Das Studium von Denkmustern – Bemerkungen zu Rowan Williams‘ „The Edge of Words. God and the Habits of Language“

Ich kenne zwei Arten, wie man Ideengeschichte betreiben kann.

Die eine – gewöhnlich – Möglichkeit, Ideengeschichte zu betreiben, ist die Forschung anhand von „materialdogmatischen“ Fragestellungen: Eschatologie bei Karl Barth, Politikbegriff bei Carl Schmitt, Gemeinschaft & Gesellschaft bei Max Weber usw. Diesen Fragestellungen geht man nach, untersucht nach Kontinuität und Diskontinuität, bewertet die jeweilige Innovationsleistung eines Autors, recherchiert nach Einflüssen und der Rezeptionsgeschichte. Bei der materialdogmatischen Betrachtung ist es unerheblich, ob man von ideengeschichtlichen Substanzen und Sinnkurven ausgeht oder die Existenz solcher Konfigurationen als essentialistisch ablehnt. Beide Richtungen orientieren sich an einem vorliegenden Bestand ideengeschichtlichen (Anti-)Materials und verfolgen dessen Historie.

Eine weitere – weniger gewöhnliche – Möglichkeit, Ideengeschichte zu betreiben, ist die Untersuchung von Denkmustern. Dabei steht nicht das „Was“ im Vordergrund, sondern das „Wie“: Nicht über was hat Person XY geschrieben, sondern wie hat sie gedacht und folglich diese Gedanken ausformuliert. Es macht beispielsweise wenig Sinn – meiner Ansicht nach – bei Hegels Buch „Phänomenologie des Geistes“ nach materialdogmatischen Beiträgen für die Ideen- und Geistesgeschichte zu suchen; vielleicht taugt dazu das eine oder andere Zitat oder die eine oder andere treffende Metapher. Im ganzen hat das Werk aber ein epochales Denkmuster geprägt: nämlich die Dialektik, das Denken in einem aufsteigenden, spannungsreichen Für und Wider.

Ähnliches lässt sich sagen von Rowan Williams, dessen Beiträge ich hier schon öfters vorgestellt habe. Die Texte des emeritierten Erzbischofs von Canterbury kann man durchaus materialdogmatisch lesen: als Arbeiten zur Theologiegeschichte, zur politischen Theologie, zur Dogmatik, zur Patristik. Man kann sie aber eben auch nach vorfindbaren, durchgehenden Denkmustern abklopfen.

In seinem aktuellen Buch „The Edge of Words. God and the Habits of Language“ (2014)setzt Williams sehr auf einige dieser Denkmuster, die sich an einigen Stellen wiederum fast zu materialdogmatischen Aussagen verdichten. So ist auffällig, dass Rowan Williams mit großem Nachdruck die Vorläufigkeit aller geschaffenen Dinge, aber auch aller kognitiven Vorgänge betont. Unsere Sprache – um diese geht es bei „The Edge of Words“ vornehmlich –  unser Denken, unser Wissen, ja, unser Seins – sie sind allesamt vorläufig. So schreibt Williams über unser sprachliche Möglichkeiten bei der  Erklärung der sachlichen Zusammenhänge von Welt:

„There are not last words in what human beings say and no point at which we shall have identified the essential structure of the universe exclusively with one descriptive scheme“ (Williams 2014: 124).

Sprache kann Welt also nie vollständig im Sinne einer Beschreibung erfassen. Diese Vorläufigkeit übersetzt sich bei Rowan Williams hinein auch in ein Verständnis des Lebens als das eines Ringens mit unhintergehbaren existentiellen und kognitiven Schwierigkeiten, die nicht zum Stillstand kommen. Die Fragen des Lebens lösen sich eben nicht vollständig auf, sondern pendeln – dialektisch – hin und her zwischen den Polen von Verständnis und Unverständnis, zwischen Erfüllung und Leere.

Das eigentümliche an diesen fortdauernden Schwierigkeiten ist es aber, dass sie einen emergenten Überschuss hervorbringen. Williams nennt einige Beispiele: Unsere Schwierigkeit in der Beschreibung der Wirklichkeit generiert Metaphern; unser Bedürfnis nach Verstehen von Trauer bringt Poesie hervor; überschwängliche Freude findet keine Worte, aber eine Ausdrucksweise in der Musik. Im O-Ton von Rowan Williams:

„Living with difficulty is living in the awareness of an incompleteness that never ceases to pose questions and to generate both unexpected new strategies and unexpected new frustrations – never ceases, in fact, to generate speech“ (ebd. 180f.)

Vorläufigkeit, Schwierigkeit und Überschuss gehören somit zusammen. Auch das macht ein Denkmuster aus. Denn gerade aus den vorläufigen und schwierigen Begebenheiten des menschlichen Lebens heraus wird ein Überschuss katapultiert. Dieser kann – so Williams – den Menschen letztlich auch zur Gottesfrage führen; nicht im Sinne eine tröstlichen Kompensation, sondern im Sinne einer durchaus vernünftigen Denkmöglichkeiten, fast im Sinne einer Analogie. Wenn das oftmals undurchsichtige Auf und Ab des Lebens immer wieder Überschüsse sprachlicher, kognitiver, emotionaler Art hervorbringt, so ist doch auch denkbar, dass diese emergenten Überschüsse hindeuten auf einen noch viel größeren, letztlich uneinsehbaren Überschuss allen Daseins: namens „Gott“.

Da wären wir – auf dem Weg der Untersuchung von Denkmustern – dann wieder bei Fragen der Materialdogmatik angelangt. Wichtig aber festzuhalten ist, dass die Trias Vorläufigkeit, Schwierigkeit und Überschuss ein durchlaufendes Denkmuster bei Rowan Williams ausmacht, von einer frühen Schrift wie „The Wound of Knowledge“ (1979) bis hin zu „The Edge of Words“.

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