Öffentliche Diskurse in Großbritannien und Deutschland – ein improvisierter Vergleich

Eine zugegebenermaßen simple Einsicht:

Öffentliche Diskurse werden in verschiedenen Gesellschaften verschieden geführt. Einige improvisierte, stark generalisierte Beispiele:

1. Über Flüchtlinge aus Syrien (und anderen Ländern) wird in Großbritannien gesprochen, als ginge das Leid dieser Menschen auf der Insel niemanden etwas an. Wer sich von ihnen durch das Nadelöhr des Kanaltunnels von Calais nach Dover wagt, wird von der Boulevardpresse verunglimpft. Zusätzlich werden osteuropäische Arbeitsmigranten bis weit in die bürgerliche Schicht hinein als ein großes Ärgernis betrachtet. Auch Politiker in Westminster scheuen vor solchen Ansichten nicht zurück.

In Deutschland besteht (noch) ein breiter bürgerlicher Konsens darüber, dass den Flüchtlingen – bei allen zugestandenen Problemen – zu helfen ist und (die meisten) Arbeitsmigranten willkommen sind. Was in dem einen Land eine akzeptierte Meinung im politisch-demokratischen Diskurs ist, ist im anderen Land randständige Meinung von ausgesprochenen Feinden der Demokratie oder hat als Parole am sogenannten Stammtisch seinen Platz. Populismus besitzt hier eine andere Qualität wie dort.

2. Im englischen Teil Großbritanniens gibt es London, und es gibt den Rest des Landes. Es gibt einen schmalen Streifen englischen Südens um London herum und einen breiten Landstrich englischen Nordens, der schon knapp hinter Birmingham beginnt. Folglich besteht die öffentliche Wahrnehmung, dass im südlichen Zentrum die Menschen leben, welche die Entscheidungen treffen und in der nördlichen Peripherie jene, welche unter den Folgen der Entscheidungen zu leiden haben. Politische Initativen müssen stets über die Bande ‚London‘ gespielt werden, erst dann haben sie Aussicht auf Erfolg. Dieses Empfinden führte in Schottland in den vergangenen Jahren zu patriotischen Wallungen.

Im föderalen System Deutschlands existieren viele Zentren, und die Wahrnehmung orientiert sich eher am Unterschied zwischen Stadt und Land als an dem Unterschied von Zentrum und Peripherie. Das Netz der öffentlichen Kommunikation ist in Großbritannien räumlich zentriert, in Deutschland gleicht es eher einem regional pluralen Netzwerk. Wer hierfür einen Beweis sucht, der schaue in den Impressen überregionaler Zeitungen und Zeitschriften nach deren Erscheinungsort .

3. Die Briten nehmen den „Kampf“ gegen den Fundamentalismus zunehmend als ein weltanschauliches Ringen wahr (vgl. How to think about Islamic State). In diesem Sinne äußerte sich vor kurzem unter anderem David Cameron. Es geht in diesem Ringen also nicht nur um technische Fragen von Sicherheit, um Maßnahmen im Bildungssystem oder um Fragen der (mangelnden) Wohlfahrt. Gegen fundamentalistische Weltanschauungen muss man sich – so die Ansicht – auch mit weltanschaulichen Argumenten wenden.

Dabei ist man sich des Vertrauens in den Liberalismus – kondensiert in fragwürdigen „British values“ – nicht immer sicher. Es kommt einem so vor, dass die bürgerlichen Freiheiten im britischen Zeitalter der Totalüberwachung und der „securitization“ der Innenpolitik zunehmend eingeklammert werden. Und auch der Liberalismus als Weltanschauung bietet immer mehr Angriffsfläche, ist von ihm doch fast nur das freie Streben nach materiellen Verheißungen übrig geblieben. Liberale Argumente versprechen verunsicherten Jugendlichen offensichtlich wenig Orientierung.

Ich nehme eine ähnliche Diskussion in Deutschland nicht wahr. Das mag daran liegen, dass der Fundamentalismus (noch) nicht als ein hausgemachtes Problem der Deutschen angesehen wird. Es sind die „Anderen“, die ein Problem damit haben. Auch ist es den Deutschen schlecht möglich, mit „deutschen Werten“ hausieren zu gehen. Da käme ein Appell für mehr Verfassungspatriotismus arg abstrakt daher; die Rückkehr zur religiösen Wertewelt scheint ebenfalls eher reaktionär als visionär.

 

Der Ländervergleich zwischen den obigen Diskursen mahnt zur Vorsicht. Ähnlich lautende Argumente haben an verschiedenen Orten unterschiedliche Qualität. Vorschnelle Gleichsetzungen gilt es zu vermeiden. Was an der Oberfläche sich sehr ähnelt, mag in der Tiefe eine andere semantische Struktur besitzen.

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3 Gedanken zu “Öffentliche Diskurse in Großbritannien und Deutschland – ein improvisierter Vergleich

  1. Ich habe die Griechenland Diskussionen über mehrere TV Sender verfolgt, Euronews, BBC und CNN
    berichteten sehr viel, aber auch RT und CCTV. Die ganze Welt hat sich Sorgen gemacht.
    BBC sorgte sich um Respekt vor einem fremden Parlament, das nicht zu einer Entscheidung gezwungen werden darf, ausserdem sind die Briten nun noch entschlossener nie den EURO einzuführen, aus ihrer Sicht war die Einführung des Euro die Ursache die Griechenland in die Krise trieb. (nicht ganz meine Meinung aber ich verstehe die Briten).
    Die USA in CNN Channel bemängelten den fehlenden Zusammenhang der Europäer. Auch China wunderte sich dass die Euroländer nicht zusammenstehen, auch Afrika misstraut uns jetzt.
    Alle dachten wir seien eine Familie. Die Krise, die leicht zu lösen gewesen wäre, mit einem Schuldenschnitt, hat nun das Vertrauen der Welt in Europa untergraben.
    Elisabeth Vondrous

  2. Mir macht ein anderer öffentlicher Diskurs mehr Sorgen.
    Warum bricht die EU auseinander?
    Was ist ein Staat?
    Was ist die EUROGRUPPE?
    Sollten wir nicht mehr zusammenhalten?
    Griechenland könnte ein Anlass sein um darüber nachzudenken, ob und in welcher Hinsicht Europa zu einem wirtschaftlichen Grossraum geworden ist.
    Sollten wir nicht eine gemeinsame „Bilanz“ und Ergebnisrechnung für die ganze Eurogruppe aufstellen?
    Vielleicht löst sich dann das Problem mit den gegenseitigen Schulden und der Allokation von Einkommensteuern. Viele junge Griechen leben und arbeiten in Deutschland und zahlen dort ihre Einkommensteuern, die dann in ihrer Heimat fehlen.
    Elisabeth Vondrous

    • Vielen Dank!
      Meine Rückfrage an dieser Stelle waere:
      Ist der Diskurs, den Sie beschreiben, spezifisch für ein Land, eine Gesellschaft? Vielleicht tragen sich die Menschen an anderen Orten gar nicht mit den Sorgen, die uns selbst umtreiben.

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