Universale Menschenrechte – eine Erfindung des konservativen Denkens?

In einem Artikel auf der Seite „Immanent Frame“ des US-amerikanischen „Social Science Research Council“ stellte Samuel Moyn, Professor für Recht und Geschichte in Harvard, unlängst eine interessant These vor. Diese lautet wie folgt:

Die Idee der universalen Menschenrechte, wie sie heute in großen Teilen der Welt geteilt wird, ist nicht aus einem klassischen liberalen Gedankengut heraus entstanden, sondern entstammt vielmehr einem konservativen Weltbild. Moyn lokalisiert diese „Geburt“ der universalen Menschenrecht in der zweiten Hälfte der 1930er bzw. in der ersten Hälfte der 1940er Jahre. Moyn zitiert aus der Weihnachtsansprache von Papst Pius XII Teile aus der folgenden – hier auf Deutsch wiedergegebenen – Passage:

„Wer will, dass der Stern des Friedens über dem menschlichen Zusammenleben aufgehe und leuchte, der helfe zu seinem Teil mit an der Wiedereinsetzung der menschlichen Persönlichkeit in die ihr durch Gottes Schöpferwillen von Anbeginn verliehene Würde; der wehre dem maßlosen Zusammentreiben der Menschheit zu einer seelenlosen Masse; wehre ihrer wirtschaftlichen, sozialen, politischen, geistigen und sittlichen Haltlosigkeit, ihrem Untermaß an festen Grundsätzen und starken Überzeugungen, ihrem Übermaß an trieb- und sinnenharter Erregbarkeit und Unbeständigkeit; der fördere mit allen erlaubten Mitteln auf allen Lebensgebieten solche Gemeinschaftsformen, in denen allseitige Eigenverantwortung der Persönlichkeit in ihren Diesseits- wie Jenseitsaufgaben ermöglicht und gewährleistet ist; der trete ein für die Heilighaltung und praktische Verwirklichung folgender grundlegender Persönlichkeitsrechte: das Recht auf Erhaltung und Entwicklung des körperlichen, geistigen und sittlichen Lebens, ganz besonders auf religiöse Erziehung und Bildung; das Recht zur privaten und öffentlichen Gottesverehrung, einschließlich der religiösen Liebestätigkeit; das grundsätzliche Recht auf Eheschließung und auf Erreichung des Ehezweckes; das Recht auf eheliches und häusliches Gemeinschaftsleben; das Recht zu arbeiten als notwendiges Mittel zur Aufrechterhaltung des Familienlebens; das Recht der freien Wahl des Lebensstandes, also auch des Priester- und Ordensstandes; das Recht zu einer Nutzung an den materiellen Gütern, die sich ihrer sozialen Pflichten und Gebundenheiten bewusst bleibt.“ (Zitiert nach kathpedia; Hervorhebungen BC).

Samuel Moyn stellt in seinem Beitrag fest, dass es in den 1930er bzw. 1940er Jahren der Menschenrechtsdiskurs vor allem ein Diskurs war, der die christlichen Menschenrechte thematisierte. Nicht mit dem heute mitunter vorgebrachten – links/liberalen – Argument, dass die Menschenrechte notwendiger Ausfluss des Evangeliums seien, sondern vielmehr mit einem eher konservativen, sozusagen ordnungstheologischen Argument: Die Würde des Menschen und dessen unveräußerlichen Recht sind teil der von Gott gewollten Schöpfungsordnung. Sie sind Ausfluss eines höheren (Natur-)Rechts. Das heißt aber auch, so Moyn: „To a rather disturbing extent, human rights and especially human dignity had no necessary correlation with liberal democracy. Certainly not in 1942, when Christian figures like the pope were not yet (to the extent they ever became) friends of that regime.“

Als Reaktion auf die menschenfeindliche Exzesse von Nationalsozialismus und Stalinismus war die Idee der unveräußerlichen Menschenrechte folglich ein Ruf nicht zu mehr Freiheit, sondern ein Ruf zu mehr Ordnung, welche die Freiheitsrechte zu garantieren habe. In Moyns Worten: „Christian human rights were part and parcel of a reformulation of conservatism in the name of vision of moral constraint, not human liberation or individual liberation.“

Dies deckt sich mit einer weiteren Beobachtung:

Die rechtliche Aufarbeitung des Nationalsozialismus geschah nicht selten unter einem eben solchen ordungspolitischen Gedanken, der offen war für die Idee des übergesetzlichen Naturrechts. Das gesetzliche Unrecht zwischen 1933 und 1945 wurde im Namen der universalen Menschenrechte mit einem übergesetzlichen Recht konfrontiert. Der Rechtsphilosoph Gustav Radbruch zitiert 1946 in einem Aufsatz („Gesetzliches Unrecht und übergesetzliches Recht“) einen Generalstaatsanwalt aus Sachsen mit den Worten:

„Kein Richter kann sich auf ein Gesetz berufen und die Rechtssprechung danach handhaben, auf ein Gesetz, das nicht nur ungerecht, das verbrecherisch ist. Wir berufen uns auf die Menschenrechte, die über allen geschriebenen Satzungen stehen, auf das unentziehbare, unvordenkliche Recht, das verbrecherischen Befehlen unmenschlicher Tyrannen Geltung versagt.“ (zitiert nach: Gustav Radbruch 1990: Rechtsphilosophie III, bearb. von Winfried Hassemer, Radbruch-Gesamtausgabe Bd. 3, Heidelberg, 87).

