Ad fontes – Zu den Quellen!

Im normalen wissenschaftlichen Arbeiten der Sozial- und Geisteswissenschaften wird – hoffentlich – viel gelesen. Solche Lektüre besteht aus Quellen, also Primärliteratur, und aus Literatur über Literatur, also Sekundärliteratur.

Während in vielen wissenschaftlichen Disziplinen der Rückgriff auf Sekundärliteratur obligatorisch ist, geschieht die Nutzung von Quellen wahlweise. Es scheint wichtiger zu sein zu wissen, was die Kollegen und potentiellen Konkurrenten schreiben, als die Ursprünge der eigenen wissenschaftlichen Forschung auszumachen. Ausnahme ist die Geschichtswissenschaft und mit ihr auch die – interdisziplinär verortete – Ideen- und Begriffsgeschichte. Dort hört man immer wieder den Ruf „Ad fontes“ bzw. „Zurück zu den Quellen„. Der Umgang mit Quellen ist hier die Essenz des wissenschaftlichen Arbeitens. Geschichtswissenschaft lässt sich nur im Rückgriff auf Quellen wirklich betreiben.

Naivität den Quellen gegenüber ist freilich aber fehl am Platz. Über die Vorstellung, dass man in den Quellen den authentischen Zugang zur Vergangenheit findet, muss man schnell hinweg kommen. Quellen sind selektiv. Quellen können auch manipulativ sein. Quellen führen nicht zur vergangenen Zeit zurück. Sie führen zurück zu verschiedenen sprachlichen Zeugnissen über die vergangene Zeit, denn „sobald ein Ereignis in die Vergangenheit geraten ist, rückt die Sprache zum primären Faktor auf“ (Reinhart Koselleck 2006: Begriffsgeschichten, Frankfurt/Main: Suhrkamp: 18). Quellen bewerten diese vergangenen Ereignisse und verstehen kann sie nur der, der sie nicht für bare Münze nimmt, sondern sie in Beziehung setzt zu weiteren Zeugnissen derselben Geschichte.

Ein weiteres Hindernis kommt ins Spiel: Quellen sind nicht immer nur Quellen. Quellen sind oft auch Sekundärliteratur. Quellen beziehen sich auf andere Meinungen, anderswo verschriftlichte Meinungen, die in die Quellen als Stoff für die Diskussion eingehen. Eine Quelle ist immer nur eine Quelle in Bezug auf einen bestimmten Forschungsgegenstand. Was dem einen eine wertvolle Quelle ist, ist dem anderen randständige Sekundärliteratur. Was heute als Sekundärliteratur verfasst wird, kann in einer Generation zur wichtigen Quelle werden. Quellen sind somit relativ zu ihrer Umgebung.

Ben Myers schrieb vor einigen Monaten auf seinem Blog Faith & Theology: „For me, the most rewarding part of teaching is introducing my students to primary sources.“ Zum Unterrichten komme ich selten; aber zum Lesen. Und da ist es mir stets eine Freude, Quellenarbeit zu betreiben. Oder der Meinung zu sein, gerade Quellenarbeit zu bearbeiten. Dieses Gefühl stellt sich besonders bei demjenigen ein, für den Quellenarbeit nicht das Alltagsgeschäft ist, der seine Zeit zubringt mit policy papers, wissenschaftlichen Sammelbänden und anderen Texten aus der klassischen Sekundärliteratur. Während der Quellenarbeit bekommt man die (etwas trügerische) Sicherheit vermittelt: Hinter diese Lektüre muss ich nicht zurück. Mich interessiert dieser Text als Zeugnis eines Autors und nicht als Zwischenetappe im Verlauf einer langen Diskussion. Hier darf ich sein, bleiben und lesen.

Quellen bieten mir nicht nur die Meinung dar eines anderen Autors. Quellen verorten mich auch in einer anderen Zeit. Sie verzeitlichen mich an einem anderen Ort. In diesem Sinne gilt: Quellen dezentrieren. Rowan Williams spricht von der „importance of having some familiar concepts ‚made strange‘ for us by our historical studies“ (Rowan Williams 2005: Why Study the Past, London: DLT, 51). Quellen bestätigen mich also nicht in meiner Meinung. Sie schrecken mich auf und verunsichern mich. Wenn mich eine Quelle bestätigt in meiner Meinung, dann verwandelt sie sich für mich zur Sekundärliteratur. Quellen bieten Neues und Ungewohntes. Wer in seiner Arbeit nichts mehr Neues findet, dem wurde die ganze Welt des Geschriebenen zur Sekundärliteratur. Wie schade.

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