Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

Was bedeutet es, wenn von der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ gesprochen wird? Die klassische Antwort lautet folgendermaßen:

„Nicht alle sind im selben Jetzt da. Sie sind es nur äußerlich, dadurch, dass sie heute zu sehen sind. Damit aber leben sie noch nicht mit den anderen zugleich. Sie tragen vielmehr Früheres mit, das mischt sich ein. Je nachdem, wo einer leiblich, vor allem klassenhaft steht, hat er seine Zeiten. (…) Verschiedene Jahre überhaupt schlagen in dem einen, das soeben gezählt wird und herrscht. Sie blühen auch nicht im Verborgenen wie bisher, sondern widersprechen dem Jetzt; sehr merkwürdig, schief, von rückwärts her.“

Auf diese Weise charakterisiert Ernst Bloch in „Erbschaft dieser Zeit“ (1973: 104) die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Für Bloch ist die Rede von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen eine Erklärungshilfe für die Entstehung des Faschismus. Für andere stellt es überhaupt eine Erfahrungssignatur der neuzeitlichen Gesellschaft dar. So zum Beispiel für den Historiker Rudolf Schlögl. Dieser schreibt über europäische Gesellschaften in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts:

„Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, das Nebeneinander von tiefgreifender gesellschaftlicher Modernisierung und traditionalen sozialen Formen und Argumentationsmustern war Kennzeichnen einer Transformationsgesellschaft, die ihre Gestalt und ihre Modernität erst noch auf den Begriff bringen musste.“ (Alter Glaube und moderne Welt, 2013: 158)

Bei der Rede von Ungleichzeitigkeit geht es nicht um einen quantitativen Abhub der Vergangenheit in der Gegenwart, nicht um bloße ‚Restposten‘, sondern um eine wirkmächtiges Ermöglichungsreservoir traditioneller gesellschaftlicher Kräfte in einer anderweitig modern anmutenden Welt. Idealtypisch formuliert: Tradition und Moderne schieben sich ineinander, gleichsam wie zwei tektonische Platten bzw. „Zeitschichten“ (R. Koselleck). Die Ungleichzeitigkeit ist auf diese Weise ein spannungsreicher sozialer Widerspruch, da mit ihr „gegensätzliche Elemente [einer Gesellschaft, B.C.] in einem wesentlichen Zusammenhang stehen, Momente einer Einheit bilden, deren Identität und Bestand an diese Einheit von Gegensätzen gebunden ist.“ (Beat Ditschy 1988: Gebrochene Gegenwart. Ernst Bloch, Ungleichzeitigkeit und das Geschichtsbild der Moderne, Frankfurt/Main, 166).

Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen ist sowohl ein Gegenüberstehen von Kräften zeitlich differenten Ursprungs als auch eine Gemeinsamkeit von Strukturen und Interaktionen mit unterschiedlicher innerer Logik, Dynamik und Zeitlichkeit. Die Dinge stehen sich eben nicht nur gegenüber, sie bilden aber auch kein harmonisches Miteinander. Die Ungleichzeitigkeit ist damit eine qualitative Verformung des gesellschaftlichen Jetzt durch soziale Prozess mit unterschiedlicher Zeitlichkeit.

Ebenfalls ist festzuhalten, dass es sich bei der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen nicht um ein normatives bzw. hierarchisches Über- und Unterordnen von Zivilisation und Wildnis, von guter Moderne und schlechter Tradition handelt. Ungleichzeitigkeiten sind wert- jedoch nicht geschichtsentleerte Verkettungen von ‚schon‘, ‚noch nicht‘ und ‚immer noch‘. Dabei können durchaus die den Prozess der Ungleichzeitigkeit anstoßenden Ursachen mit den eintretenden Folgen zeitlich gleichziehen, so dass Ursache und Wirkung im gleichen geschichtlichen Prozess nebeneinander herlaufen, sich gegenseitig immer wieder neu bedingen und befruchten.

Mit Ungleichzeitigkeit ist nicht ein starrer, gesellschaftlicher Zustand zu einem beliebigen Zeitpunkt gemeint. Gemeint ist vielmehr das Entstehen des stets neu hervorbrechenden Ungleichzeitigen selbst, quasi der Prozess der Ungleichzeitigkeit, wie er sich seit dem Beginn der Neuzeit in der Gesellschaft je neu herauskristallisiert. Widersprüche sind nicht festgelegt und statisch, sondern, einmal angestoßen von dynamischer, fortschreitender, mitunter sprengender Kraft. Reinhart Koselleck kommentiert dies folgendermaßen:

„Im Horizont dieses Fortschreitens wird die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen zur Grunderfahrung aller Geschichte – ein Axiom, das im 19. Jahrhundert durch soziale und politische Veränderungen angereichert wurde, die den Satz in die Alltagserfahrung einholten“ (Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt/Main 2000, 325).

 

Dieser Text lehnt sich an Ausführungen, die ich zu einem früheren Zeitpunkt veröffentlicht habe, vgl. „Zur Ungleichzeitigkeit in der Weltgesellschaft„.

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Ein Gedanke zu “Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

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