Fünf Bemerkungen über das Naturrecht

1.

In den vergangenen Wochen beschäftigte ich mich intensiver mit dem Naturrecht. Anlass war die  „Familiensynode“ der katholischen Bischöfe, die vom 8. bis 19. Oktober in Rom tagte. In den hinführenden Papieren zu dieser Synode spielte das Naturrecht eine bedeutende Rolle. In dem Vorbereitungsdokument in der Form eines Fragebogens (vom November 2013) waren mehrere Fragen zum Verhältnis von Naturrecht und Ehe zu finden: Sie lauteten: „Welchen Raum nimmt der Begriff des Naturrechts in der weltlichen Kultur ein, sowohl auf institutioneller, erzieherischer und akademischer Ebene als auch in der Volkskultur? Welche anthropologischen Sichtweisen liegen dieser Debatte über das natürliche Fundament der Familie zugrunde? Wird der Begriff des Naturrechts in Bezug auf die Verbindung zwischen Mann und Frau von Seiten der Gläubigen im Allgemeinen akzeptiert?“

Die defensive Formulierung dieser Fragen macht deutlich, dass das Naturrecht offenbar auch innerhalb des katholischen Diskurses einen schweren Stand hat. Das liegt u.a. daran, dass ein Verweis auf das Naturrecht oft mit inhaltlich umstrittenen Positionen (z.B. im Bereich der Sexualmoral) identifiziert wird. Das Naturrecht unterliegt dem generellen Verdacht eines Diskussionsblockers.

Wiederum ist auffallend, dass es in säkularen Diskursen durchaus möglich ist, auf das Naturrecht (oder auf ein funktionales Äquivalent) zu rekurrieren, wenn auch nicht so sehr mit Verweis auf kirchliche Quellen, sondern eher in Rückbezug auf die griechische Klassik. Ein Blick in den einschlägigen Artikel  im „Historischen Wörterbuch der Philosophie“ macht deutlich, dass die Rolle des Naturrechts bis heute in dieser Art Diskurse kontrovers debattiert wird. Das geschieht unter anderem im globalen Diskurs um die Menschenrechte. Die Universalität bestimmter Menschenrechte lässt sich eben mit einem Verweis auf deren Natürlichkeit bzw. Ursprünglichkeit gut begründen, anders wohl kaum.

 

2.

Der Text der Internationalen Theologischen Kommission „Auf der Suche nach einer universalen Ethik. Ein neuer Blick auf das natürliche Sittengesetz“ ist eine hervorragende, wenn auch dezidiert römisch-katholische Einführung in die Thematik des Naturrechts.

Eingeprägt hat sich mir besonders ein Satz des Papiers: „Das natürliche Sittengesetz, das der sozialen und politischen Ordnung zugrunde liegt, verlangt keine Zustimmung des Glaubens, sondern der Vernunft“ (§99). Damit ist ausgesagt, dass die Erkenntnis des natürlich Rechten und Wahren keine Sache nur der Gläubigen, sondern für alle Menschen möglich ist. Auf dieser Grundlage fußt dann auch das Gesprächsangebot an jene Menschen, die eine andere oder keine Religion besitzen. Freilich folgt wenig später die Präzisierung, Jesus Christus sei die „die Erfüllung des natürlichen Sittengesetzes“ (§101). Nun stellt sich bei einem aufmerksamen Leser die Frage: Kann die zweite Aussage nicht nur jener bejahen, welcher dem natürlichen Sittengesetz auch in einer Zustimmung des (christlichen) Glaubens begegnet? Und angeschlossen daran: Ist eine solche Konzeption des natürlichen Sittengesetzes wirklich „vernünftig“ und universal im „objektiven“, auch nicht-christlichen Sinne?

An einer weiteren Stelle des Papiers (in § 34) wird das „Lehramt der Kirche“ als „Garant und Interpret“ des natürlichen Sittengesetzes bezeichnet. Auch hier muss fragend bemerkt werden: Büßt das natürliche Sittengesetz durch eine solche Formulierung nicht an Universalität ein, indem – wiederum objektiv betrachtet – eine bestimmte Partei zu dessen authentischem Interpreten erhoben wird? Wie viel „Vernunft“ bzw. „Natürlichkeit“ steckt im Naturrecht bzw. wie viel „Glaube“ muss zu dessen Erkenntnis aufgebracht werden?

Trotz dieser Fragen, die besonders für den interreligiösen Dialog wichtig sind, empfehle ich dieses Papier sehr zur Lektüre. Ich habe bislang nicht mitbekommen, dass es eine breite Rezeption erfahren hat.

 

3.

In seiner Relektüre der Bundestagsrede von Papst Benedikt XVI. weist der Moraltheologe Johannes Reiter auf einen weiteren Fragekomplex im Zusammenhang mit dem Naturrecht hin: Wie weit möchte man dessen innere Struktur ausformuliert wissen (vgl. Der Papst und das Naturrecht. in: Trierer Theologische Zeitschrift, 122. Jg., Nr. 2/2013)? Oder anders herum: Die Überzeugungskraft des Naturrechtes beginnt dort zu leiden, wo es zu detailreich ausformuliert wird.

