Das Los der Veralltäglichung

Bei dem folgenden Text handelt es sich um die erste Morgenandacht in einer Wochenserie von Radioandachten im Norddeutschen Rundfunk (NDR-Info bzw. NDR-Kultur) , die vom 30. November bis 5. Dezember 2015 gesendet werden. Näheres ab dem 30. November unter: www.radiokirche.de

Der Montag hat einen schlechten Ruf. Man verbindet ihn – den Montag – mit so allerhand: mit frühem Aufstehen, mit Staus auf dem Weg zum Arbeitsplatz, mit Stress am Schreibtisch oder in der Schule, mit Druck, Zwang und Unfreiheit.

Wir mögen den Übergang vom Sonntag auf den Montag nicht. Er ist identisch mit dem Übergang von der selbstbestimmten Zeit hin zum Alltag. Am liebsten würden wir diesen Alltag ganz verlassen. Ausreißen – hin zum nächsten Wochenende. Aussteigen – ab auf eine Südseeinsel. Hin zum Außeralltäglichen.

Der Alltag setzt immer dann ein, wenn ich längere Zeit an einem Ort verbringe. Auch wenn ich heute aus dem kalten Norden nach Tahiti ausreiße – irgendwann kehrt auch dort der Alltag ein. Und würde ich mittels eines Zeitsprungs von einem Wochenende zum nächsten gelangen, auch dort erreicht mich die Routine, die Mühsal. Dieses Phänomen nennt der Soziologe Max Weber „Veralltäglichung“.

Ich kann dem Alltag also nicht entfliehen. Er lauert überall dort auf uns, wo wir uns niederlassen, Routinen entwickeln, sich Abläufe wiederholen. Deshalb ist es an mir, den Alltag so zu gestalten, dass er mich lebensfroh macht. Zum Beispiel: Ich erinnere mich beim Gießen einer Pflanze an den Menschen, der mir diese Pflanze geschenkt hat. Ich genieße nach dem Mittagimbiss in aller Ruhe eine Tasse Kaffee. Ich lasse regelmäßig Stille und Nichtstun in den Alltag einfließen.

Ich bin nicht immer Herr über meinen Alltag. Vieles ist vorgegeben, manches aufgezwungen. Von daher ist es wichtig, dass ich mich hier und da frei mache von den Zwängen des Alltags. Dabei hilft mir der Glaube an Gott. Fünf Minuten stilles Gebet am Mittag verschaffen mir im Arbeitstrubel wieder etwas Überblick. Und ein kurzes Wort aus der Bibel, das ich am Morgen lese, kann mich durch den Tag begleiten. Gott schafft Öffnungen in meinem geschlossenen System. So verliert der Alltag Stück für Stück seinen schlechten Ruf.

 

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