Religiöse Identitäten in politischen Konflikten – ein Tagungsbericht

Wie verhalten sich religiöse Identitäten in politischen Konflikten?

Dieser Frage ging eine Tagung an der Evangelischen Akademie Berlin (auf Schwanenwerder) am 21. und 22. November 2014 nach. Die Tagung wurde ausgerichtet von der Evangelischen Akademie gemeinsam mit dem Arbeitskreis Politik und Religion der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft und dem Forschungsverbund „Religion und Konflikt“. Das vollständige Programm der Veranstaltung findet sich hier.

Eine erste Erkenntnis der Tagung ergab sich mit der von allen Referenten geteilten – und fast schon selbstverständlichen – Auffassung, dass Individuen (und darauf aufbauend auch Kollektive) über eine komplexe, mehrdimensionale Identität verfügen. Menschen sind nie nur religiös, sondern besitzen weitere Identitätsmerkmale, die sich nach Ort und Zeit auch unterscheiden: Stand, Klasse, Stamm, Volk, Familie, Körper, Nation … . Die religiöse Identität bildet nur einen Aspekt einer individuellen Identität, wie es unter anderem Heinrich Schäfer (Bielefeld) unter Zuhilfenahme eines komplexen und an Pierre Bordieu angelehnten Habitus-Modells betonte. Diese Identität ist auch nicht als abgrenzbare Substanz zu verstehen, sondern ist ihrem Wesen nach relational. Gerade dies habe Samuel Huntington bei der Konstruktion seines Kulturkampf-Theorems übersehen, in dem er Kulturen und Religionen eine statische Natur unterstellte, wie Antonius Liedhegener (Luzern) anmerkte (vgl. zu S. Huntingtons Theorem auch diesen Tagungsbericht vom vergangenen Jahr).

Die religiöse Identität – eine zweite grundlegende Erkenntnis – verhält sich in politischen Konflikten ambivalent. Mithilfe der mimetischen Theorie von René Girard schrieb Jodok Troy (Innsbruck) der Religionen zugrunde liegenden Erfahrung von Sakralität generell eine Nähe zur Gewalt zu. Dies machte er vor allem an dem Begriff des Opfers fest. Die Nähe zur Gewalt liege nicht nur am zeitlichen Ursprung einer Religion, so Troy, sondern sei systematisch für das Verständnis von Religion überhaupt. In eine ähnliche Kerbe schlug Wolfgang Bergem (Siegen). Dieser äußerte die Meinung, dass religiöse „Virtuosen“ (Max Weber) eine höhere Anfälligkeit/Disposition für gewalteskalierendes Denken und Handeln besitzen. Dies liege unter anderem daran, da diese hochreligiöse Menschen dazu neigten, die religiösen Merkmale ihrer Identität auf Kosten anderer Merkmale zu verabsolutieren.

Diese Skepsis gegenüber einer ’starken‘ religiösen Identität wurde durch Vorträge, die sich konkreten Fällen widmeten, verstärkt. Anja Hennig (Frankfurt/Oder) wies bei ihrer Präsentation auf die polarisierende Rolle von konservativ-katholischen Personen und Gruppen im zeitgenössischen Spanien hin. In moral-politischen Debatten (bspw. zur Entkriminalisierung der Abtreibung) bedienten diese Akteure sich einer religiös-säkularen Konfliktlinie, die sie in der spanischen Gesellschaft vorfänden. Dadurch trügen sie zur Politisierung von Religion bei, was vor allem angesichts der dezidiert moderierenden Rolle katholischer Kreise im Nachbarland Portugal auffallend sei.

Auch der Beitrag von Mathias Tanner (Basel) machte deutlich, dass Argumentationsmuster, die sich aus einer bestimmten religiösen Identität speisen, oft gesellschaftliche Konfliktlinie verschärfen können. Mit Blick auf den Fall des (gewalttätigen) Konflikts im nigerianischen Jos lies Tanner aber auch die Möglichkeit einer Instrumentalisierung von Religion klar hervortreten. Religiöse Konfliktlinien sind dann nur von nachrangiger Bedeutung. Die eigentlichen, sozioökonomische Konfliktursachen werden durch eine solche Instrumentalisierung nur allzu oft verdeckt.

Die Tagung gab viele hilfreiche Anregungen für die Beschäftigung mit dem Themenkomplex Religion, Politik und Gewalt. Wie immer bei solchen Veranstaltungen blieben aber auch Fragen unbeantwortet. Aus meiner Sicht waren dies folgende:

1. „Ambivalenz“ – so könnte man leicht aus den Tagungsbeiträgen schließen – ist ein fast schon zu vorsichtiger Ausdruck für die offensichtlich stark polarisierende Rolle von religiöser Identität in politischen Konflikten. Die Diagnosen und Interpretationen der insgesamt zehn Referentinnen und Referenten waren diesbezüglich meist ernüchternd. Gleichzeitig gibt es aber auch viele Beispiele für eine schlichtende Rolle von Religion in Konflikten. Diese standen auf Schwanenwerder jedoch eher im Hintergrund.

2. Es erwies sich auch als schwierig, den genauen Umständen auf die Spur zu kommen, die über eine schlichtende bzw. polarisierende Rolle von religiöser Identität entscheiden. Es gibt Gruppen, die sich ein hohes Maß an Religiosität zu schreiben, gleichzeitig aber konflikteskalierend wirken; Thomas Scheffler (Beirut) nannte für den Libanon das Beispiel maronitischer Mönchsorden. Gleichzeitig gibt es unbestritten auch eine friedensförderliche Form der organisierten Hochreligiosität. Leider fehlte es bei der Tagung an Kriterien, die ein Urteil darüber möglich machen, welche spezifischen (theologischen bzw. politischen) Ursachen an der Wurzel der religiös motivierten Gewalt bzw. an der Wurzel des religiös motivierten Friedens liegen.

3. Darauf aufbauend blieb auch die Frage unbeantwortet, was religiöse Gemeinschaften denn tun können – Willigkeit vorausgesetzt – um einer polarisierenden religiösen Identität in ihren eigenen Reihen vorzubeugen. Anders formuliert: Gibt es eine Form von religiöser Radikalität im spirituellen Lebensentwurf, die gerade nicht politisch polarisiert und exkludiert; die ihre Radikalität gerade in der Inversion politischer Machtansprüche sieht?

4. Der Tagungstitel lautete „Religiöse Identitäten in politischen Konflikten“. Ausnahmslos alle Vorträge gingen davon aus, dass die Kausalkette von den religiösen Identitäten zu den politischen Konflikten verläuft. Man hätte das Thema aber auch anders herum angehen können: Was stellen politische Konflikte mit den religiösen Identitäten der Beteiligten an? Werden diese eher verschärft konturiert oder kommt es eher – aus Enttäuschung bspw. – zu einer Auswaschung religiöser Gestimmtheit?

 

 

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