Mithilfe eines historischen Rückblicks auf die Entwicklung des naturrechtlichen Denkens warnt Reiter vor ambitionierten Versuchen, das Naturrecht detailreich zu beschreiben. Reiter schreibt: „Der Inhalt des Naturrechts ist nicht so umfangreich, wie man annehmen könnte; es sind nur die ersten und allgemeinsten Prinzipien und Normen, die der menschlichen Vernunft ohne weiteres einleuchten … .“ Und auf die Gefahr einer fortschreitenden Verdunklung hinweisend fügt Reiter hinzu: „Je mehr das Naturrecht sich nun von den obersten Prinzipien entfernt in Richtung konkreter Normen, umso ungenauer wird es in seiner Aussage (Gesetz der abnehmenden Treffsicherheit) und desto größer wird für den Menschen die Gefahr, dass er trotz langen und anstrengenden Überlegungen irrt, dass er die Wahrheit verfehlt. Somit hat auch das Naturrecht seine Grenzen.“ (beide Zitate ebd. S. 98).

 

4.

Ein Beispiel solcher  „langen und anstrengenden Überlegungen“ findet sich in dem Essay des Moralphilosophen John Finnis „Moral Absolutes. Tradition, Revision, and Truth“ aus dem Jahr 1991. Finnis, wie Johannes Reiter ehemaliges Mitglieder in der schon erwähnten Internationalen Theologischen Kommission, traut es sich zu, einzelne moralische Fragen auf Absolute, sprich, das Naturrecht zurückzuführen.

Mit einiger Genialität leitet Finnis konkrete naturrechtliche Aussagen wie die folgende ab: „Adultery, defined as sex with another’s spouse, is always wrong, whatever the circumstances.“ (36). Eine solche Aussage wird auf den ersten Blick kaum Widerspruch hervorrufen, gemeinsam mit einer weiteren Aussage von Finnis ergeben sich jedoch Fragezeichen: „One may never do wrong in order to prevent a greater wrong.“ (65) Das heißt: Auch wenn der Akt des Ehebruchs den Tod vieler Menschen verhindert (weil man einen Tyrannen dadurch daran hindert, ein Massaker an unschuldigen Kindern zu verüben …), ist er in sich falsch und zu unterlassen. Der Mensch hat also nur eine primäre Verantwortung für seinen eigenen Handlungen, aber keine sekundäre Verantwortung für die Folgen einer unterlassenen Handlung.

Das eine ist die ausgesprochene Alltagsferne solcher künstlich konstruierten moralischen Entscheidungssituationen. Das andere ist die, ja,  Tollkühnheit, mit der von John Finnis jegliche Formen von moralischen Dilemmata ausgeräumt werden. Bei der Lektüre seines Essays erhält man den Eindruck, moralische Dilemmata existieren schlichtweg nicht, da alle moralischen Entscheidungen letztlich naturrechtlich zurückgebunden werden können.

Es ist gerade dieser Hang zur Allwissenheit einer bestimmten naturrechtlichen Denkrichtung, die das Naturrecht im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts in Misskredit gebracht hat. Letztlich beraubt ein solcher Art bestimmtes Sittengesetz den Menschen jeglicher Freiheit in der moralischen Entscheidungsfindung. (siehe auch meinen Beitrag zur Situationsethik).

 

5.

Gerade vor solch einem Hintergrund plädieren andere, säkulare Stimmen für ein fast schon substanzloses Naturrecht. Dieses enthält dann keinerlei positiven Aussagen mehr, sondern besteht nur noch in der Form eines negativen Korrektivs.

In einem Essay zum Thema schreibt Jutta Limbach, ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichtes: „Der Inhalt des Naturrechts ist nicht weniger fragwürdig als seine Geltung.“ Und sie ergänzt: „Das Problem auch des rationalen Naturrechts besteht darin, daß sich über seinen Maßstab und seine Methoden keine wissenschaftlich gültigen Aussagen machen lassen.“ Sozusagen als Kommentar zu Johannes Reiters Position fügt sie an: „Die Versuche, ein Natur- oder ein Vernunftrecht logisch, ontologisch oder teleologisch zu begründen, führen über sehr allgemeine  Maximen nicht hinaus.“ (Jutta Limbach: Naturrecht, in: Anette Selg & Rainer Wieland 2001: Die Welt der Encyclopédie, Frankfurt/Main, 272).

Schwerwiegende methodische Hindernisse auf dem Weg der Erkenntnis eines möglichen Naturrechts lassen Limbach vorsichtig sein. Es scheint ihr eher ein Vehikel metaphysischer Überzeugungen zu sein, als rational begründbar. Und für allgemeine Sätze wie „Tue Gutes, vermeide das Böse.“ bedarf es keines Naturrechts, sondern es genügt der gesunde Menschenverstand, so kann man die Richterin verstehen.

