Die Welt der Laien – Über die bevorzugte Option des Laien für die Welt.

In der kirchlichen Klassifikation gibt es – auch nach dem 2. Vatikanum – zwei voneinander zu unterscheidende Gruppen: Kleriker und Laien. Zu den Klerikern gehören Diakone, Priester und Bischöfe. Zu den Laien gehören all jene, die nicht Kleriker sind, also auch etwaige Volltheologen, die nicht geweiht sind. Die Unterscheidung zwischen einem Kleriker und einem Laien wird anhand des Aktes einer Weihe gemacht. Sie gilt nicht im Sinne der Kompetenz. Folglich gibt es theologisch kompetente Laien und theologisch inkompetente Priester. Auf die Rechten und Pflichten in der Kirche hat die Kompetenz einer Person wenig Einfluss. Vielmehr ist die Weihe entscheidet, die dem Geweihten einen sogenannten „untilgbares Prägemal“ (lat. character indelebilis) verleiht.

Traditionell gilt – auch nach dem 2. Vatikanum – dass die Kleriker das Heft in der Hand haben, wenn es um innerkirchliche Fragen geht: der Bischof auf der der Ebene eines Bistums, der Pfarrer auf der Ebene einer Pfarrei. Die Laien treten hingegen in die Verantwortung, wenn es um weltliche Fragen geht. Das Dekret über das Laienapostolat des 2. Vatikanum Apostolicam actuositatem drückt diese Weltverantwortung des Laien folgendermaßen aus: „Da es aber dem Stand der Laien eigen ist, inmitten der Welt und der weltlichen Aufgaben zu leben, sind sie von Gott berufen, vom Geist Christi beseelt nach Art des Sauerteigs ihr Apostolat in der Welt auszuüben.“ (AA §2)

Ganz zu schweigen davon, dass diese Unterscheidung von Kirche und Welt (als zeitlicher Ordnung) nur deklaratorisch zu verstehen ist und weder gegen eine theologische noch eine soziologische Analyse wirklich ankommt, gibt es Bestrebungen auf allen Seiten, dem jeweils anderen Stand seinen Wirkungsbereich streitig zu machen: Laien beanspruchen Leitungsfunktion in der Kirche und Kleriker verfassen „Sozialworte“ mit dem Hintergedanken, die Laien mögen sich in ihrem Denken und Handeln der in den Worten geäußerten Meinung anschließen. (Wobei zu bedenken ist, dass kompetente Laien bei der Erstellung dieser Worte beratend mitarbeiten). Dabei sollte aufgrund der „reinen“ Lehre gelten: die Aktion in der Welt den Laien, die Aktion in der Kirche den Klerikern.

Ich greife auf diese arg schematische Denkweise zurück, um einen Sachverhalt klar zu stellen, der etwas aus dem Blick geraten ist: Das Engagement eines Laien in der Partei, im Naturschutz oder beim Roten Kreuz ist – gerade aus der Sicht des kirchlichen Lehramtes – genau so viel wert wie das Engagement eines Laien in der Kirche. So stellt es auch das eben schon zitierte Dokument Apostolicam actuositatem fest:

„Alles, was die zeitliche Ordnung ausmacht, die Güter des Lebens und der Familie, Kultur, Wirtschaft, Kunst, berufliches Schaffen, die Einrichtungen der politischen Gemeinschaft, die internationalen Beziehungen und ähnliches mehr, sowie die Entwicklung und der Fortschritt von alldem sind nicht nur Hilfsmittel zur Erreichung des letzten Zieles des Menschen, sondern haben ihren Eigenwert, den Gott in sie gelegt hat.“ (AA §7)

Welt ist also nicht ein gegenüber der Kirche minderer Ort. Mit ihrer eigenen Logik und Begrenztheit hat sie einen Wert an sich. Sie hängt ebenso an ihrem Schöpfer, wie die Kirche dies tut.

Nun besteht im kirchlichen Alltag die Tendenz, auf Grund des Mangels an Klerikern zunehmend auf Laien zurückzugreifen, die ureigene klerikale Aufgaben ausführen: in der Seelsorge, in der Liturgie, in der Leitung. An vielen Stellen wird um „mehr kirchliches Engagement der Laien“  gebeten, von den Klerikern und von den Laien selbst. Das mag durchaus auch seine theologische Richtigkeit haben und im Sinne einer Vervielfältigung der Gesichter von Kirche wünschbar sein.

