Rowan Williams: „The Other Mountain“ – eine Besprechung

Rowan Williams, ehemaliger Erzbischof von Canterbury und jetziger Master des Magdelene-College in Cambridge, hat in seiner jetzigen Tätigkeit wieder Zeit und Muße Gedichte zu schreiben und zu veröffentlichen. Sein jüngster Gedichtband ist im August in Großbritannien bei Carcanet erschienen und trägt den Titel „The Other Mountain“.

Dankbarerweise schaltet Williams seinen Gedichten eine kurze Einführung vor. In dieser geht er auf die Entstehungsgeschichte einiger der Gedichte ein, die in dem neuen Band abgedruckt sind. Manche Verständnisschwierigkeiten, die beim Lesen entstehen mögen, werden auf diese Weise gleich zu Beginn ausgeräumt. Das macht die Lektüre aber nicht weniger anspruchsvoll.

Einige der Gedichte sind Auftragswerke (der Universität Cambridge, von zivilgesellschaftlichen Initiativen usw.). Andere nehmen Bezug auf die Biographien unterschiedlicher, für Williams eigenes Schaffen bedeutender Individuen (z.B. der walisische Dichter Waldo Williams). Wieder andere entwerfen Landschaftsbilder und platzieren die zerbrechliche menschliche Existenz darin. Die Gedichte stammen aus einer längeren Schaffensperiode bzw. beziehen sich offenbar auch auf Erfahrungen, welche der Dichter auf Reisen in seiner Funktion als anglikanischer Erzbischof machte.

Williams Sprache – gerade bei den Naturgedichten – ist opulent in ihrem Bilderreichtum, zielt aber nicht auf Überwältigung des Lesers ab. Vielmehr spricht aus ihr eine Verletzlichkeit der menschlichen Wahrnehmung und des menschlichen Sprachempfindens angesichts einer von dunklen Erinnerungen durchpflügten Landschaft. Für Williams ist diese Landschaft in The Other Mountain zumeist die an Kontrasten reiche Topographie Wales‘. Hier vereint sich für ihn keltische Mythologie („The West is where the dead sail“) mit dem modernen Empfinden eines Kollaps der Sprache („What is the shore?/ The debris of an argument/ between the level grammar of the sea/ and the wild singular nouns of stone.“). Nicht Unschuld und Reinheit findet der Wanderer an der Küste Wales‘ vor, sondern „bullets of water in the grey rain/ a lash of rapid pain on the the cheek“ (in „Caldey“).

Bei einem Mann wie Williams liegt der Verdacht nahe, dass der christliche Glaube bei allem Geschriebenen stets mit Händen zu greifen ist. Williams meinte jedoch beim vergangenen Edinburgh International Book Festival im August, er fühle sich nicht als ein religiöser Dichter, sondern als ein Dichter, dem Religion sehr wichtig sei. So sind die religiösen Bezüge in „The Other Mountain“ oberflächlich auch nicht stark ausgeprägt. Sie offenbaren sich einem Leser erst Schritt für Schritt, wie er die unterschiedlichen Schichten der Gedichte zu sezieren versucht. Wenn auch eine Sentenz wie „Stations of the Gospel“ in seinen 21 Haikus zu den 21 Kapiteln des Johannes-Evangelium einen unmittelbaren Bezug zu einer der christlichen Glaubensurkunden herstellt, so ist Williams Umschreibung der Kapitel dennoch frei von frommen Formeln. Die Episode von der Speisung der Fünftausend und die Rede Jesu von sich als dem Brot des Lebens aus Kapitel 6 klingen bei Williams so: „Bread’s flavours: sand,/ grass, salt, stone, blood, an open cut/ from the shore’s litter.“ Und die Auferstehungssequenz aus Kapitel 20 klingt folgendermaßen: „Put your ear to the crusted gash/ in stone or flesh; the mouth/ speaks your name.“

Solche Verse sind auf den ersten (und zweiten) Blick nicht erbaulich. Sie wollen es auch nicht sein. Vielmehr sind es die Versuche eines Dichters, sich an menschliche und spirituelle Grenzerfahrungen sprachlich heranzutasten, ohne sie auf eine bestimmte Deutung festzulegen. In seinem Vorwort unterlegt Williams diese sprachliche Verstehensversuche mit einem durchaus politischen Motiv. Dort schreibt er: „The question is to do with what words resist buchery; what has to be said if manic violence is not the last word.“

Da ist es gleichgültig, ob Williams eine walisische Landschaft beschreibt („The Other Mountain: Riding Westward“), eine Reiseerfahrung aus dem Kongo wiedergibt („BaTwa in Boga“) oder einer frühchristlichen Märtyrerin in seiner Dichtung gedenkt („Felicity“): das Projekt einer Öffnung der verwundeten Welt hin zu einem Mehr von Sinn und Erfüllung ist bei ihm subkutan nie weit.

 

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