Dezentrierung als Praxis der Selbstreflexion

„Dezentrierung“ – das sage ich immer wieder – ist kein schönes, eingängiges Wort. Ich gebrauche es hier in der Übersetzung des englischen „decentring“; auch dieses ist wahrhaftig kein Wort der englischen Alltagssprache. Es kommt unter anderem in den Werken von Rowan Williams, dem Dominikaner Herbert McCabe und dem Philosophen Terry Eagleton vor.

Ich habe hier schon verschiedene Bedeutungsebenen von „Dezentrierung“ beschrieben, unter anderem auch jene der Selbstreflexion. Damit meine ich, dass Dezentrierung einen Menschen innerlich in Bewegung setzt in Richtung eines Nachdenkens über sich selbst. Der Mensch denkt bewusst über sich und sein Verhältnis zu der ihn umgebenden Welt nach und erfährt sich dabei als ein Selbst, das sich seines unverrückbaren Selbstseins nicht mehr ganz sicher sein kann. Diese Verunsicherung wird nachfolgend zu einem wichtigen Baustein des persönlichen Selbstbildes.

Bei dem Philosophen Peter Bieri finde ich hier nun eine interessante Erweiterung. Bieri schreibt in seinem Büchlein „Wie wollen wir leben?“ (München 2013):

„Es ist nichts mysteriös an diesem erkennenden und bewertenden Abstand, den wir zu uns selbst aufbauen können. Er bedeutet keine heimliche Verdoppelung der Person. Er besteht einfach in der Fähigkeit, Gedanken, Emotionen und Wünsche zweiter Ordnung zu entwickeln, die sich auf diejenigen erster Ordnung richten.“ (13)

Ich lege mir diese Passage von Bieri wie folgt aus: Die Gedanken zweiter Ordnung werten die Gedanken der ersten Ordnung und ordnen sie ein. Ein Beispiel: Mein erster Impuls sagt mir in einem Gespräch, dass ich mich jetzt durchsetzen muss; eine fast gleichzeitig einsetzende Selbstkritik lässt mich erkennen, dass dieser Impuls zur Durchsetzung meinem eigenen, unreflektierten Machtstreben entspringt. Ob dieses Streben auf die Dauer gesund sein wird, müssen die Gedanken erster und zweiter Ordnung im Folgenden unter sich verhandeln.

Die Dezentrierung, Selbstreflexion, Gedanken zweiter Ordnung greifen also korrigierend in meine geistigen Vorgänge und tatsächlichen Handlungen ein. Sie gleichen einer – ich sagte es eben – fortlaufenden Selbstkritik.

Nun ist bekannt, dass sich solch eine Selbstkritik auch totlaufen kann. Ich habe dann nicht nur Gedanken erster und zweiter Ordnung; das Nachdenken über mich selbst nimmt kein Ende mehr. Sören Kierkegaard würde diesen mentalen Vorgang, der sich theoretisch ins Unendliche steigern kann, vielleicht „Verzweiflung“ nennen. Wir kennen hierfür auch das Wort „skrupolös“. Das heißt: Ich komme einfach nicht mehr zu einem Urteil oder zu einer Handlung, weil ich mir mit der Kritik meiner Selbst dauernd selbst im Wege stehe.

So notwendig die Dezentrierung auch ist für ein ausgewogenes Selbstbild, sie muss in geordneten Bahnen verlaufen. So kann ich mir vorstellen, dass ich noch von Gedanken dritter Ordnung spreche. Die erste Ordnung bezieht sich auf die unmittelbaren, unreflektierten Regungen. Die zweite Ordnung bezieht die Selbstkritik und die Reflexion mit ein. Die Gedanken dritter Ordnung wiederum kontrollieren, ob die Gedanken der ersten und zweiten Ordnung in einem gesunden Verhältnis zueinander stehen. Sie sorgen für ein geordnetes Verfahren der Selbstkritik und damit auch für die persönliche seelische Gesundheit.

Damit sollte es aber an kognitiven Ordnungsmodellen und -ebenen genug sein. Diese sind so oder so nur begriffliche Prototypen für schwer in Sprache zu fassende mentale Gedankenwelten.

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Ein Gedanke zu “Dezentrierung als Praxis der Selbstreflexion

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