„Was ihr getan habt für einen meiner Geringsten.“

Vorsicht: Es handelt sich hier um einen Text im Modus der direkten Mitteilung (im Sinne Kierkegaards)!

„Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.“ (Mt 25, 40+45)

Diese Verse aus dem Matthäusevangelium kommen mir in diesen Tagen oft in den Sinn. Zum Beispiel wenn ich morgens und abends durch den Hamburger Hauptbahnhof gehe. Oder über den Hansaplatz. Beides Orte, an denen Flüchtlinge stranden, ausharren, darüber nachdenken: Was jetzt?

Und dann stelle ich mir in meinem Büro die Frage: Was tue ich? Wem helfe ich konkret? Meine Antwort: fällt bescheiden aus.

Wenn ich bedenke, wirklich bedenke, was Jesus sagt: Was du diesem Menschen auf der Flucht tust, das tust du mir. Was du ihm antust, das tust du mir an. Dann wird meine Frage größer, insistierend: Werde ich vor Christus bestehen, dann, beim Weltgericht?

Naiver Tropf, höre ich dann welche sagen, das ist doch nicht wörtlich gemeint. Naiver Tropf, sagen andere, das geht doch so nicht; wir müssen auch etwas politische Raison walten lassen. Naiver Tropf, sage ich zu mir selbst, die es hierher geschafft haben sind doch gar nicht die Geringsten. Da gibt es doch noch ganz andere. Und du tust in deinem Büro auch etwas Sinnvolles.

Welch bunter Strauß an triftigen (Selbst-)Entschuldigungen!

Jesu Sätze bleiben also im Raum stehen. Wie ein großes, schweres Fragezeichen bevölkern sie meinen Geist.

Ich kenne viele Initiativen, bei denen Flüchtlingen geholfen wird. Und Obdachlosen. Und Suchtkranken. Und all den anderen Geringsten, die Jesus gemeint haben mag. Das große Engagement an vielen Orten und zu allen Zeiten ist schön. Es ist bewundernswert. Gelegentlich mische ich sogar mit, beim Tun von Konkretem.

Das Fragezeichen, Jesu Fragezeichen lässt sich aber nicht aus meinem Geist vertreiben; es hat sich keinen Deut weit wegbewegt. Hoffnung auf eine leichte Antwort habe ich nicht.

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4 Gedanken zu “„Was ihr getan habt für einen meiner Geringsten.“

  1. Detail zur Flüchtlingskrise. Das World Food Programme hat aus Geldmangel seine Unterstützung für Flüchtlinge in Lagern um die Hälfte gekürzt. Daher der plötzliche Ansturm von so vielen.
    Wahrscheinlich wären früher oder später ohnehin die meisten Richtung Europa oder Nordamerika aufgebrochen, weil es keine Zukunft gibt wo sie bisher untergebracht waren. Aber die Migration wäre geordneter verlaufen und mit weniger Toten und ohne dass Schlepper Geld damit verdienen.
    Der Geldmangel für die Ernährung hätte in der UNO zur Chefsache gemacht werden sollen.
    Bericht ist auch im ARD.
    Vor zwei Tagen habe ich mit einem Migranten gesprochen, er versteht nicht warum man wegen eines einzigen Mannes (Assad) ein ganzes Volk umkommen lässt (um Assad zu entmachten).
    Machthaber kommen und gehen ohnehin von alleine, man braucht nur abzuwarten.

    Elisabeth Vondrous

  2. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es ca. 60 Millionen displaced persons. Eine davon war meine Schwester Helga, die am 9. September 2015 verstorben ist. Unsere Mutter hatte eine Freundin in der Schweiz und schrieb ihr während des Krieges, diese Freundin ging zum Schweizer Roten Kreuz, diese wieder meldete die in Not geratenen Europäer an das Amerikanische Rote Kreuz und dieses schickte ein Schiff nach Indonesien um die gestrandeten Europäer zu retten. Auch Heute können vor allem große Organisationen am besten helfen. Einzelne können jedoch aufmerksam sein, sprechen, den Organisationen helfen, und im Alltag freundlich sein. Genauso wichtig wie Unterkünfte und Verpflegung ist „dignity“, Menschen wie Menschen behandeln, auf Augenhöhe, nicht von oben nach unten.
    Lösungen sind, wie auch in WW2 nur großräumig, vielleicht auch nur global möglich. Dazu müssten sich vermeintliche „Erzfeinde“ einmal gegenseitig so weit anerkennen, dass sie miteinander sprechen können.
    Vor allem die USA und Russland! Verbale Entgleisungen sollten unterbleiben, auch im US Wahlkampf!
    Beleidigungen sind oft nie wieder gutzumachen, sie vergiften die Welt wie verstreute Federn.
    Elisabeth

    • Vielen Dank für diesen Gedanken!
      Die Geschichte kann auch heute als unsere Lehrmeisterin dienen. Doch müssen wir auch schauen, welche Rahmenbedingungen sich heute zu früher verändert haben. Dazu gehört sicherlich die Existenz der Europäischen Union. Diese bietet einen gesitteten institutionellen Rahmen für die derzeit stattfindenden Querelen. Das ist nicht zu unterschätzen! BC

  3. Pingback: “Was ihr getan habt für einen meiner Geringsten.” | Rotsinn | theolounge.de

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