig in unsere innere und äußere Trutzburg zurückziehen. Doch auch dieser Reflex verändert. Er macht uns hart, unnahbar, fundamentalistisch.

Oder wir können uns dieser Irritationen im Leben stellen. Das heißt dann auch, dass wir den Alltag bewusst als einen Ort der Differenzerfahrung annehmen. Im Alltag werden wir dann nicht immer nur Bestätigung finden und routinierte Abläufe runterspulen. Mitten in den Alltag hinein platzt etwas Neues und Ungewohntes.

Wir lernen das, was bleibt und trägt, erst dann richtig kennen und schätzen, wenn die Dinge um uns herum ins Rollen kommen. Die Irritation kann dort als Geschenk angenommen werden, wo sie auf den Boden des Beständigen fällt. Wo Irritation und Ruhe, Differenz und Gleichmäßigkeit, Neues und Altes miteinander ins Geschäft kommen.

Bei dem vorstehenden Text handelt es sich um die letzte Morgenandacht in einer Wochenserie von Radioandachten im Norddeutschen Rundfunk (NDR-Info bzw. NDR-Kultur) , die vom 30. November bis 5. Dezember 2015 gesendet wurden. Näheres unter: www.radiokirche.de

 

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