Ein Lob auf den politischen und kirchlichen Alltag

Wir lieben das Außeralltägliche. Doch diese Liebe muss hinterfragt werden.

Carl Schmitt schwärmte von der Ausnahme. Von der Ausnahme, die alles im Staat auf den Kopf stellt: der Ausnahmezustand. Das parlamentarische Klein-Klein der Weimarer Republik widerte Carl Schmitt an. Für in der Demokratie notwendige Kompromisse und Deals zwischen politischen Gegnern hatte er keinen Nerv. Die Debatten im Reichstag waren aus seiner Sicht unwürdiges Geplänkel. In seiner politischen Welt gab es nur Feinde. Them and us. Und die eigentliche – durchaus im Heideggerischen Sinne – Herrschaftsform war für Schmitt die Diktatur. Denn in der Diktatur wird entschieden. Sie ist die Entscheidung für den dauerhaften Ausnahmezustand. Dass in der Politik zwischen all den Ausnahmen und ihren Zuständen gelegentlich auch einmal Alltag herrscht, ja, herrschen muss, wurde vom politisch-theologischen Gedankengut Schmitts ausgeblendet.

In der Kirche lieben wir ebenfalls die Ausnahme. Den großen Heiligen etwa, den santo subito. Wir suchen die mystische Schau, die himmelsstürmende Entrückung, die einmalige Begegnung mit dem Gott. Dementsprechend werden Orte sehr nachgefragt, an denen man sich diesen außeralltäglichen Erfahrungen nahe wähnt. Stille Einkehrtage im Kloster sind sehr beliebt. Dem Sonntagsgottesdienst hält man – trotz allem – mehr oder minder die Stange. Zumindest an den Ausnahmefesten Weihnachten und Ostern erinnert man sich an die eigene, spirituelle Suche. Im Alltag geht all das wieder unter. Das Heilige, die Schau, die Entrückung will sich nicht mehr einstellen. Die Stille aus dem Kloster verfliegt. Der Sonntag schafft es nicht in den Werktag. Die Ausnahme bleibt das, was sie ist: eine Ausnahme. Der Alltag kann sich mit ihr nicht messen.

Dabei ist es gerade das, was wichtig ist: der Alltag. Und: im Alltag bestehen.

Im Alltag bestehen muss die Demokratie. Von der kleinen Kommune bis hoch in die manchmal ferne Welt der Bundespolitik geschieht viel, sehr viel demokratischer Alltag: Anträge zur Tagesordnung, Debatten über Verfahrensmodi, kleine und große Anfragen, Kompromisse zwischen politischen Kontrahenten, Abstimmungen und Entscheidungen. Die Demokratie lebt auch davon, dass sich Bürgerinnen und Bürger als Gelegenheitspolitiker auch jenseits der Wahltage ins politische Alltagsgeschäft einbringen; dass sie sich bei Bürgerfragestunden zu Wort melden; dass sie Initiativen gründen; dass sie Leserbriefe schreiben und ihre Abgeordneten befragen. Kurz: Politisches Handeln geschieht immer und überall durch zahllose Menschen. Politisch wird in Notzeiten und in Ausnahmezuständen gehandelt, aber auch während dem quantitativ viel maßgeblicheren Alltag. So ist es, empirisch. So soll es sein, normativ.

Im Alltag bestehen muss auch der Glaube. Das ist, was man eine Glaubenspraxis nennt. Im Alltag lebt der Glaube dadurch, dass das am Sonntag Gehörte und Gefeierte sich weiter trägt: in einem Habitus der Nächstenliebe, in einer inneren Disposition zur Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Der Alltag des Glaubens lebt auch vom Gebet in all seinen verschiedenen Facetten: bei Tisch, zur Nacht, mit den Kindern, in der Einsamkeit, im Augenblick, zu festgesetzten Zeiten. Das ist die Not vieler Menschen: dass Alltag nur grauer Alltag ist. Im Alltag erfahren sie keine innere Stärkung, weil sie das, was sie innerlich stärkt, auf die Ausnahme verschoben haben. Vieles andere „Alltägliche“ drängt sich vor. Zwischen den Kochtöpfen findet sich halt selten Gott – so wie es Theresa von Avila formuliert haben soll – sondern viel öfter finden sich hier die sich auftürmenden Pflichten von Beruf, Familie, Ehrenamt, Eigentum usw. Dabei leben wir unseren Glauben zu 99% im Alltag. Weil unser Leben zu 99% aus Alltag besteht.

Wer im Alltag der Demokratie und im Alltag des Glaubens bestehen möchte, der muss beobachten lernen, dass in diesem Alltag der Goldgrund der Wirklichkeit verborgen liegt. Es handelt sich dabei um eine alltägliche Wirklichkeit und Wahrheit, die unser Wohl als politischer Gesellschaft und unser Heil als geistlichem Individuum erst hervorbringt.

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Ein Gedanke zu “Ein Lob auf den politischen und kirchlichen Alltag

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