Über den wahrheitsliebenden Politiker

 

Der folgende Beitrag wurde am 16. März 2015 auf dem Blog des Forschungsinstituts für Philosophie, Hannover, Philosophie Indebate veröffentlicht. An dieser Stelle erscheint nur das Vorwort. Denn vollständigen Beitrag finden Sie hier.

 

Über den wahrheitsliebenden Politiker

 

Für Michael Th. Greven 1947-2012

 

Politisches Handeln und Wahrheit haben nichts miteinander zu tun. So scheint es in der politischen Wissenschaft heutzutage Konsens zu sein.[i] Im Sinne einer Abrüstung politisch-religiöser Rhetorik und der Vermeidung immer wieder aufkeimenden Allmachtsphantasien sind solche Stimmen mehr als nachzuvollziehen. Politische Theologie im Sinne einer parteiischen Inwertsetzung unverfügbarer Wahrheit zur Unterfütterung wankender Ordnungsvorstellungen ist als Projekt gescheitert.

Das bedeutet aber nicht, dass die praktische Welt der Politik mit der transzendenten Sphäre der Wahrheit unter keinen Umständen in Berührung kommen darf. Ein solches Denk- und Handlungsverbot geht mit der Gefahr einher, dass jegliche Wahrheitsfrage aus dem politischen Raum herausgedrängt bzw. zur „bloß“ pragmatischen Richtigkeitsfrage relegiert wird. Dass die Frage nach der Wahrheit für das politische Handeln als unwichtig, ja, schädlich erachtet wird. Ganz zu schweigen davon, dass diese Forderung an der Wirklichkeit vorbeigeht, hätte sie praktische und theoretische Konsequenzen. Praktische Konsequenzen, da ein wahrheitsliebender Mensch nur noch mit einem um existentielle Teile reduzierten Selbstbild sich in die Politik einmischen dürfte. Theoretische Konsequenzen, da einer Anzahl von intellektuellen Anstrengungen im Grenzgebiet von Theologie, politischer Philosophie und politischer Theorie die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit abgesprochen werden würde.

Im Folgenden interessiert mich vor allem die praktische Seite des Verhältnisses von Wahrheit und politischem Handeln. Diese behandele ich freilich auf theoretische, besser, ideengeschichtliche Weise. Mir ist es ein Anliegen, dass dem anfangs geschilderten Ansinnen entgegen gesteuert wird. Nicht, weil es nicht opportun wäre über die Trennung von Wahrheitsglauben und konkretem politischen Tun nachzudenken. In ihrer institutionellen Auskleidung – eine mögliche ist jene von Kirche und Staat – ist solch eine Trennung in vielen Staaten Wirklichkeit, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung. Jenseits der institutionellen Sphäre liegen die Dinge aber gänzlich anders.

Und zwar: Wahrheit und die Beschäftigung mit ihr sind ist aus dem politischen Handeln von Menschen nicht wegzudenken. Wahrheitsliebende Menschen taugen als Politiker, in gleicher Weise wie pragmatische Menschen. Sie sind alles andere als das Einfalltor ungewünschter Fundamentalismen. Sie sind aber auch nicht vordringlich das Gewissen der Nation. Dies hieße Wahrheit mit Moral bzw. Ethik gleichzusetzen. Wahrheitsliebende Politiker wissen vielmehr um das, was jenseits des menschlich Machbaren liegt. Sie ahnen etwas von dem, was unserem Streben nach kollektiver Selbstorganisation – mit allen notwendigen Vorbehalten – in Richtung der Transzendenz übersteigt. Sie halten das politische Spiel der Mächte für ein wichtiges, aber letztlich eben „nur“ vorläufiges Geschehen. Der eigentliche Ort der Macht ist in ihren Augen nicht im Bereich des menschlichen Handelns zu finden. Diese Überzeugung hält der wahrheitsliebende Politiker (den es selbstverständlich auch in weiblicher Form gibt) für so bedeutsam, dass er sie nicht aus seinem politischen Alltag heraushalten möchte.