Diese Skepsis gegenüber eines positiv ausformulierten Naturrechts bringt Limbach zu dem Schluss, dass naturrechtliche Sätze oftmals „Leerformeln“ seien, „die jedes Normgehaltes entbehrten“ (ebd.). Und sie schließt an: „Als herausfordernde Idee mag der Topos von einem richtigen Recht unverzichtbar sein. Doch es formuliert keinen Maßstab, sondern eine Aufgabe“ (ebd., 273).

So bleibt es an dem Beobachter solcher Debatten zwischen Skylla  und Charybdis zu wählen: Entweder man plädiert für ein bissiges, d.h. detailreiches Naturrecht, gerät dann aber schnell unter Ideologieverdacht. Oder man optiert für ein allgemeines Naturrecht, muss sich dann aber die Nachfrage gefallen lassen, was man mit solch einem zahnlosen Tiger anfangen wolle.

Beginnen kann man vielleicht mit der These, dass das Wissen um die Existenz eines Naturrechts – oder alternativ: eines gesunden Menschenverstandes – uns vor den schlimmsten Zumutungen bewahren kann. Das darf aber sicherlich nur ein Anfang sein.

 

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9 Gedanken zu “Fünf Bemerkungen über das Naturrecht

  1. Pingback: Naturrecht als Methode | Rotsinn

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  3. Pingback: Naturrecht und Kirchenasyl | Rotsinn

    • Vielen Dank für Ihre Fragen!
      Ein kurzer Versuch der Antwort: Die affirmative Rede vom Naturrecht setzt voraus, dass ich einen bestimmten und objektiven Begriff von der Natur habe. Dieser besteht natürlich nicht vorrangig in einem Bezug auf Flora und Fauna, sondern verweist auf die Bedingungen der Möglichkeit unserer Geschöpflichkeit. Die affirmative Rede vom Naturrecht setzt ebenso voraus, dass ich einen normativen Begriff von Natur habe. Das heißt: Aus meiner Natur als Mensch heraus ergeben sich bestimmte Rechten und Pflichten, Wesenszüge und Charaktereigenschaften etc.
      In meinem Text deute ich auf einige Probleme hin, die mit solch einer affirmativen Rede einhergehen. Gleichzeitig halte ich den Gedanken des Naturrechts für sehr wertvoll. Der Halbzeitstand dieser Debatte liegt aus meiner Sicht also bei 1:1.

    • Mich wundert, dass Sie gar nicht auf die Idee kommen, dass das Recht sich auch anders begründen kann, als durch den Rekurs auf die Natur.

      Sie scheinen ja einen transzendentalen Naturbegriff zu haben und vermute, dass das nicht der Naturbegriff eines Thomas von Aquin ist, von dem sich die Naturrechtsspekulationen der Kirche im Wesentlichen fußen.

      Dann müssen m.E. auch vorsichtig sein, mit dem Begriff „Geschöpfllichkeit“, denn eine transzendentale Bedingung von Geschöpflichkeit ist, dass das Geschöpf von Gott geschaffen wurde. Das wäre dann aber ein Naturbegriff, den Nichtchristen nicht nachvollziehen können. Somit wäre ein wesentliches Ziel des Naturrechtes nicht erfüllt.

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  5. Eine Leserin schreibt:
    „Danke, interessant und die neuralgischen Punkte einleuchtend zusammengefasst; manchmal ist nicht erkennbar, welche Linie der Autor geht, was genau sind seine Schlußfolgerungen…? Prinzipien können ja schon „aus Prinzip“ nicht auf entstehende Dilemmata „eingehen“; eine prinzipiell als falsch erkannte Handlung bleibt in sich falsch, wenn sie auch situativ zum Guten führt… Ein Phänomen, das doch gerade der Begriff des „Dilemma“ versucht, einzufangen als eine menschliche Wirklichkeit. Die sich natürlich aus Prinzipiellem ergibt, denn wo (einzelne) Situation und (einzelne) Freiheit das Handlungspaar bilden, kann es doch eigentlich kein Dilemma geben?! „

    • Das Dilemma scheint mir gerade darin zu liegen, dass in einer bestimmten Situation sowohl die eine als auch die andere Handlung objektiv falsch ist. In dem zitierten Beispiel: die eine Handlung (Ehebruch), weil sie in sich falsch ist; die andere (Nicht-Ehebruch), weil sie katastrophale Folgen hat, die ich hätte verhindern können. Die Frage ist, ob die Folgenabwägung teil einer moralischen Bewertung von Entscheidungssituationen ist. John Finnis tendiert hier zu einem ‚Nein‘. Damit räumt er aus meiner Sicht das Dilemma – auf jeden Fall theoretisch – aus der Welt: Es ist klar, wie ich mich objektiv zu entscheiden habe.

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