Von der Freiheit der Forschung – außerhalb der Wissenschaft

Vor sieben Jahren schied ich beruflich aus der Wissenschaft aus. Das war für mich aber nicht das Ende meiner Forschung. Diese setzte ich vielmehr fort, freilich ohne den Zwang, von der Wissenschaft leben zu müssen. Auf Soziologisch: Meine materielle Reproduktion hängt nicht von einer Teilnahme am wissenschaftlichen Diskurs ab. Das war – wie ich im Nachhinein feststellte  – eine befreiende Erfahrung.

Meine Beobachtung ist nämlich: Nachwuchswissenschaftler richten das Interesse ihrer Forschung in die Richtung aus, aus der sie finanzielle Unterstützung erwarten dürfen. Das ist mehr als verständlich, denn von irgendetwas muss man ja leben. Ich hatte nach Abschluss der Dissertation auch einen solchen Versuch gestartet: ein größeres Projekt wurde beantragt, dieser Antrag wurde jedoch abschlägig begutachtet. Daraufhin entschied ich mich für den Ausstieg aus der Wissenschaft. Denn in zeitlich befristeter Kettenzeitvertragsschinderei wollte ich nicht landen.

Diese Entscheidung zahlte sich nicht nur für mein materielles Auskommen aus und der damit empfundenen Sicherheit. Die Entscheidung war auch ein Glück für die persönliche Forschungsfreiheit.

Vor kurzem hatte ich Kontakt mit einer Wissenschaftlerin, die mir aus früheren Tagen bekannt ist. Dieser sagte ich, nach einem Blick auf ihre Publikationsliste, sie sei über die Jahre ihrem Forschungsgebiet ja treu geblieben. Sie erwiderte: Sie habe gar keine Zeit, um sich ein neues Forschungsgebiet zu erarbeiten. Es gelte für sie – Mitglied einer britischen Universität – das Gebot des möglichst häufigen Publizierens, publish or perish. Lange Phasen der fruchtlosen Recherche sind da nicht drin.

Wäre ich beruflich in der Wissenschaft verblieben, hätte ich auch weiterhin meine Forschungsinteressen dort suchen müssen, wo die Aussicht auf Finanzierung groß gewesen wäre. Und/oder ich hätte meinen einmal eingeschlagenen Weg stringent durchziehen müssen. Das hätte für mich geheißen: Einmal Carl Schmitt – immer Carl Schmitt. Das wollte ich mir aber nicht zumuten!

So verließ ich die Wissenschaft, landete bei der Kirche, und entdeckte dort die Freiheit des Forschens. Denn nun konnte ich forschen, zu was mir das Herz stand: Max Weber, Sören Kierkegaard, dominikanische Predigtlehre, John Henry Newman, Religion und Politik, Ideengeschichte usw. Ich forsche im ersten Jahr zu dem einen Thema; im folgenden Jahr wechsele ich den Schwerpunkt woanders hin; im Jahre Drei widme ich mich wieder anderen Fragen. Auch habe ich genug Muße, um viele Buchbesprechungen schreiben zu können; für dieses Format gibt es in der bezahlten Forschung kaum Anerkennung.

Negativ ausgedrückt: Ich fröhne dem Eklektizismus. Und positiv: Ich pflege die interdisziplinäre Forschung. Wie auch immer: In der universitären Forschung ist solch ein Arbeiten – wenn überhaupt – nur theoretisch gewünscht, praktisch möglich ist es kaum. Zwar bleibt mir außerhalb der Wissenschaft vergleichsweise wenig Zeit für die Forschung. Ich lese im Zug auf dem Weg zur Arbeit und schreibe in der Nacht, wenn die Kinder schlafen, und dies auch nur, wenn privat nicht andere Dinge anstehen.

Ich weiß aber stets: Ich lese nur das, was mich interessiert und schreibe nur über Dinge, die ich wirklich für wichtig halte.

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3 Gedanken zu “Von der Freiheit der Forschung – außerhalb der Wissenschaft

  1. Pingback: Freud und Leid eines Feierabendgelehrten | Rotsinn

  2. Ein Leser schreibt:
    „Was die Wissenschaft anbelangt, so teile ich das Meiste von dem, was Du über Rotsinn vermittelst. Habe aber auch einige Kritikpunkte. Wie in jedem Beruf, so auch in der Wissenschaft als Beruf, ist es unbedingt notwendig, dass man sich gelegentlich mit Dingen auseinandersetzt, zu denen man keine Lust hat. Insofern ist es schön, aber nicht immer der Sache dienlich, wenn man nur das liest, was man gerne lesen will. Auch bin ich einverstanden damit, dass vielen jungen Wissenschaftlern kaum eine Chance bleibt, sich dem zu widmen, was sie eigentlich einmal als ihre Aufgabe ansahen. Allerdings verhalten sich auch zu viele affirmativ, weigern sich nicht in peer-review Zirkus aufzutreten – oder, besser, sich nicht allein durch dessen Manege ziehen zu lassen – oder sind bereit Risiken oder Abstriche am Karriereverlauf zu akzeptieren. Also, einverstanden mit Deiner Deskription, und doch nicht mit ihrem geradezu ausweglosen Ton!“

    • Gerne stimme ich diesem Leser zu. Mir ging es vor allem darum, eine allzu „marktkonforme“ Orientierung in der Wahl der eigenen Forschungsschwerpunkt zu kritisieren. Doch solcher Art Opportunismus gibt es sicherlich in jedem Beruf.

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