Doch gerät bei dieser Verkirchlichung der Laien eines ins Hintertreffen: die Tatsache nämlich, dass die Laien als „Sauerteig“ – siehe oben – eigentlich in die Welt gesandt sind. Da auch Laien nur über ein begrenztes Zeitbudget verfügen, bedeutet eine größeres Engagement in der Kirche ein geringeres Engagement in der Welt. Beide Arten des Engagements verhalten sich zueinander (fast) wie in einem Nullsummenspiel. Ich bekomme in die Stunden eine Tages und die Tage einer Woche eben nur ein bestimmtes Zeitkontingent an Ehrenamt unter, weltlich oder kirchlich.

Ich möchte nun noch einen Schritt weitergehen und von einer bevorzugten Option des Laien für die Welt sprechen. Das heißt: Die Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagements vorausgesetzt, sollten gläubige Laien ein Engagement in der Welt dem Engagement in der Kirche vorziehen. Ich verstehe das Schema von oben idealtypisch: Kleriker sollten sich primär zuerst um die Gestalt der Kirche kümmern, sekundär um jene der Welt. Und Laien sollten sich primär um die Gestalt der Welt sorgen, sekundär um jene der Kirche. In der Wirklichkeit hängen die beiden Gestalten eng miteinander und wechselseitig zusammen, aber ich sprach ja von einer idealtypischen Unterscheidung.

Für Mitglieder beider Stände – ein Wort, das heute eigentlich kaum noch benutzt wird – gilt selbstverständlich auch, dass sie alle als vom Glauben geprägte Menschen immer und überall sich für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen sollen. Auf der Grundlage dieses fundamentalen Gedankens gibt es aber die beschriebene funktionale und theologisch begründete Arbeitsteilung. Das sollte immer einmal wieder in Erinnerung gerufen werden.

Nachtrag: All das hängt natürlich daran, dass die Unterscheidung von Kirche und Welt schlüssig durchgehalten werden kann. Daran habe ich wie gesagt meine Zweifel. Wodurch ich eigentlich schon wieder meine ganze Argumentation einkassiere …

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2 Gedanken zu “Die Welt der Laien – Über die bevorzugte Option des Laien für die Welt.

  1. Da ich in meiner Pfarre ehrenamtlich tätig war (Erstkommunion, Krippenspiel etc) sehe ich den wesentlichen Unterschied zwischen Klerikern und Laien darin dass (abgesehen von hauptamtlichen PASS) die Laien nicht bezahlt werden, die Kleriker jedoch einen sicheren Arbeitsplatz haben, plus bei Pfarrern noch eine Wohnung. Daher ist die Umstrukturierung oft eine reine Sparmaßnahme.
    Dies allerdings war im Vat.II nicht gemeint. Dort werden Laien als Theologen, Mitarbeiter, sicher nicht als kostenlose Ehrendiener gemeint.
    Zum Weltauftrag der Laien: sicher kann man politisch tätig sein, oder auch in der Flüchtlingshilfe, Umweltschutz etc tätig werden. Ich sehe jedoch, dass Bischöfe und der Papst, auch politisch, viel mehr in den Medien präsent sind als ehrenamtliche katholische Laien. Nun sind es also die Kleriker die den Weltauftrag erfüllen, während die Laien Katechese in den Pfarren wahrnehmen (ehrenamtlich).
    Auch wir in der dominikanischen Familie sollten uns mehr vernetzen. Gerade ein Anliegen wie Gerechtigkeit und Frieden (plus Ökologie) kann man unmöglich trennen in Laiengruppen, Brüder und Schwestern. Wir sollten es gemeinsam machen und von den Synergien profitieren.
    Elisabeth Vondrous

    • Liebe Frau Vondrous,
      vielen Dank für Ihren Kommentar!
      Die Unterschiede liegen meines Erachtens zwischen Klerikern und Laien bzw. zwischen Hauptamtlichen (auch Laien) und Ehrenamtlichen (können auch Kleriker sein).
      Die größere Medienpräsenz von Klerikern ergibt sich auch aus einem Bedürfnis der Medien nach Rang und Namen. Laien müssen sich an Kompetenz erarbeiten, was Kleriker – auch aus Sicht der Medien – schon durch ihr „Amtscharisma“ (Max Weber) besitzen.
      Burkhard Conrad

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