Entrückt – über Dezentrierung

Dezentrierung: ein unschönes Wort. „Entrückung“ ist ein viel schöneres Wort, hat aber gleich etwas sehr emphatisches und gefühlsbetontes. Dabei ist die entrückende Dezentrierung keine Gefühlsduselei.

Was ist Dezentrierung?

1. Zur Dezentrierung gehört die Erkenntnis: Ich habe ein Zentrum. Ich habe etwas, das mich innerlich stark macht und hält. Passende Metaphern könnten sein: Anker, Wurzeln, Fundament. Ich gehe den Dingen meines Alltags nach mit der stillen Gewissheit, dass mein Tun und Lassen irgendwie Sinn macht. Nicht in jeder Stunde fühle ich mich zentriert, aber grundsätzlich und immer wiederkehrend. Ich vertraue darauf, dass es jemand gut mit mir meint. Das gibt mir Orientierung, schenkt mir eine Weltanschauung, eben: ein Zentrum.

2. Um dieses Zentrum wissend, begebe ich mich bewusst hinaus; „an die Ränder“ wie es neuerdings so schön und oft heißt. Dort an den Rändern begegne ich Dingen, die für mich neu und ungewohnt sind. Aber das ist nicht genug. Ich gehe nicht hinaus und nehme mein Zentrum überall hin mit, zeige es hervor, wie ein Talisman. Ich gehe hinaus und lasse das Zentrum zurück. Ich dezentriere, mich. Ich lasse mich auf Erfahrungen ein, die mich verunsichern und ent-rücken. Das Fremde wird mir nicht Freund. Als Widerspruch meiner selbst wird der Rand von mir der Ort, an dem ich befragt und hinterfragt werde. Pädagogisch gewendet heißt diese Dialektik: Ich lerne. So weit, so gut.

3. Nun kommt das, was vielen Schwierigkeiten macht: Ich verlasse mein Zentrum und lasse es doch weiter mein Zentrum sein. Ich gehe nicht einfach weg und weiter, um wo anders zu wachsen und mich dort zu gründen. Ich bleibe als Anderer der, der ich bin. Das Zentrum, von dem ich sprach, bleibt auch in entrückter Form mein Zentrum. So wie in dem Wort „Dezentrierung“ das Lexem „Zentrum“ weiter präsent ist, so ist in meiner Bewegung an die Ränder, mein Anker, meine Wurzel, mein Fundament weiter vorhanden. Vorhanden ist es nicht in Form eines bloßen „da-Seins“ dort, wo ich bin. Mein Zentrum ist da, hier, jetzt: als die mich löchernde Wahrheit.

Noch Fragen?!

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2 Gedanken zu “Entrückt – über Dezentrierung

  1. So frage ich mich, fragt sich der Raum, der mich ausmacht: Bin ich entrückt, oder verrückt, bin ich noch Ich? Ich, in der Weise, dass ich komplett bin, oder bin ich fragmentiert?

  2. Pingback: Entrückt – über Dezentrierung | Rotsinn | theolounge.de

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