Wenn politische, demokratische Verfahren versagen, der gesellschaftliche Diskurs sich von Eigentlichkeitspathos einlullen lässt und positives Recht zum willfährigen Instrument von Tyrannen wird, da lassen sich die Menschenrechte anscheinend nur noch über den Rückgriff auf eine höhere Ordnung absichern.

Menschenrechte mögen also Freiheit für den Einzelnen und für Gruppen bedeuten, sie wurzeln aber nicht in dieser Freiheit. Sie stehen vielmehr auf dem Fundament einer gerechten, nicht kontingenten Ordnung, die menschlicher Willkür entrückt ist. Diese Ordnung überdauert demokratische wie tyrannische Zeiten, ist also „konservativ“. Auf der Grundlage dieser Ordnung lassen sich Urteile fällen im Namen der universalen Menschenrechte.

 

 

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4 Gedanken zu “Universale Menschenrechte – eine Erfindung des konservativen Denkens?

  1. Pingback: Samuel Moyn: Christian Human Rights – eine Besprechung. | Rotsinn

  2. Danke, ich bin gleicher Meinung.
    Was Moyn schreibt über das Ordnungsdenken, stimmt. Ohne Ordnung gibt es keine Freiheit und keine Gerechtigkeit. Manches das die Botschaft über die Auseinandersetzung mit der Kuomintang schreibt, kann ich tatsächlich nicht überprüfen. Ich verstehe, dass China das Volk als höhere Priorität sieht als den Einzelnen. Das kann in Notsituationen insofern stimmen, als die Einzelnen nicht überleben können wenn sie von Aggressoren überfallen werden. Das Verhalten der Japaner kann ich bestätigen aus den Berichten meiner Eltern. Die japanischen Truppen waren unter Drogen, und so verübten sie Gräueltaten
    (meine Mutter ist Augenzeugin), sie machten auch kaum Unterschiede zwischen „Feinden“ (Holländer)und „Verbündeten“ (Deutschen und Österreicher), alle waren in Lebensgefahr und litten unter Verfolgungen.
    Elisabeth Vondrous

  3. Universale Menschenrechte sind keine Erfindung in irgendeinem schöngeistigen Salon, sie entspringen meist konkreten Notsituationen in denen das menschliche Gewissen, das in allen Völkern lebt, NEIN sagen muss.
    Dies kann in einem konservativen Kreis entstehen, aber auch in einem politischen Umfeld,
    linke Aktivisten umfassen, Gläubige verschiedener Religionen, alle Völker, Stände und Klassen.

    Wir gedenken heuer dem Ende des 2. Weltkrieges vor 70 Jahren.
    Das habe ich als Anlass gesehen in meiner Pfarre am 29. Mai in der „Langen Nacht der Kirchen“ eine Ausstellung und einen Vortrag anzubieten, mit Fotos und Berichten meiner Eltern die den WW2 in Indonesien erlebt haben. Meist wird der pazifische Krieg und die dortige Situation nicht wahrgenommen im Europäischen und US Umfeld.

    1934 besetzten japanische Truppen die Mandschurei.
    1937 dehnte Japan den Krieg auf ganz China aus.
    Mao Tse Tung widersetzte sich (er war Jesuitenschüler).
    Im gleichen Jahr ereignete sich auch der spanische Bürgerkrieg. Die Legion Condor zerstörte Guernica.
    Und in Deutschland begann der Nazi-Terror.
    Papst Pius XI schrieb die Enzyklika „Mit brennender Sorge“, aber das erregte noch mehr den Zorn Hitlers.

    Der Krieg den die Chinesen führten unterstützte die Bemühungen der US Truppen.
    Ohne diese Hilfe hätten meine Eltern und meine Schwester den WW2 nicht überlebt.
    Wer hat jemals den Chinesen dafür gedankt?

    Ich will nicht behaupten, die VR China würde immer die Menschenrechte so ehren wie es der „Westen“ erwartet, aber wenn sie die globale Priorität erkennen, dann handeln sie tapfer und entschlossen.

    Aus einem Brief der Botschaft der VR China an mich im Jahr 2011:
    „Am 7. Juli 1937 griffen die japanischen Aggressionstruppen an der Brücke Lugouqiao (Im Westen als Marco-Polo-Brücke bekannt) südwestlich von Beijing dort stationierte chinesische Soldaten an. Dies war der Beginn der umfassenden Aggression Japans gegen China und des Widerstandskrieges Chinas gegen Japan. Dies war auch der Beginn des antifaschistischen Kriegs in der Welt…………
    Im Westen führte Hitler seinen Aggressionsplan siegreich durch. Deutschland verleibte sich in kurzer Zeit mehrere europäische Länder ein und richtete sich nach dem Abschluss eines Militärbündnisses mit Italien nun direkt gegen Polen…So wurde der Zweite Weltkrieg vom Zaun gebrochen…..
    Der Widerstandskrieg Chinas gegen Japan erleichterte in diesem Fall den Kriegsdruck der demokratischen Länder in Europa und Amerika..“

    Elisabeth Vondrous

    • Vielen Dank für diesen Kommentar!
      Sie haben Recht: Ideen entspringen immer einer bestimmten Situation (vgl. meinen Artikel hier). Gleichzeitig ist doch bemerkenswert, dass maßgeblich ein konservatives, bewahrendes Ordnungsdenken – nach Moyn – daran beteiligt war, den Gedanken der Menschenrechte zu verbreiten. Das entspricht nicht den gängigen Erwartungen.
      Ich bin kein Experte hinsichtlich der pazifischen Dimension des 2. Weltkrieges. Ich weiß aber, dass ich Bekundungen von offiziellen Stellen, die von universalen Menschenrechten bekanntlich nicht viel halten, grundsätzlich kritisch gegenüberstehe.

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