Wahrheitsfragen und religiöser Glaube überlappen an vielen Stellen miteinander, sind aber nicht identisch. Nicht jede Wahrheitsliebe speist sich aus explizit offengelegten religiösen Quellen. Und der religiöse Glaube garantiert noch lange keinen freien Blick auf die lichten Höhen der reinen Wahrheit, um eine herkömmliche metaphorische Sprache zu benutzen. Um im folgenden dem Vorwurf aus dem Weg zu gehen, mir ginge es nur darum, der organisierten Religion den Weg in das öffentliche Leben und Nachdenken (zurück) zu bahnen, werden meine drei ideengeschichtlichen Stationen nicht aus einem Terrain stammen, dem man traditionelle Religiosität vorwerfen könnte. Anhand dieser Stationen möchte ich nicht einfach meinem Argument auf die Beine helfen. Dazu finden sich bei meinen Quellen zu viele Widerworte. Vielmehr ist es mein Anliegen, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie über Wahrheit und politisches Handeln nachgedacht werden kann. Und wie auf dieser Grundlage eine eigene, durchdachte Stellungnahme aussehen kann.

Max Weber, Simone Weil und Hannah Arendt sind meine Frage betreffend keine unbelasteten Kandidaten. Sie stellen auch keine überraschende Auswahl dar. Sie sind aber alles andere als Apologeten einer unreflektierten Frömmigkeit bzw. einer emphatischen politischen Theologie. Sie werden sämtlich auch in der theologischen Disziplin rezipiert, lassen sich aber nicht theologisch vereinnahmen. Weber, Weil und Arendt gehen ganz unterschiedliche Wege, um politisches Handeln und Wahrheitsliebe miteinander zu verbinden bzw. die Grenzen einer solchen Verbindung aufzuzeigen. Der eine – Weber – begründet eine pragmatische, zurückhaltende Position, wie sie auch heute von pragmatischen, zurückhaltenden Politikern vertreten wird.[ii] Die zweite – Weil – treibt eine zugleich areligiöse und mystisch anmutende Wahrheitsliebe voran, die mitunter hart an die Grenze des Zumutbaren geht. Die dritte – Arendt – scheint zwischen den beiden Polen zu vermitteln ohne, dass dies ihr ausdrückliches Anliegen wäre.

Der wahrheitsliebende Politiker, wie er von Max Weber, Simone Weil und Hannah Arendt in unterschiedlichen Schattierungen beschrieben wird, ist ein Idealtypus. Dieser Idealtypus inspiriert viele Menschen in der Politik. Dabei handelt es sich um Menschen, die sich neben den Sachfragen und den pragmatischen Richtigkeitsfragen auch Fragen nach der bleibenden Gültigkeit und Glaubwürdigkeit ihrer Entscheidungen stellen. Diese Menschen sind sich darüber bewusst, dass ihr öffentliches Handeln mit einer erweiterten Verantwortung einhergeht und sie schuldig machen kann: vor den konkreten Menschen, aber auch vor der Grundverfassung unserer Wirklichkeit, die, folgt man der scholastischen Schuldefinition[iii], mit der Wahrheit korrespondiert. Für den wahrheitsliebenden Politiker ist diese Wahrheit – und damit komme ich einer „Definition“ von Wahrheit so nahe, wie es mir eben möglich ist – eine objektive Sinnwirklichkeit, die transzendent und handlungsanleitend, unanschaulich und wirkmächtig zugleich ist. Dass es eine solche für die alltägliche Politik relevante Grundverfassung bzw. Sinnwirklichkeit gibt, wird von den eingangs erwähnten Stimmen aus der Politikwissenschaft geleugnet. Selbst wenn man diesen Stimmen folgen würde, dann sollte das unbestreitbare Vorhandensein wahrheitsliebender Politiker einen doch wachsam dafür machen, dass politisches Handeln sich auch vor einem außeralltäglichen Horizont abspielt. Und zu diesem Horizont gilt es sich zu verhalten, wissenschaftlich-theoretisch und politisch-praktisch.

 

Der vollständige Beitrag findet sich hier.

Siehe auch meine Collage über Wahrheitsliebe & Politik.

 

[i] Beispielsweise Greven, Michael Th. 2000: Kontingenz und Dezision. Beiträge zur Analyse der politischen Gesellschaft, Opladen: Leske & Budrich, S. 61; Rorty, Richard 1999: Religion As Conversation-stopper, in ders.: Philosophy and Social Hope, London: Penguin, S. 168-174; Stein, Tine 2009: Die Bergpredigt als das ganz Andere der – modernen – Politik, in: Zeitschrift für Neues Testament, Jg. 12 Nr. 24, S. 50.

[ii] Vgl. Schmidt, Helmut 2011: Religion in der Verantwortung. Gefährdungen des Friedens im Zeitalter der Globalisierung, Berlin: Propyläen, S. 23ff.

[iii] „Es scheint aber, als sei Wahres ganz dasselbe wie Seiendes.“ So bei: Thomas v. Aquin 1986: Von der Wahrheit, Hamburg: Meiner, S. 3.

 

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