Dezentrierung, Selbstreflexion und das Muss der Stille

Zu meinem letzten Beitrag möchte ich noch eine kleinen Gedanken ergänzen, der sich auch bei Peter Bieri findet. Der letzte Beitrag bestand wesentlich in dem Plädoyer für bewusstes und ständiges Überdenken der persönlichen Positionen, Meinungen, Weltanschauungen. Dies sollte nicht in der Form einer destruktiven Dauerkritik passieren, aber durchaus schon in einer reflektierten Abstandnahme von eigenen Vorurteilen und Traditionen, die man unhinterfragt mit sich herumträgt. Das nannte ich – im Gefolge anderer Vordenker – die Dezentrierung. Bieri nennt es „sich selbst zum Thema werden“ (2013: Wie wollen wir leben? München, 11ff.).

Eine Voraussetzung gelingender Dezentrierung bzw. Selbstthematisierung ist – und auch das habe ich schon gelegentlich angedeutet – die Stille, das Schweigen, die Kontemplation. Auch hierzu findet sich bei Peter Bieri ein Hinweis, der es sogar auf den langen Untertitel seines Buchs geschafft hat. Bieri schreibt am Ende seines ersten Kapitels:

„Die Kultur, wie ich sie mir wünschte, wäre eine leisere Kultur, eine Kultur der Stille, in der die Dinge so eingerichtet wären, daß jedem geholfen würde, zu seiner eigenen Stimme zu finden. Nichts würde mehr zählen als das; alles andere müßte warten.“ (Peter Bieri 2013: Wie wollen wir leben?, München, 34).

Ein Nachdenken über das eigene Leben braucht, wie fast jedes Nachdenken, eine Umgebung, die eben dieses Nachdenken fördert und nicht unterdrückt. Zwar kann es auch im größten Lärm plötzliche Einsichten und Gedankenblitze geben. Ich kann mir aber kaum vorstellen – und hier bewege ich mich auf eher anekdotischem Eis – dass sich diese Einsichten bei fortdauerndem Lärm und Getöse, bei ständigem Getuschel und Gerede innerlich weiterverfolgen lassen.

Es braucht also die Stille, so Bieri, um sich selbst besser kennen zu lernen. Ich würde noch einen Schritt weitergehen. Es braucht manchmal sogar das bewusste persönliche Schweigen und die bewusste Bereitschaft für ein Stillesein, das aus sich heraustritt hin zur Schau des ganz Anderen. Dies nennt die mystische Tradition – auch der Dominikaner – die Kontemplation.

Stille ist gut. Kontemplation ist besser. Denn in der Kontemplation sieht sich das Selbst durch die Augen eines ganz Anderen, erkennt die eigenen Grenzen und die persönlichen Möglichkeiten durch die Splitter einer umfassenden Sicht. In der schweigenden Schau öffnet sich das Selbst für die Erkenntnis: Ich bin nicht der Nabel der Welt. Die Vorstellungen und Begriffe, die ich mir von der Welt mache, werden nicht von allen Menschen geteilt. Und ich weiß von dem Anderen, der mir für diese gesunde Selbstreflexion Seine Eigenen Augen leiht.

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2 Gedanken zu “Dezentrierung, Selbstreflexion und das Muss der Stille

  1. Ich kann zu alldem keinen umfassenden Kommentar geben, aber möchte zwei Gedanken bzw.
    Fragen einbringen:
    1) Ja, es gibt plötzliche Einsichten mitten im größten Lärm. Wäre es weise diese irgendwo zu notieren,
    z.B. auf einem Kassenbon oder einer Restaurantrechnung um sie nicht zu verlieren?
    2) Auch ich liebe die Kontemplation um seelisch wieder zur Ruhe zu kommen. Aber die Einsichten die
    sich dann einstellen könnten sehr leicht Ideale oder Fantasien sein, sie müssten sich auch im „größten Lärm“ bewähren können, denn nur dort erkenne ich meine wirklichen Grenzen und das kann sehr ernüchternd sein
    möglicher Ausweg:
    3) Ich habe nicht nur Grenzen sondern auch Möglichkeiten. Diese erkenne ich an anderen Menschen.
    Es stimmt wohl dass meine Vorstellungen und Begriffe nicht von allen Menschen geteilt werden, aber
    von SEHR VIELEN. Es gibt bereits so etwas wie einen natürlich gewachsenen Welt Ethos vermute ich und hoffe auch darauf.
    Elisabeth Vondrous

    • Vielen Dank für Ihren Kommentar!
      Solange wir nicht Einsiedler sind, muss sich das Leben, das in der Stille wächst, im Lärm bewähren. Ich kann nicht in der Stille etwas heranzüchten, einen Art künstlichen Schwebezustand, der sich im Alltag als untauglich erweist. In diesem Alltag erfahre ich meine Grenzen, aber auch die Möglichkeiten, die mir geschenkt sind. Beide – Grenzen und Möglichkeiten – sind aufeinander verwiesen. Als Menschen geht es nicht ohne das eine, aber auch nicht ohne das andere. Das könnte man die „conditio humana“ nennen.
      Burkhard Conrad

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