Über dialogische und kontemplative Wissenschaft

Ich habe in den vergangenen Jahren zwei Arten von originärer Wissenschaft bzw. Forschung kennengelernt. Es sind zwei Arten, die sich nicht feindlich einander gegenüberstehen. Vielmehr sind es zwei Arten, die sich im besten Sinne einander ergänzen (können); die, wenn sie beide gepflegt werden, zu reflektierten und innovativen Forschungsergebnissen führen (können).

Die erste Art des wissenschaftlichen Arbeitens ist der Dialog. Die dialogische Wissenschaft entsteht dort, wo sich Forscher offen begegnen und miteinander eine Idee entwickeln bzw. einer Frage nachgehen. Die dialogische Wissenschaft begegnet einem nicht so sehr auf Konferenzen und Tagungen; dort geschieht eher Präsentation und Repräsentation, weniger Dialog im Sinne eines Gesprächs oder einer Debatte. Dabei gilt die Regel: Je größer die Tagung ist, desto weniger geschieht Dialog und desto mehr wird Repräsentation praktiziert. Das muss nicht schlimm sein, denn auch die Wissenschaft – v.a. die wissenschaftliche Laufbahn – lebt von der Repräsentation. Doch man sollte sich von Tagungen eben nicht den großen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn erhoffen.

Die kleinste Konferenz (von conferre (lat.) – zusammentragen), die ich mir vorstellen kann, ist der Dialog zwischen zwei Personen. Solche Konferenzen können sich spontan beim Mittagstisch ergeben. Sie können auch geplant herbeigeführt werden. Aus diesen Dialogen entstehen Ideen für gemeinsame Vorhaben und Kooperationen. Auch die Vorbereitung von Forschungsprojekten wird oftmals in Form eines Dialogs zwischen zwei Personen durchgeführt. Nicht selten ist die dialogische Vorbereitung eines Projektes der eigentliche furchtbare Part des Projektes, denn hier werden Ideen entwickelt, verworfen, transformiert. Hier geschieht der entscheidende Erkenntnisgewinn, der freilich oftmals nur hypothesenhaft entworfen wird, um dann nachträglich in der eigentlichen Projektphase (bei Bewilligung!) mehr oder minder bestätigt zu werden.

Dialogische Wissenschaft ist besonders fruchtbar, wenn sie ohne Bindung an feste Hierarchien geführt wird. Der Dialog öffnet die Gesprächspartner für die Ideen und Gedanken des anderen, ganz egal in welchem Stadium der Laufbahn jene sich befinden. Was der Professor an Erfahrung und Belesenheit einbringt, kann durch die gesunde Unruhe und Innovationswilligkeit junger Nachwuchsforscher ergänzt werden. In Dialog miteinander treten also nicht nur verschiedene Ideen und Vorstellungen. Zu einem Dialog gehört das Zusammentreffen auch verschiedener Generationen, verschiedener Disziplinen, verschiedener Denkschulen und Prägungen.

Die dialogische Wissenschaft ist universitärer Alltag. Sie kann es – beim Zutreffen der geeigneten Rahmenbedingungen – auf jeden Fall sein. Die zweite Art des wissenschaftlichen Arbeitens ist außeralltäglich. Es ist die Kontemplation.  Diese kontemplative Wissenschaft ist spontan, unberechenbar und dezentrierend. Sie braucht Stille, Rückzug und Einsamkeit. Und sie braucht Zeit. Wie die dialogische Wissenschaft keine Wissenschaft des Dialogs ist, so ist die kontemplative Wissenschaft keine Wissenschaft mit dem Gegenstand der Kontemplation. Sie ist ein Art und Weise des Wissenschaft Treibens.

Mit Kontemplation ist an dieser Stelle das ruhige Betrachten, das Schauen gemeint. Betrachtet wird im Sinne der Kontemplation nicht vorwiegend das, was sich den eigenen Sinnen erschließt. Betrachtet und geschaut wird gerade das, was nicht an der Oberfläche liegt: verborgene Strukturen, subkutanes Gewebe der Sinnbildung, unanschauliche Elemente von Wahrheit. Thomas von Aquin schreibt in der Summe gegen die Heiden: „Das Ziel des Menschen ist es also, zur Schau der Wahrheit zu gelangen.“ (Summa contra gentiles, II, 83) Das ist freilich ein hoher – für viele wohl zu theologischer – Anspruch für die Wissenschaft. Doch Wissenschaft lebt gerade davon, dass sie an sich selbst Ansprüche anlegt, zu denen sie stets nur hinstreben kann, die sie aber nie gänzlich erfüllen wird können. Nur so erhält sich die für Wissenschaft notwendige Grundtugend der Neugier. Und was macht neugieriger als die Aussicht, die Wahrheit zu erfahren?

Die Verbindung von Kontemplation und Wissenschaft in Form einer kontemplativen Wissenschaft ist nicht gänzlich neu. Seit Max Weber werden beide miteinander verknüpft, entweder als Antipole oder als Duopol. Eric Voegelin formulierte in den 1930er Jahren folgende Ansicht:

„Die Kontemplation zieht ihrem Wesen nach den Menschen aus seinen Verstrickungen in Natur und Gesellschaft zurück; er nimmt an ihnen als kontemplativer nicht den aktiven Anteil des naiv in diesen Medien dahinlebenden, sondern er stellt sich bewusst außerhalb des Werdens, an seinen Rand, um es an sich vorbeiziehen zu lassen und im Anschauen versunken seine Ursprünge, Gründe und Formen, sein Woher, Warum und Wie zu finden.“ (Fragment zu Max Weber 1936, 1 d f, zitiert nach: Hans-Jörg Sigwart 2005: Zwischen Abschluss und Neubeginn. Eric Voegelin und Max Weber, Occasional Papers, Eric-Voeglin-Archiv, LMU, 2. Auflage, 63).

Voeglins Äußerung kann ich einiges abgewinnen: Das Verlangen, den Dingen auf den Grund zu gehen; die Haltung eines Abseits Stehens, die zur Kritik befähigt; das bisweilen zeitraubende, anschauende Verweilen. Gleichzeitig irritiert mich der formulierte schroffe Widerspruch zwischen Aktion und Kontemplation, als ob das kontemplative Betrachten mit der aktiven Handlung nichts zu tun habe. Doch dies ist eine andere Diskussion, die ich andernorts aufgegriffen habe.

Die etwas erratische kontemplative Wissenschaft kann am besten derjenige praktizieren, der nicht von der Wissenschaft lebt. Ein solcher „Privatgelehrter“ braucht nicht auf die wissenschaftlichen Moden und auf das Fortkommen in der eigenen wissenschaftlichen Laufbahn achthaben. Er folgt der Inspiration, die der Kontemplation entspringt. Der kontemplative Wissenschaftler sollte sich aber nicht von seiner wissenschaftlichen Umgebung abschotten. Auch er muss dialogische Wissenschaft betreiben. Denn das in der Kontemplation Geschaute muss – das ist erste Bedingung jeder Wissenschaft – kommunikabel sein. Man muss mit anderen darüber sprechen können. Man muss es wagen, sich der Kritik Anderer zu stellen. Dies gerade deshalb, da die kontemplative Wissenschaft Erkenntnisse hervorbringt, die nicht dem kollegialen Gespräch entspringen. Der Grat, der die kontemplative Wissenschaft von der Esoterik trennt, kann nämlich schmal, sehr schmal sein.

 

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Ein Gedanke zu “Über dialogische und kontemplative Wissenschaft

  1. Pingback: “Contemplation comes to fulfill the intellectual life” – Über Kontemplation und Wissenschaft | Rotsinn

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