Eine sechste Bemerkung zum Naturrecht

Am Ende meines vergangenen Beitrags schrieb ich davon, dass das Naturrecht uns vor den „schlimmsten Zumutungen“ bewahren könnte. Was war mit dieser Schlussbemerkung gemeint?

Gemeint war, was unter anderem nach 1945 im Rückblick auf das nationalsozialistische Terrorregime erkannt wurde: Es gibt „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Diese sind bestimmt als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit, unter anderem: Mord, ethnische Ausrottung, Versklavung, Deportation und andere unmenschliche Akte gegen die Zivilbevölkerung oder: Verfolgung aufgrund von rassistischen, politischen und religiösen Motiven; unabhängig davon, ob einzelstaatliches Recht verletzt wurde.“ (Nachweis hier)

Einzelstaatliches, positives Recht und das Naturrecht, wenn man denn von seiner Existenz überzeugt ist, können also konträr zueinander stehen. Auch wenn das positive Recht keine Ahndung von bestimmten grausamen Akten vorsieht, so kann dies das Naturrecht mittels des Rückgriffs auf den Terminus „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ durchaus.

Theoretisch ist diese konfliktive Konstellation spätestens seit Sophokles‘ Antigone bekannt. Ganz praktisch wurde sie nach 1945, als die Prozesse gegen die nationalsozialistischen Verbrecher auch vor einem naturrechtlichen Interpretationshintergrund geführt wurden.

Das Naturrecht hatte in diesem Zusammenhang eine kritische Qualität inmitten der Weltgeschichte gewonnen. Es konnte gegen die Ideologie eines Terrorregimes angewandt werden, das selbst vulgär-naturrechtliche Wurzeln sich verpasst hatte, und darauf fußend menschenfeindliches staatliches Recht.

So stand gewissermaßen ‚Naturrecht‘ gegen Naturrecht. Diese Zweiseitigkeit – restauratives vs. revolutionäres Naturrecht bzw. staatstragendes vs. Kritik übendes Naturrecht – ist der Idee des Naturrechts eingepflanzt (vgl. Historisches Wörterbuch der Philosophie: Naturrecht, Sp. 566f.).

Die Frage ist: Kann ich eine ‚vulgäre‘ Vereinnahmung des Naturrechts nur dadurch vermeiden, indem ich zu explizite naturrechtliche Formulierungen auf Distanz halte? Oder hilft mir wiederum nur ein explizites Naturrecht dabei, zwischen dem Original und der schlechten Kopie zu unterscheiden?

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2 Gedanken zu “Eine sechste Bemerkung zum Naturrecht

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