Naturrecht als Methode

Das Naturrecht: Man könnte der Meinung sein, das sei ein ausgefeiltes und starkes System von Sätzen, die Auskunft darüber erteilen, wie ethische Fragen aus übergeordneter Sicht zweifelsfrei zu beantworten seien. In diesem Sinne ist dann das Naturrecht das übergeordnete Äquivalent zum staatlichen positiven Recht. Es ist ein System von Antworten zur Ausräumung von einzelnen Konfliktfällen. Es bedarf jeweils nur der konkreten Anwendung. Der Unterschied zum staatlichen Recht besteht dann „lediglich“ darin, dass es keine innerweltliche Appellationsinstanz gibt und das Naturrecht für alle Menschen gilt, egal in welchem Staat und zu welcher Zeit sie leben.

Es besteht aber auch die Möglichkeit von einem schwachen Naturrecht zu sprechen. Dieses schwache Naturrecht zeichnet sich nicht durch viele einzelne Antworten auf konkrete Fragen aus. Vielmehr besteht dieses schwache Naturrecht aus einigen wenigen Sätzen bzw. Einsichten allgemeiner Art. Diese Sätze höherer Vernunft sollen das eigene Nachdenken über ethische und moralische Fragen schulen. In diesem Sinne ist das Naturrecht somit „nur“ eine Methode zur individuellen Gewissensbildung bzw. ein Instrument zur Optimierung kollektiver Entscheidungsfindung.

Folgende Sätze fallen mir spontan ein:

Niemand kann zu etwas verpflichtet werden, dessen Einhaltung ihm unmöglich ist.

Du sollst das Gute tun und das Böse unterlassen.

Man haben grundsätzlich die vorrangige Option für die Armen im Blick.

Verträge sind einzuhalten.

Behandle dein Gegenüber so, wie auch du selbst behandelt werden möchtest.

Solche und ähnliche Sätze mag man als „Leerformeln“ kritisieren (vgl. meine Fünf Bemerkungen über das Naturrecht). Unzweifelhaft ist jedoch, dass dieses schwache Naturrecht einem als Stolperstein im Weg liegen kann, wenn man im Begriff steht, sich darüber hinwegzusetzen. Alternativ kann es der Bestätigung nach erfolgter Gewissenserforschung dienen. Ebenfalls können die Sätze bei der Beurteilung des Handelns anderer helfen.

Nicht ausgeschlossen ist selbstverständlich, dass sich ein Satz wie „du sollst Gutes tun und Böses unterlassen“ in konkreten Situationen auch zu einer schlüssigen Empfehlung verdichtet. Planen lässt sich diese Verdichtung aber nicht.

Advertisements

3 Gedanken zu “Naturrecht als Methode

  1. Gedanken zum Naturrecht: Die Noachidischen Gebote.
    Der Rabbiner Josef Herman Hertz (1.Hälfte 20.Jhd – British Empire)
    übersetzt die Noachidischen Gebote aus Genesis Kapitel 9 als „Natürliche Religion“ (also eine jüdische Art von Naturrecht?) folgendermaßen: 1. Die Einrichtung von Gerichtshöfen, 2. das Verbot der Gotteslästerung, 3. das des Götzendienstes (nicht fromme Götzen-Anbetung sondern Opferdienst – Menschenopfer), 4. das Verbot der Blutschande (nicht einfacher Ehebruch sondern Kindesmissbrauch?), 5. das Blutvergießen (mutwillige Eroberungskriege), 6. das Verbot der Räuberei (schwerwiegender als: du sollst nicht stehlen), 7. das des Fleischgenusses von einem lebenden Tier. (war bei Heiden üblich – daher die jüdischen Gesetze das geschlachtete Tier ausbluten zu lassen. Was ist mit lebenden Austern?). Die Rabbinen nannten diese sieben Gesetze die „sieben noachidischen Gebote“. Sie machten den Inhalt dessen, was wir „Natürliche Religion“ nennen können, aus, da sie für die Existenz der menschlichen Gesellschaft wesensnotwendig sind. (Hertz findet diesen Zweck der Gesetze in Gen. 9, 7 (seid fruchtbar, verbreitet euch auf Erden, Bild Gottes).
    Ich möchte dies zur Diskussion stellen.
    Elisabeth Vondrous

  2. Es gibt durchaus auch starke Sätze des Naturrechts, besonders was die Umweltgifte betrifft, die mutwillige oder gleichgültige Gefährdung des Lebens auf diesem Planeten. Das Profit machen ohne Rücksicht auf das biologische Gleichgewicht, des Meeres, des Ackerbodens, der Gesundheit der Menschen, eine erzwungene Verbreitung der Gentechnik, das Ausschalten der Legislative.
    Bei all diesen Sünden setze ich voraus dass dies freiwillig, wissentlich und in großem Stil betrieben wird, ausschließlich zum Zweck einer Profit-Maximierung. Papst Franziskus nennt das eine Wirtschaft die tötet.
    Elisabeth Vondrous

    • Vielen Dank für Ihren Kommentar!
      Ich sehe ihre Beispiele als konkrete Variationen des allgemeinen Satzes „Tue Gutes, unterlasse Böses“. Oder nicht?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s